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Fidelma atmete tief aus und lehnte sich nachdenklich zurück.

»Nun gut, Gadra«, sagte sie schließlich zu dem Alten. »Ich gebe dir Moen in Gewahrsam. Du mußt dich um ihn kümmern und ihn vorläufig in Teafas Hütte behalten.«

Gadra sah sie besorgt an.

»Glaubst du jetzt, daß der Junge an den Verbrechen unschuldig ist, die man ihm vorwirft?«

Fidelma wehrte ab.

»Glauben und beweisen ist zweierlei, Gadra. Sieh zu, daß er sich wohl fühlt. Ich halte dich auf dem laufenden.«

Gadra half Moen auf die Füße und führte ihn zur Tür.

Duban stand noch draußen. Nachdem Fidelma ihm ihre Wünsche mitgeteilt hatte, trat er beiseite und ließ Gadra und seinen Schützling vorbei.

»Einigen Leuten in diesem rath wird deine Entscheidung nicht gefallen, Fidelma«, murmelte der Krieger.

Fidelmas Augen blitzten zornig.

»Ich rechne sehr damit, daß die Schuldigen damit unzufrieden sind«, erwiderte sie.

»Ich werde Cron von deiner Entscheidung hinsichtlich Moens informieren«, sagte Duban. »Aber ich wollte dir noch etwas mitteilen, was dich interessieren könnte.«

»Nun?« fragte sie, als er schwieg.

»Ein Reiter hat eben die Nachricht in den rath gebracht, daß einer der einzeln liegenden Bauernhöfe heute morgen überfallen worden ist. Ich hole gleich meine Männer zusammen, damit wir helfen können, soweit das möglich ist. Ich dachte, es würde dich interessieren, wessen Hof angegriffen wurde.«

»Warum?« fragte Fidelma. »Komm zur Sache, Mann. Weshalb sollte mich das interessieren?«

»Es war der Hof des jungen Archü.«

Eadulf spitzte die Lippen zu einem lautlosen Pfiff.

»Ein Überfall auf Archüs Bauernhof? Wurde jemand verletzt?«

»Ein Schäfer aus der Gegend brachte die Nachricht und berichtete, er habe gesehen, daß Rinder weggetrieben und Scheunen angezündet wurden, und er meint, ein Mensch wurde getötet.«

»Wer?« fragte Fidelma.

»Das konnte uns der Schäfer nicht sagen.«

»Wo ist dieser Schäfer?«

»Er hat den rath schon verlassen, weil er sich wieder um seine Herde kümmern muß.«

Eadulf wandte sich mit besorgter Miene an Fidelma.

»Archü sagte doch, daß er und Scoth den Hof allein bewirtschaften.«

»Ich weiß«, antwortete Fidelma ernst. »Duban, wann willst du mit deinen Männern zu Archüs Hof reiten?«

»Sofort.«

»Dann kommen Eadulf und ich mit. Ich nehme Anteil an dem Schicksal dieser jungen Leute. Hat man festgestellt, wo Muadnat sich aufhält? Ich würde es ihm sehr wohl zutrauen, daß er Archü überfällt und den Verdacht auf deine Viehräuber lenkt.«

»Ich weiß, du kannst Muadnat nicht leiden, aber ich glaube nicht, daß er eine solche Dummheit begeht. Du schätzt ihn falsch ein. Außerdem haben wir die Banditen mit eigenen Augen gesehen.«

Eadulf meinte nachdenklich: »Es stimmt, Fidelma. Du kannst nicht leugnen, daß es die Banditen gibt.«

»Reiter haben wir allerdings gesehen«, sagte Fidelma.

»Aber wie ihr euch erinnern werdet, zogen sie nach Süden, und Rinder hatten sie auch nicht bei sich, sondern Esel mit schweren Tragkörben. Wo waren denn die Rinder, wenn das Viehdiebe waren? Los, kommt, wir reiten zu Archüs Hof.«

Kapitel 13

Duban hatte ein halbes Dutzend gut bewaffneter Reiter gesammelt. Fidelma war erleichtert, daß sich der arrogante Critan nicht darunter befand. Ihr fiel auf, daß weder Cron noch ihre Mutter Cranat erschienen, um sie aus dem rath zu verabschieden. In Kolonne zu zweit, mit Fidelma und Eadulf am Schluß, passierten sie die Tore des rath und trabten am Südufer des Flus-ses dem östlichen Ende des fruchtbaren Tales von Araglin mit seinen Kornfeldern und weidenden Viehherden entgegen. Duban ritt nicht übermäßig schnell, hielt aber ein stetiges Tempo ein.

