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So rasch wie möglich stiegen sie ab ins Tal. Die Gebäude des Gehöfts waren schon deutlich auszumachen: ein Wohnhaus, ein Dörrofen für Getreide gleich dahinter, eine Scheune und ein Schweinestall. Etwas weiter weg stand die ausgebrannte schwarze Ruine einer anderen Scheune, von der immer noch eine Rauchsäule aufstieg. In einer Koppel gingen ein paar Rinder.

Duban ritt direkt auf das Wohnhaus zu.

»Halt, wenn euch das Leben lieb ist!«

Jäh hielten sie an.

»Wir sind bewaffnet«, rief dieselbe Stimme, »und wir sind viele. Kehrt um dahin, wo ihr hergekommen seid, oder ...«

Fidelma schob sich nach vorn.

»Archü!« rief sie, denn sie hatte die Stimme erkannt. »Ich bin es, Fidelma. Wir kommen euch zu Hilfe.«

Die Tür des Hauses wurde plötzlich aufgerissen, und Archü starrte sie an. In der Hand hielt er weiter nichts als ein rostiges Schwert. Scoth spähte ihm furchtsam über die Schulter.

»Schwester Fidelma!« Archü blickte von ihr zu Duban und den anderen Männern. »Wir dachten, die Räuber sind wiedergekommen.«

Fidelma stieg ab, und Duban und Eadulf taten es ihr gleich. Die anderen blieben im Sattel und behielten mißtrauisch die Umgebung im Auge.

»Wir haben gehört, daß Banditen euren Hof überfallen haben. Ein Schäfer ritt zum rath und brachte die Nachricht.«

Scoth kam heraus.

»Das war Libren. Es stimmt, Schwester. Wir schliefen noch, als sie angriffen. Ihre Rufe und das Brüllen unserer Rinder weckten uns. Wir konnten uns hier verbarrikadieren. Uns taten sie nichts, aber sie trieben ein paar Rinder weg und steckten eine Scheune in Brand. Es war noch nicht hell, und wir konnten kaum sehen, was vor sich ging.«

»Wer war das?« fragte Fidelma. »Habt ihr sie erkannt?«

Archü schüttelte den Kopf.

»Dazu war es zu dunkel. Es wurde viel herumge-schrien.«

»Wie viele Räuber waren es ungefähr?«

»Ich hatte den Eindruck, es waren weniger als ein Dutzend.«

»Weshalb haben sie den Angriff abgebrochen?«

Archü runzelte die Stirn bei Dubans plötzlicher Frage.

»Abgebrochen?«

»Ich sehe nur eine niedergebrannte Scheune«, bemerkte der Krieger. »Ihr habt noch Rinder in der Koppel, und ich höre Schafe und Schweine. Ihr seid unverletzt, und euer Haus ist unbeschädigt. Offensichtlich beschlossen die Räuber, den Angriff abzubrechen.«

Der junge Mann sah den Krieger staunend an.

Fidelma schenkte Duban einen anerkennenden Blick für seine logische Schlußfolgerung.

»Ich habe mich auch schon gefragt, warum sie nicht versuchten, ins Haus einzubrechen oder es anzustek-ken«, sagte Scoth. »Es war, als wollten sie uns nur Angst einjagen.«

»Vielleicht lag es an Libren, dem Schäfer«, vermutete Archü. »Als er vom Berg aus die Flammen sah, stieß er in sein Horn und kam heruntergerannt, um uns zu helfen.«

»Ein tapferer Mann«, murmelte Eadulf.

»Ein törichter Mann«, verbesserte ihn Duban.

»Trotzdem war er tapfer.« Eadulf blieb hartnäckig bei seiner Meinung.

»Ihm haben wir es zu verdanken, daß sie uns nur zwei Kühe weggetrieben haben«, meinte Scoth.

»Zwei Kühe? Und das nur, weil ein Schäfer angerannt kommt, um euch zu helfen?« Duban blieb skeptisch.

»Es stimmt«, versicherte Archü. »Als Libren ins Horn stieß, trieben sie die Rinder vor sich her und ritten davon.«

»Das ist die ganze Beute? Zwei Milchkühe?«

Archü nickte.

»Welchen Weg schlugen sie ein?« fragte Eadulf.

Scoth zeigte sofort das Tal hinunter zu Muadnats Ackern.

»Libren sagt, sie verschwanden in der Richtung.«

»Das ist der Pfad, der durch das Sumpfland, das Schwarze Moor selbst, führt. Er endet auf Muadnats Land«, erklärte Duban unsicher.

»Er führt bestimmt nirgendwoanders hin«, versicherte ihnen Archü grimmig.

