»Sag mir die Wahrheit. Du meinst, Muadnat hat die Klage nicht aus der Luft gegriffen? Ist sein Anspruch begründet?«
Archü war rot geworden. Er machte eine hilflose Geste.
»Er ist zu schlau, eine solche Anklage nur zu erfinden.«
Fidelma schwieg einen Moment.
»Ist dir klar, was das bedeutet?«
»Es heißt, daß mein lieber Vetter Muadnat sich wiederholen wird, was für kurze Zeit mir gehörte. Er wird den Hof meiner Mutter an sich reißen. Ich werde wieder landlos sein«, schloß Archü bitter.
Kapitel 10
Das Gerichtsverfahren wurde in aller Form abgehalten. Cron trug über ihrem blauen Seidenkleid eine lange bunte Amtsrobe mit einer kunstvollen Goldbrosche. Belustigt stellte Fidelma fest, daß sie Schaflederhandschuhe angelegt hatte. Bei vielen Clans gehörten solche Roben und Handschuhe zur Amtskleidung des Fürsten, wenn er zu Gericht saß. Cron hatte offensichtlich große Sorgfalt auf ihre Kleidung, ihre Toilette und die Auswahl ihres Parfüms verwendet, und Lavendelduft erfüllte den Raum. Sie nahm ihre Rolle als erwählte Fürstin ohne Zweifel sehr ernst.
Cron saß in ihrem Amtssessel in der Festhalle. Neben dem reich geschnitzten Holzsessel war auf dem Podium ein zweiter Stuhl für Fidelma aufgestellt worden. Duban stand etwas seitlich vor dem Podium in seiner offiziellen Funktion als Kommandeur der Wache, während die beteiligten Parteien auf Holzbänken vor dem Podium saßen. Muadnat und sein Gefährte mit dem dunklen Haar und dem schmalen Gesicht, der schon in Lios Mhor dabei gewesen war, hatten ihren Platz zur Rechten, während Archü und Scoth links bei Eadulf saßen. Die Krieger von Dubans Wache standen im Hintergrund der Halle. Als Fidelma die Halle betrat, bemerkte sie, daß dort hinten auch Pater Gorman Platz genommen hatte.
Als Fidelma sich neben Cron niederließ, erkannte Muadnat sie sofort, sprang auf und schrie: »Ich protestiere!«
Cron setzte sich und sah ihn gelassen an.
»Du protestierst bereits? Wogegen?«
Muadnat starrte Fidelma wütend an und wies mit dem Finger auf sie.
»Ich dulde nicht, daß diese Frau hier meinen Fall entscheidet.«
Crons Mund wurde schmal.
»Diese Frau? Wen meinst du damit?«
Muadnat biß sich auf die Lippen.
»Fidelma von Kildare«, knurrte er.
»Schwester Fidelma sitzt hier auf meine Einladung hin. Sie ist eine dalaigh bei Gericht und in der Rechtskunde bewandert. Gibt es einen Grund, aus dem du etwas gegen ihre Anwesenheit einzuwenden hast, Mu-adnat?«
Muadnat kochte vor Zorn.
»Ich erhebe Einspruch wegen ... wegen ...« Er suchte nach dem richtigen Wort. »Wegen Befangenheit. Sie hat bereits bewiesen, daß sie den Angeklagten bevorzugt. Sie sollte über seinen Anspruch auf Land entscheiden, das mir gehörte, und sie sprach es ihm zu. Ich will nicht, daß sie als Richterin in meinem Fall urteilt.«
»Das wird sie auch nicht«, antwortete Cron sanft. »Ich bin die Richterin in diesem Fall. Ich habe zu entscheiden, aber Schwester Fidelma sitzt neben mir, um mich zu beraten, und das wird sie auch tun. Nun trage deinen Anspruch vor, Muadnat, wenn du einen zu stellen hast.«
Schwester Fidelma beugte sich zu Cron hinüber und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Cron nickte ernst und sagte laut zu Muadnat: »Ich habe deine beleidigenden Worte gegenüber einem Brehon zur Kenntnis genommen. Das ist ein ernstes Vergehen. Du hast dafür den Sühnepreis des Geschädigten zu bezahlen.«
Muadnat blieb vor Schreck der Mund offen.