Nach wenigen Meilen führte der Weg an einer Flußschleife vorbei, die eine vom Fluß auf drei Seiten geschützte Halbinsel bildete. Bäume verhüllten diese kleine Oase. Blumen gab es in Fülle, und in der Mitte der Landzunge erhob sich eine malerische flache Holzhütte. In dem Garten davor stand eine kleine, mollige blonde Frau und beobachtete den Reiterzug, der sie offensichtlich bei der Pflege ihrer Blumen gestört hatte.

Sie ritten in zu großer Entfernung vorbei, als daß Fidelma ihr Gesicht hätte erkennen können. Die Frau hob auch nicht die Hand zum Gruß, sah ihnen aber nach. Fidelma bemerkte mit Interesse, daß ein paar von Dubans Männern heimlich belustigte Blicke wechselten und einer in lautes Lachen ausbrach. Sie trieb ihr Pferd nach vorn an die Spitze der kleinen Kolonne zu Duban.

»Wer war das?« fragte sie.

»Niemand von Bedeutung«, brummte der Krieger.

»Dieser Niemand von Bedeutung scheint deine Männer aber lebhaft zu interessieren.«

Duban schaute verlegen drein.

»Das war Clidna, eine fleischliche Frau.«

»Fleischliche Frau« war eine beschönigende Umschreibung für Prostituierte.

»Ich verstehe.« Nachdenklich ließ sich Fidelma wieder ans Ende der Kolonne neben Eadulf zurückfallen. Sie erklärte ihm, wer die Frau war. Er seufzte und schüttelte traurig den Kopf.

»Soviel Sünde an einem so schönen Ort.«

Fidelma ersparte sich eine Antwort.

Am Ende des langen Tals stieg der Weg an. Er führte nun durch dichten Wald, war hier aber breit genug für Wagen. Nach einem steilen Anstieg zwischen zwei Bergen erreichten sie ein zweites, höher gelegenes Tal. Als sie hineinritten, zeigte Fidelma wortlos nach rechts, und Eadulfs Blick folgte ihrer Hand. Irgendwo hinter dem Berghang stieg eine Rauchsäule auf.

Duban drehte sich im Sattel um und sah, daß Fidelma das untrügliche Zeichen bereits bemerkt hatte. Er winkte sie nach vorn.

»Dies ist das Tal des Schwarzen Moors. Wo der Rauch aufsteigt, liegt Archüs Hof. Das Land links im Tal gehört Muadnat.«

Fidelma erblickte bebaute Äcker, Rinderherden, Rotwildrudel und reiches Weideland. Dieser Bauernhof war weit mehr wert als sieben cumals, stellte sie fest. Sie schätzte seinen Wert auf das Fünffache des Landes, das er Archü hatte zurückgeben müssen.

Der Weg führte etwas höher am Berghang am Rande von Muadnats Besitz entlang. Manchmal säumten ihn Bäume oder Sträucher, an anderen Stellen offenes Grasland, das Rotwild oder andere Tiere kurz hielten. Im Tal auf Muadnats Land war zur Zeit niemand zu sehen.

»Wahrscheinlich sind Muadnat und seine Leute schon zu Archü hinübergeritten«, erklärte Duban, der Fidelmas Gedanken erraten hatte.

Sie lächelte dünn, gab aber keine Antwort. Die Rauchsäule mußte von Muadnats Hof aus gut zu sehen sein.

Duban befahl, in leichten Galopp überzugehen.

Die Kolonne ritt nun schneller den Weg entlang, der sich den Berghang hinunterschlängelte.

Fidelma erkannte, daß Archüs Hof in einem kleinen Seitental lag, im rechten Winkel von dem Haupttal des Schwarzen Moors, das Muadnat gehörte. Auf dem Weg, auf dem sie entlangkamen, war es die meiste Zeit dem Blick entzogen. Bald wurde der Abstieg so steil, daß sie in Schritt fallen mußten.

»Wie gut kennst du diese Gegend hier, Duban?« fragte Fidelma.

»Recht gut«, antwortete der Krieger.

»Ist dies der einzige Weg ins Tal oder heraus?«

»Das ist der einzige bequeme Weg, aber Männer, auch mit Pferden, könnten einen Pfad über die Berge nehmen.«

Fidelma hob den Blick zu den runden Bergkuppen.

»Wohl nur in letzter Verzweiflung«, meinte sie.

Eadulf beugte sich vor.

»Woran denkst du?« fragte er.

»Ach, daß eine Reiterschar auf dem Weg zu Archüs Hof über Muadnats Land oder an ihm entlang gezogen sein muß und daß sie dort jemand bemerkt haben müßte.«