»Wo ist dieser Schäfer?« fragte Fidelma.

Scoth wies zu den Bergen im Süden.

»Er weidet seine Herde dort drüben. Er blieb bis zum Morgen hier, für den Fall, daß die Räuber wiederkämen. Dann borgte er sich ein Pferd von uns, weil Archü mich nicht alleinlassen wollte, und ritt zum rath, um euch Nachricht von dem Überfall zu bringen. Er kam vor einer halben Stunde zurück und berichtete uns, daß ihr im Anmarsch seid.«

»Warum hat er nicht auf uns gewartet?«

»Er hatte seine Herde seit dem Morgen sich selbst überlassen«, erklärte Archü. »Hier wird er nun nicht mehr benötigt.«

Fidelma sah sich um, als suche sie etwas.

»Libren sagte, es sei jemand getötet worden. Wer war das und wo ist die Leiche?«

Duban schlug sich vor die Stirn und stöhnte.

»Ich Trottel, das hatte ich ganz vergessen.« Er wandte sich an Archü. »Wer wurde umgebracht?«

Archü schaute verlegen drein.

»Die Leiche liegt da drüben neben der ausgebrannten Scheune. Ich weiß nicht, wer das ist. Keiner sah, wie es passierte. Erst als wir den Brand löschen wollten, haben wir die Leiche entdeckt.«

»Bei einem Überfall auf deinen Hof wird ein Mann getötet, und du weißt nichts davon?« Duban blieb skeptisch. »Komm, mein Junge, wenn es einer von den Angreifern ist, brauchst du keine Strafe zu fürchten. Du hast nur in Notwehr gehandelt.«

Archü schüttelte den Kopf.

»Nein, wahrhaftig, wir haben niemanden getötet. Wir hatten gar nicht die Waffen dafür. Wir verbarrikadierten uns im Haus während des Überfalls und sahen nichts. Libren war auch überrascht. Er kennt den Mann ebenfalls nicht.«

»Untersuchen wir die Leiche«, forderte Fidelma sie auf, als sie merkte, daß das Reden nicht weiterführte.

Einer von Dubans Männern hatte sie schon entdeckt. Er zeigte wortlos auf den Boden, als sie sich ihr näherten.

Der Leichnam war der eines Mannes in den Dreißigern. Es war ein häßlicher Mann mit vernarbtem Gesicht und einer Knollennase, die anscheinend von einem Schlag plattgedrückt war. Die Augen waren dunkel, groß und blicklos. Die Kleidung war blutbesudelt und mit einem eigenartigen feinen weißen Staub bedeckt. Man hatte ihm die Kehle so tief durchgeschnitten, daß der Kopf fast vom Rumpf getrennt war. Das erinnerte Fidelma an eine Ziege oder ein anderes Haustier, das man geschlachtet hatte. Eins war klar, er war nicht im Kampf getötet, sondern vorsätzlich ermordet worden. Fidelma besah sich die Handgelenke und erkannte die Reibespuren von Fesseln. Bis vor kurzem waren seine Hände gebunden gewesen. Mit hochgezogenen Brauen schaute sie Duban an.

»Diesen Mann habe ich noch nie zuvor in Araglin gesehen«, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage. »Er ist fremd in diesem Tal, soviel ich weiß.«

Fidelma rieb sich nachdenklich das Kinn.

»Das wird immer verwirrender. Ein Überfall findet statt. Die Räuber töten einen fremden Gefangenen oder einen ihrer eigenen Leute. Sie ziehen mit lediglich zwei Milchkühen ab und versuchen nicht, mehr Beute zu machen. Warum?«

»Das läßt sich leicht erklären, wenn es Muadnats Leute waren«, bemerkte Scoth grollend.

»Warum nimmst du an, dieser Tote war ein Gefangener oder gehörte zu ihren eigenen Leuten?« fragte Duban und betrachtete die Leiche.

»Das ist sehr wahrscheinlich«, antwortete Fidelma. »Bis vor kurzem waren ihm die Hände auf dem Rük-ken gebunden. Das erklärt auch, warum man ihm ohne Widerstand die Kehle durchschneiden konnte. Weitere Wunden hat er nicht. Er muß also ein Gefangener der Räuber oder einer von ihnen gewesen sein. Jedenfalls ist er nicht vom Himmel gefallen, oder?«

Plötzlich beugte sie sich nieder und untersuchte stirnrunzelnd die Unterarme und Hände des Mannes.

»Was ist?« fragte Eadulf.

»Dieser Mann war harte Arbeit gewöhnt. Seht euch die Schwielen an seinen Händen an, seine Narben und den Schmutz unter seinen Fingernägeln.«