»Ich sah gut bewaffnete Männer, die fremd sind in diesem Tal. Warum sind sie hier? Wir wissen, daß Bewaffnete einige unserer Bauernhöfe überfallen haben. Ist es nicht logisch, daß sie es waren?«
»Es hört sich logisch an«, gab Eadulf widerwillig zu.
»Wenn es Viehdiebe sind, warum führen sie dann die schwerbeladenen Esel mit? Und wohin wollen sie?«
»Dieser Weg führt nach Süden aus den Tälern heraus zur Küste. Von hier aus kann man in kurzer Zeit nach Lios Mhor oder Ard Mor gelangen«, erklärte Gadra.
»Kann man auf diesem Weg Lios Mhor schneller erreichen als auf dem, der an Bressals Herberge vorbeiführt?« erkundigte sich Fidelma. Sie erinnerte sich an das, was Bressal ihr gesagt hatte.
»Auf diesem Weg kommt man einen halben Tag eher nach Lios Mhor, als wenn man den Weg an Bres-sals Herberge vorbei nimmt«, bestätigte der Alte.
»Wer diese Männer auch sein mögen«, warf Eadulf ein, »uns hätten sie doch sicher nichts getan? Ich bin zwar hier fremd, aber soviel habe ich gehört, daß es nicht üblich ist, Ordensleuten gegenüber Gewalt anzuwenden.«
»Mein angelsächsischer Bruder«, sagte Gadra und legte Eadulf seine magere Hand auf den Arm, »ist der Anlaß groß genug, bricht man auch den ältesten Brauch. Zu deinem Schutz solltest du dich lieber auf deinen gesunden Menschenverstand verlassen und nicht auf deine Kleidung.«
»Ein guter Rat«, stimmte ihm Fidelma zu. »Mindestens einem von denen sind wir schon einmal begegnet.«
Überrascht hob Eadulf die Brauen.
»Tatsächlich?« fragte er.
»Wo?« wollte Duban wissen.
»Der mit dem Arm in der Schlinge«, fuhr Fidelma ungerührt fort, »war einer von denen, die Eadulf vor zwei Tagen verwundete, als sie Bressals Herberge überfielen. Sein Pfeil bohrte sich tief ins Fleisch.«
»Eadulf traf einen Angreifer mit einem Pfeilschuß?«
Der alte Gadra sah Eadulf mit unverhohlenem Staunen an. Dann begann er zu lachen.
Eadulf schnaubte verärgert.
»Manchmal verlasse ich mich nicht nur auf meine Kleidung, wenn ich mich verteidigen muß«, meinte er trocken.
Gadra schlug ihm auf die Schulter.
»Ich glaube, du gefällst mir, mein angelsächsischer Bruder. Manchmal vergesse ich, wie nötig man pragmatische Menschen braucht. Man kann nicht über einen Fluß rudern, wenn man keine Riemen hat.«
Eadulf wußte nicht recht, wie er das auffassen sollte, und beschloß, es als Kompliment zu nehmen.
Duban schaute immer noch ernst drein.
»Bist du sicher, daß dies die Männer waren, die Bressals Herberge angriffen?«
Fidelma nickte.
»Wir können es bezeugen.«
»Ich glaube, wir müssen so schnell wie möglich zurück zum rath von Araglin.«
»Was ist mit Menma?« fragte Eadulf, doch Fidelma warf ihm einen Blick zu, der ihn verstummen ließ.
Duban wandte sich stirnrunzelnd um, er hatte ihren warnenden Blick nicht gesehen.
»Wieso Menma?« fragte er.
»Eadulf hat überlegt, wer den rath verteidigen könne, wenn die Banditen ihn angreifen«, erklärte Fidelma eilig.
Duban schüttelte den Kopf.
»Menma wäre keine große Hilfe. Aber der Critan und andere meiner Krieger sind dort. Doch diese Räuber reiten vom rath weg, also brauchen wir uns um seine Sicherheit keine Sorgen zu machen, Bruder.«
Eadulf zuckte die Achseln. Er begriff, daß es Fidelma aus diesem oder jenem Grunde für sich behalten wollte, daß Menma an dem Überfall auf Bressals Herberge teilgenommen hatte. Da merkte er, daß Ga-dra ihn forschend musterte. Er wandte sich ärgerlich ab und führte sein Pferd zum Weg zurück.
Nun ritt ihnen Duban schneller voran als zuvor, er ließ das Pferd traben, so oft es der Pfad durch die engen Hohlwege erlaubte und die niedrigen Äste sie nicht behinderten.
