»Dort stand: >Eber will dich sofort sprechen.< Ich sollte zu Eber kommen.«
»Was tatest du?«
»Ich ging hin.«
»Hast du nicht daran gedacht, Teafa zu wecken und es ihr zu sagen?«
»Sie wäre dagegen gewesen, daß ich zu Eber ging.«
»Warum das?«
»Sie hielt ihn für einen schlechten Menschen.«
»Und was hieltest du von ihm?«
»Eber war immer nett zu mir. Er gab mir manchmal zu essen und versuchte sich mit mir zu verständigen. Er legte mir die Hand auf den Kopf und aufs Gesicht, aber er wußte nicht, wie er mir etwas mitteilen sollte. Ich habe Teafa einmal gebeten, ihm unsere Verständigungsweise beizubringen, aber sie wollte es nicht.«
»Hat sie dir erklärt, warum sie es nicht wollte?« »Nein, nie. Sie sagte nur, er sei ein sehr schlechter Mensch.«
»Als du nun diese Botschaft erhieltest, hast du also gedacht, er habe euer Verständigungsmittel entdeckt?«
»Ja. Wenn Eber mir Buchstaben auf einem Stab schickte, hatte er es wohl herausgefunden.«
Diese Logik war nicht zu widerlegen.
»Was machtest du mit dem Stab?«
Es trat eine Pause ein.
»Ich ließ ihn fallen, glaube ich. Nein, er wurde mir aus der Hand gerissen. Ich hab mich nicht darum gekümmert. Ich wollte schnell zu Eber.«
»Du fandest den Weg zu Ebers Wohnung?«
»Das war nicht schwer. Ich kann mich gut orientieren.« Er hielt inne.
»Erzähl weiter«, drängte ihn Fidelma.
»Ich ging zur Tür. Ich klopfte an, wie Teafa es mich gelehrt hatte. Dann hob ich den Riegel an und ging hinein. Niemand kam zu mir. Ich wartete eine Weile und dachte, wenn Eber da wäre, würde er sich melden. Dann merkte ich, daß es noch ein Zimmer geben mußte, und ging weiter. Ich tastete mich an der Wand entlang und fand schließlich die zweite Tür. Ich klopfte an, aber es wurde nicht geöffnet. Ich fand den Riegel, hob ihn und trat ein.«
»Was geschah dann?«
»Nichts. Ich wartete wieder, daß Eber sich meldete. Dann fragte ich mich, ob es noch ein Zimmer gäbe. Ich schob mich an der Wand entlang, eine Hand vorgestreckt. Sie traf bald auf etwas Heißes, Unangenehmes, ich glaube, ihr nennt es eine Lampe. Etwas, das brennt, damit ihr im Dunkeln sehen könnt.«
Fidelma nickte, doch sofort wurde ihr klar, daß Moen das ja nicht sehen konnte. Sie sagte also: »Ja. Auf dem Tisch brannte eine Lampe. Was dann?«
»Als ich um den Tisch herumging, stießen meine Füße gegen etwas, das auf dem Boden lag. Ich dachte, es wäre eine Matratze. Ich beschloß, darüber hinwegzukriechen und an der Wand entlang zur anderen Seite des Zimmers zu gehen, denn ich wollte die Tür zum nächsten Zimmer finden. Ich hockte mich hin und versuchte, über das hinwegzuklettern, was ich für eine Matratze hielt ...«
Die Finger wurden still, dann fuhren sie fort: »Ich merkte, daß vor mir eine Leiche lag. Ich berührte sie mit der Hand. Sie war feucht und klebrig. Das Feuchte schmeckte salzig und ekelte mich. Ich tastete nach dem Gesicht, traf aber auf etwas Kaltes, das auch feucht war. Es war sehr scharf. Es war ein Messer.«
Der junge Mann erschauerte.
»Ich kniete dort und wußte nicht, was ich tun sollte. Ich erkannte Eber am Geruch. Ich roch, daß Eber vor mir lag und das Leben aus ihm gewichen war. Ich glaube, ich stöhnte etwas. Ich wollte mir den Weg nach draußen suchen und Teafa wecken, als mich Hände grob packten. Ich hatte Angst um mein Leben. Ich schlug um mich. Fäuste trafen mich, taten mir weh, und ich wurde gefesselt. Ich wurde irgendwohin geschleppt. Es roch ekelhaft. Niemand kam zu mir. Niemand versuchte sich mit mir zu verständigen. Ich brachte eine Ewigkeit im Fegefeuer zu und wußte nicht, was ich tun sollte. Mir wurde klar, daß Eber erstochen worden war, und zwar mit dem Messer, das ich gefunden und in der Hand gehalten hatte. Ich vermutete, daß die Leute, die mich gefangen hatten, entweder seine Mörder waren oder, noch schlimmer, daß sie annahmen, ich hätte Eber getötet.
