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Fidelma hatte nicht weiter darauf geachtet, sondern Moen nachdenklich betrachtet. Sie wandte sich an Gadra.

»Während er sich beruhigt, würde ich gern erfahren, nach welcher Methode du dich mit ihm verständigst. Ich muß wissen, ob diese Verständigung echt ist.«

Gadra knurrte verärgert: »Glaubst du, ich habe mir das alles ausgedacht, mein Kind?«

Fidelma schüttelte energisch den Kopf.

»Nein, das meine ich nicht. Aber ich muß von Rechts wegen die Sicherheit haben, daß dies eine vollgültige Aussage des Jungen ist, denn wenn ich sie einem Gerichtshof vorlegen will, muß ich sie selbst in vollem Umfang verstehen.«

Gadra sah sie einen Augenblick an und zuckte dann gleichmütig die Achseln.

»Als Anwältin hast du sicher schon von dem alten Ogham-Alphabet gehört.«

Fidelmas Augen weiteten sich.

»Du benutzt das Ogham-Alphabet zur Verständigung?«

Ogham war die früheste Schriftform des Volkes der fünf Königreiche und bestand aus einer Grundlinie, auf die kurze Linien zuliefen oder sie kreuzten. Zwanzig Buchstaben konnte man so darstellen. Die Vorfahren glaubten, der Gott Ogma, der Schutzpatron des Lesens und Lernens, sei ins südwestliche Muman, dem Ort aller Ursprünge, gekommen und habe die Weisen im Gebrauch des Alphabets unterwiesen, damit sie über Land und Meer reisen und den Leuten das Schreiben beibringen konnten. Die Buchstaben wurden oft in Hasel- oder Espenstäbe eingeritzt, und viele Grabsteine trugen Inschriften in Ogham. Mit der Einführung des neuen lateinischen Alphabets und der neuen Gelehrsamkeit war das Ogham außer Gebrauch gekommen. Fidelma hatte als Teil ihrer Erziehung noch die alte Schrift gelernt, denn viele Texte waren in dieser alten Form aufgezeichnet.

Ihr wurde plötzlich klar, auf welche Weise man ein so einfaches Alphabet als Verständigungsmittel mit der Hand benutzen konnte.

Gadra beobachtete den Wechsel ihrer Miene, als sie das erkannte.

»Willst du es selbst versuchen?« fragte er.

Fidelma nickte eifrig.

Gadra wandte sich an Moen und wechselte rasch einige Zeichen mit ihm.

»Nimm seine Hand. Halte die Fläche nach oben und benutze die Linie vom zweiten Finger bis zur Handwurzel als Grundlinie. Stell dich ihm vor, indem du deinen Namen in Ogham-Buchstaben schreibst.«

Vorsichtig nahm Fidelma die Hand des jungen Mannes.

Drei Striche rechts von der Grundlinie für »F«; fünf Punkte mit der Fingerspitze auf der Grundlinie für »i«; zwei Striche rechts von der Grundlinie für »d«; vier Punkte auf der Linie für »e«; zwei Striche rechts für »l«; ein diagonaler Strich über die Linie für »m« und ein Punkt für »a«. Sie führte die Bewegungen langsam und vorsichtig aus. Dann wartete sie auf die Antwort.

Mit einem lebhaften Lächeln nahm der junge Mann ihre linke Hand, die sie ihm darbot, und hielt die Handfläche nach oben. Dann schrieb sein Finger darauf einen diagonalen Strich für »M«; zwei Punkte auf der Linie für »o«; eine kleine Pause, dann vier Punkte für »e« und dann vier Striche rechts für »n«. Moen.

Es war so einfach. Und dieses Wesen hatte man behandelt, als wäre es ein Tier, dachte Fidelma empört.

Langsam schrieb Fidelma weiter auf Moens Handfläche.

»Ich bin eine Anwältin bei Gericht und hergekommen, um die Morde an Eber und Teafa zu untersuchen. Verstehst du mich?«

»Ja. Ich habe sie nicht getötet.«

»Sag mir, was geschehen ist, soweit du das weißt.«

Sofort begann der junge Mann ihre Handfläche schnell mit seinen Fingern zu bearbeiten, so schnell, daß sie ihn unterbrechen mußte.

»Du bist zu schnell. Ich bin diese Art der Verständigung nicht gewöhnt. Sprich mit Gadra, er kann es mir übersetzen.«

»Sehr gut.«

Fidelma lehnte sich zurück und erklärte Gadra, was sie wissen wollte. Sogleich übernahm er die Aufgabe. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen. Fidelma sah auf und erblickte Duban, der verwundert die Szene betrachtete.