Eine Weile später flüsterte Gadra dem vor ihm sitzenden Eadulf ins Ohr: »Sei getrost, mein angelsächsischer Bruder. Wenn du zweimal denkst, bevor du einmal redest, sprichst du doppelt so weise.«
Eadulf preßte die Lippen zusammen und fluchte innerlich über den Scharfblick des Alten.
Kapitel 12
Critan brachte Moen in das Gästehaus. Fidelma sah dies als geeigneteren Ort für seine Befragung an als den Stall, in dem er gefangengehalten wurde. Außer Fidelma und Eadulf war nur Gadra anwesend. Duban besprach sich mit Cron wegen der Viehräuber.
Es herrschte Schweigen, als der junge Krieger mit seiner üblichen beleidigenden Arroganz den unglücklichen Moen herbeischleppte. Befriedigt stellte Fidelma fest, daß Critan sich wenigstens weiter bemüht hatte, Moen sauberzuhalten und ihm einen Rest von Menschenwürde zu bewahren. Ihr tat das arme Wesen leid, als es nun in den Raum geschoben wurde. Moens Gesicht zeigte tiefe Furcht, denn er wußte und verstand nicht, was um ihn herum vor sich ging.
Critan drückte ihn auf einen Stuhl, und er saß da mit hängendem Kopf. Critan grinste Fidelma an.
»Na?« fragte er. »Was nun? Was für Kunststücke wollt ihr ihm beibringen?«
Gadra trat vor und zischte Critan wütend an. Einen Moment glaubte Fidelma, er werde den arroganten Burschen schlagen.
Dann ereignete sich etwas Merkwürdiges.
Moen schnüffelte, hob den Kopf und zog prüfend die Luft ein. Zum erstenmal sah Fidelma einen Ausdruck von Hoffnung in seinem Gesicht, und er gab ein leises Wimmern von sich.
Gadra ging zu ihm, setzte sich auf einen Stuhl neben ihm und ergriff seine Hand.
Fidelma konnte kaum glauben, wie sehr sich das Gesicht des Behinderten veränderte. Es leuchtete im Wiedererkennen und vor Freude. Sie sah, daß Gadra Moens linke Hand ergriffen hatte. Zuerst erschien es wie ein Ritual, denn Moen hielt die Hand gerade ausgestreckt mit der Handfläche nach oben. Überrascht beobachtete sie, wie Gadra mit den Fingerspitzen etwas auf die Handfläche des jungen Mannes zeichnete.
Dann faßte Moen die Hand Gadras und machte ähnliche Zeichen darauf. Fidelma wurde klar, daß es das war, was Moen im Stall mit ihrer Hand versucht hatte. Sie hatte keinen Zweifel, daß nun ein richtiges Zwiegespräch stattfand. Die Bewegungen der Finger folgten einander schnell und immer schneller.
Plötzlich begann Moen angstvoll zu stöhnen und wiegte sich vor und zurück wie in körperlichem Schmerz. Gadra legte ihm den Arm um die Schultern. Traurig blickte er Fidelma an.
»Ich habe Moen gerade erklärt, daß Teafa tot ist. Er betrachtete sie als seine Mutter.«
»Wie nahm er die Nachricht vom Tod Ebers auf?« fragte Eadulf.
»Ohne Überraschung«, antwortete Gadra. »Ich glaube, das wußte er. Ich habe ihm gesagt, was geschehen ist und wessen er verdächtigt wird.«
»Ihm gesagt?« Critan begleitete seine Worte mit einem höhnischen Gelächter. »Komm, Alter. Der Witz ist ja gut, aber ...«
»Ruhe!« fuhr ihn Fidelma mit eisiger Stimme an. »Du verläßt uns jetzt. Du kannst draußen warten, bis wir dir Bescheid geben.«
»Ich habe den Gefangenen zu bewachen.« Der Krieger lief rot an vor Ärger. »Es ist meine Pflicht .«
»Es ist deine Pflicht, zu tun, was man dir sagt«, erwiderte Fidelma gereizt. »Geh und sag Duban, deinem Kommandeur, daß ich dich nicht mehr in der Nähe dieses Gefangenen sehen will. Und zwar sofort!«
»Du kannst doch nicht ...«, setzte Critan empört an.
Eadulf stand auf und nahm ihn mit betonter Sanftmut am Arm. Nur der plötzliche Schmerzenslaut und das verzerrte Gesicht Critans verrieten, wieviel Kraft Eadulf anwendete.
»Doch, wir können«, sagte Eadulf freundlich. »Du wirst hier nicht mehr gebraucht.«
Er schob ihn fast auf die gleiche Weise aus der Tür, in der Critan den Gefangenen hereingebracht hatte. Als Eadulf die Tür von innen schloß, grinste Gadra ihn an.
»Wahrhaft pragmatisch. Du gefällst mir wirklich, mein angelsächsischer Bruder!«