Cron hielt inne, um ihre Worte wirken zu lassen. Dann fuhr sie fort: »Da du aber wahrscheinlich in Unkenntnis gesprochen hast, ist Schwester Fidelma bereit, auf den Sühnepreis zu verzichten. Sie kann die Beleidigung jedoch nicht übergehen, denn damit würde sie sich nach dem Gesetz der Hinnahme einer Beleidigung schuldig machen und ihren Sühnepreis verlieren. Deshalb ist eine Entschädigung von deiner Seite erforderlich. Wir werden darauf zurückkommen, wenn ich«, sie betonte das Wort, »die Anklage gehört habe, die du vorzubringen hast.«
Der stämmige Mann zögerte, schwankte ein wenig, als habe er einen Schlag erhalten, doch dann fand er sich anscheinend mit Crons Spruch ab und riß sich zusammen. Er starrte böse vor sich hin.
»Na schön. Die Tatsachen sind klar, und ich habe einen Zeugen dafür, meinen Oberhirten und Neffen, Agdae, der hier neben mir sitzt.«
Er wies auf seinen Gefährten.
»Nenne uns diese Tatsachen«, forderte Cron ihn auf.
Es gab eine Bewegung hinter dem Podium, und Cranat trat rasch ein. Sie war so reich gekleidet wie immer. Verärgert runzelte sie die Stirn, als sie Fidelma auf dem Platz sah, den sie zweifellos als den ihr gebührenden betrachtete. Sie verhielt den Schritt, doch bevor sie etwas sagen konnte, redete Cron sie an, spürbar gereizt über die Unterbrechung: »Mutter, du hast mir nicht gesagt, daß du der Verhandlung beiwohnen willst.«
Cranat schaute Muadnat an. Warf ihr der Bauer einen warnenden Blick zu und schüttelte er leicht den Kopf? Fidelma war sich nicht sicher.
»Ich werde still zuhören, Tochter«, erwiderte Cra-nat mißbilligend. Sie ging in eine Ecke zu einer freien Bank und ließ sich erhobenen Hauptes nieder. Sie war offensichtlich ungehalten und verwirrt. Sie bemerkte hörbar: »Als Eber noch lebte, brauchte ich nicht um Erlaubnis zu bitten.«
»Schwester Fidelma ist eine dalaigh und wird mich nur in Rechtsfragen beraten«, glaubte Cron ihrer Mutter erklären zu müssen, bevor sie sich wieder Muadnat zuwandte. »Fahre fort. Du wolltest mir die Tatsachen vorlegen, Muadnat.«
»Das ist leicht getan. Mein Ackerland grenzt an das Land, das Archü jetzt bewirtschaftet.«
Fidelma saß mit ausdrucksloser Miene da und beobachtete Muadnat. Der Bauer brachte seine Anklage recht zuversichtlich vor.
»Vor zwei Tagen ließ Archü seine Schweine durch den Zaun brechen, der unsere Äcker trennt. Sie taten es nachts. Sie richteten Schaden auf meinem Acker an. Einer der Eber verletzte eins von meinen Schweinen. Die Schweine hinterließen ihren Kot auf meinem Hof. Stimmt das nicht, Agdae?«
Der hagere Mann nickte düster.
Muadnat fuhr fort: »Jeder Bauer weiß, was das Gesetz dazu sagt. Ich fordere vollen Schadenersatz dafür.«
Er setzte sich wieder hin.
Cron sah Agdae an.
»Kannst du alles bestätigen, was Muadnat gesagt hat, und es bezeugen ohne Furcht vor ihm oder beeinflußt durch Versprechungen von ihm, mit dem du verwandt bist und für den du arbeitest?«
Agdae stand auf, sah Muadnat an und nickte rasch.
»Es verhält sich so, Tanist von Araglin. Es ist genau so, wie es mein Onkel dargestellt hat.«
Er setzte sich ebenso rasch wieder hin.
Cron winkte Archü, sich zu erheben.
»Du hast die Anklage gegen dich gehört. Was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen, Archü? Bestreitest du die Tatsachen, die uns vorgetragen wurden?«
Mit resignierter Miene stand der junge Mann auf. Scoth ergriff wie tröstend seine Hand.
»Es ist wahr.« Er sprach wie von Müdigkeit überwältigt. »Die Schweine sind tatsächlich von meinem Land ausgebrochen und auf Muadnats Land gelaufen und haben dort Schaden angerichtet, wie er es gesagt hat.«
Muadnats Gesicht verzog sich zu einem breiten, triumphierenden Lächeln.
»Er gibt es zu«, erklärte er laut, als wolle er das Gericht besonders darauf hinweisen.
Cron ignorierte ihn.
»Hast du nichts zu deiner Verteidigung vorzubringen?« forschte sie.
»Nichts. Ich hatte eine provisorische Umzäunung für die Schweine gebaut, so gut ich konnte, und mußte feststellen, daß sie eingerissen worden war. Die Schweine hatten das nicht getan.«