»Critan hat sich bei mir beschwert ...«, begann er verlegen, doch Fidelma unterbrach ihn.

»Ich kann mir vorstellen, was Critan gesagt hat«, erklärte sie.

Duban verzog das Gesicht.

»Ich weiß, daß er seine Fehler hat. Ich werde dafür sorgen, daß er Moen nicht mehr bewacht, wenn du das möchtest.« Er schaute zu Gadra und Moen hinüber. »Es stimmt also. Kann er sich wirklich verständlich machen?«

»Wie du siehst, Duban, können wir uns mit ihm verständigen und er sich mit uns. Würdest du bitte draußen warten? Wir müssen Moen bei dieser Befragung ebensolche Vertraulichkeit zubilligen, wie jedem von uns nach dem Gesetz zusteht.«

Der Kommandeur der Wache machte zwar ein enttäuschtes Gesicht, nickte aber und verließ den Raum.

Fidelma und Eadulf beobachteten nun staunend und beeindruckt, wie schnell Moens Finger über Ga-dras Handfläche tanzten. Ab und zu unterbrach der Alte den Fluß der Zeichen. Wahrscheinlich stellte er klärende Zwischenfragen. Dann begann er zwischen Fidelma und Moen zu dolmetschen.

»Sag uns, Moen, hast du Teafa oder Eber getötet?«

»Nein.« Eine Pause. »Ich hatte Teafa sehr gern. Sie zog mich auf wie eine Mutter.«

»Erzählst du uns, was sich in der Nacht ereignete, in der du gefangengesetzt wurdest?«

»Ich will es versuchen.«

»Laß dir Zeit und berichte uns alles so ausführlich wie möglich.«

»Ich versuche es. Manchmal schlafe ich schlecht. Dann stehe ich auf und gehe umher.«

»Du gehst nachts herum?«

»Ob Nacht oder Tag, das ist mir gleich.«

Fidelma bemerkte zu ihrer Überraschung, daß Moen tatsächlich über den Scherz lächelte, den er gemacht hatte.

»Gingst du in der Nacht auch aus?«

»Ja.«

»Weißt du, wie spät es war?«

»Leider nicht. Zeit bedeutet mir nichts, außer wenn ich merke, daß es heiß oder kalt ist oder wenn ich bestimmte Arten von Blumen riechen kann. Ich weiß nur, daß es kalt war, als ich hinausging, und daß es feucht roch, aber nicht nach Blumen. Ich stand auf und ging zur Tür unserer Hütte. Ich kann mich sehr leise bewegen.«

Fidelma begriff, daß dies gegen Moen ausgelegt werden konnte.

»Wie gut kannst du dich allein im Dorf bewegen?« fragte sie.

»Wenn nicht jemand etwas im Weg liegen läßt, etwas, was nicht in die Lücken zwischen den Gebäuden gehört, dann habe ich im allgemeinen keine Schwierigkeiten. Ein paarmal bin ich über eine Kiste oder ähnliches gefallen, was im Weg lag. Dann schlagen die Hunde an, und die Leute werden ärgerlich. Gewöhnlich geht es sehr gut.«

»Wohin gingst du?«

»Das kann ich nicht sagen. Ich kann es dir zeigen, wenn du willst, ich gehe einfach noch einmal denselben Weg.«

»Später. Was tatest du unterwegs?«

»Wenig, ich saß nur am Wasser, wo es oft so schön riecht und die Düfte Körper und Seele und Verstand streicheln. Aber damals roch es nicht.«

»Du saßest am Wasser?«

»Ja.«

»An fließendem Wasser?«

»Ja. Teafa nennt es einen Fluß.«

»Hast du das öfter gemacht?«

»Sehr oft. Da kann man das Leben genießen, besonders, wenn es warm ist und die Luft duftet. Ich sitze einfach da und denke nach.«

Fidelma schluckte, als sie begriff, wie sensibel der junge Mann war, den alle für ein bloßes Tier hielten.

»Was tatest du dann?« »Ich ging zurück zur Hütte.«

»Zu Teafas Hütte?«

»Ja. An der Tür nahmen mich Leute am Arm. Sie drückten mir ein Stück Holz in die Hand. Sie führten meine andere Hand am Holz entlang, wahrscheinlich, damit ich begreifen sollte, daß auf dem Holz etwas geschrieben stand.«

»Etwas geschrieben?«

»Es waren Buchstaben eingeritzt von der Art, mit denen wir uns jetzt verständigen.«

»Weißt du, wer die Leute waren?«

»Nein. Ihr Geruch war mir fremd.«

»Was stand auf dem Stück Holz geschrieben?«