Ich versuchte etwas zu finden, auf das ich eine Nachricht für Teafa schreiben könnte. Ich konnte nicht verstehen, daß sie mich im Stich ließ. Ab und zu warf man mir ein paar Brocken zu essen hin. Es gab auch einen Eimer mit Wasser. Manchmal konnte ich essen und trinken, aber oft fand ich die Brocken nicht, die sie mir hinwarfen. Niemand half mir. Niemand.«
Er machte eine Pause, ehe seine Finger weiterschrieben.
»Ich weiß nicht, wieviel Zeit verging. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Schließlich bemerkte ich einen Geruch, den ich auch jetzt wahrnehme ... Die Frau mit Namen Fidelma. Danach kamen Hände, die grob waren, aber mich säuberten, fütterten und mir zu trinken gaben. Ich blieb angekettet, erhielt jedoch eine bequeme Strohmatratze, und der Ort roch besser. Aber wieder verging Zeit. Erst jetzt kann ich reden, und erst jetzt ist mir ganz klar, was sich ereignet hat.«
Fidelma seufzte tief, als Gadra die Übersetzung der Fingerzeichen des jungen Mannes beendet hatte.
»Moen, dir hat man ein großes Unrecht zugefügt«, sagte sie schließlich. Gadra übersetzte prompt. »Selbst wenn du schuldig gewesen wärst, hätte man dich nicht wie ein Tier behandeln dürfen. Dafür müssen wir dich um Verzeihung bitten.«
»Du brauchst nicht darum zu bitten, Fidelma. Du hast mich aus dieser Lage befreit.«
»Noch nicht ganz. Ich fürchte, befreit bist du erst, wenn wir deine Unschuld bewiesen und den Schuldigen überführt haben.«
»Ich verstehe. Wie kann ich dir dabei helfen?«
»Für den Augenblick hast du mir sehr geholfen, ich werde später noch einmal mit dir sprechen. Du kannst in die Hütte zurückkehren, in der du mit Teafa gewohnt hast und die dir vertraut ist. Wenn Gadra dazu bereit ist, wird er für dich sorgen, bis unsere Suche nach dem Schuldigen beendet ist. Zu deinem eigenen Schutz empfehle ich dir, die Hütte nicht allein zu verlassen.«
»Ich verstehe. Danke, Schwester Fidelma.«
»Noch eins.« Ihr war ein Gedanke gekommen.
»Nämlich?« fragte Moen durch Gadra, als sie schwieg.
»Du sagtest, du konntest mich riechen?«
»Ja. Ich mußte die Sinne entwickeln, die Gott mir gelassen hat: Tastsinn, Geschmack und Geruch. Ich spüre auch Schwingungen. Ich merke es, wenn sich ein Pferd nähert oder ein kleineres Tier. Ich erkenne, in welche Richtung ein Fluß läuft. Das alles verrät mir, was um mich herum geschieht.«
Er hielt inne und schien genau in die Richtung von Bruder Eadulf zu lächeln.
»Ich weiß, daß du einen Begleiter hast, Fidelma, und daß es ein Mann ist.«
Eadulf bewegte sich verlegen.
»Es ist Bruder Eadulf«, erklärte Gadra und sagte zu ihm: »Wenn du nicht Ogham kannst, drücke Moen die Hand zum Gruß.«
Vorsichtig langte Eadulf hinüber und nahm die Hand des jungen Mannes. Er fühlte den Druck als Antwort.
»Sei gesegnet, Bruder Eadulf«, übersetzte Gadra rasch die Fingerbewegungen Moens.
»Kommen wir auf deinen Geruchssinn zurück«, unterbrach ihn Fidelma. »Erinnere dich daran, Moen, wie jemand deine Hand ergriff und dir den Stab mit der Ogham-Schrift gab, die lautete, du solltest zu Eber kommen. Du sagtest, du hättest seinen Geruch nicht erkannt. Hatte er denn einen Geruch?«
Moen dachte nach.
»O ja. Ich habe nicht mehr daran gedacht. Es war ein süßer Geruch nach Blumen.«
»Ein Geruch nach Blumen? Aber es war kalt, sagtest du. Das heißt, für uns war es Nacht, und nach der Zeit, zu der du in Ebers Wohnung angetroffen wurdest, stimmt das auch. Nur wenige Blumen geben in den ganz frühen Morgenstunden ihren Duft ab.«
»Es war ein Parfüm. Nach dem Geruch dachte ich zuerst, es wäre eine Dame, die mir den Stab gab. Aber die Hände, die meine Hände berührten, waren rauh und schwielig. Es muß ein Mann gewesen sein. Der Tastsinn lügt nicht; es war ein Mann, der mir den Stab mit der Schrift darauf gab.«
»Was für eine Art von Parfüm war es?«
»Ich kann Gerüche erkennen, aber ich kann ihnen nicht die Bezeichnungen geben, unter denen ihr sie kennt. Ich bin jedoch sicher, daß die Hände einem Mann gehörten. Sie waren rauh und hart.«