Fidelma betrachtete nun das Gesicht des Toten genauer.
»Erinnert dich dieser Mann an j emanden, Eadulf? Jemanden, der uns in den letzten Tagen begegnet ist?«
Eadulf schaute ihn genau an und schüttelte den Kopf.
»Vermute ich richtig, daß es seit gestern nicht geregnet hat?« fragte Fidelma nun Archü.
Der junge Mann blickte verwirrt drein, nickte aber.
Jetzt untersuchte Fidelma sorgfältig die Kleidung des Leichnams. Sie schien sich für die feine Staubschicht darauf zu interessieren. Dann stand sie auf.
»Araglin wird allmählich zu einem Land voller Geheimnisse«, bemerkte sie leise. »Wir sollten wohl zu Muadnats Hof reiten.«
»Meinst du, daß Muadnat hinter all dem steckt?« fragte Duban zweifelnd.
»Es wäre logisch, ihn zuerst zu verhören«, erwiderte Fidelma, »besonders nach allem, was sich bisher ereignet hat.«
»Da hast du wohl recht«, antwortete Duban zögernd. »Wenn wir davon ausgehen, daß es ein Räubertrupp war, dann ist es seltsam, daß Archüs Hof überfallen wurde und Muadnats nicht. Sein Hof ist leichter zu erreichen und besitzt mehr Vieh als Archüs.«
Duban befahl einem seiner Männer, bei Archü zu bleiben und ihm bei der Beerdigung der Leiche zu helfen. Die übrigen saßen wieder auf und trabten den Weg zu Muadnats Hof entlang.
Eadulf machte Fidelma ein Zeichen und ließ sich ans Ende der Kolonne zurückfallen.
»Ist es klug, sich in diese Angelegenheit einzumischen?« fragte er so leise, daß nur sie es hören konnte.
»Klug?« Sie war überrascht. »Ich dachte, wir stek-ken schon mittendrin.«
»Du hast den Auftrag, den Mord an Eber zu untersuchen, nicht dich in die Fehde zwischen Archü und seinem Vetter verwickeln zu lassen.«
»Das stimmt«, meinte Fidelma. »Aber ich habe das Gefühl, daß viel mehr hinter den Geheimnissen von Araglin steckt, als man uns glauben machen möchte. Sieh dir an, wie Duban und Cron ihr Verhältnis verheimlichen. Nach außen hin heißt es, Eber sei geachtet gewesen, insgeheim gibt man zu, daß er gehaßt wurde. Wo liegt die Wahrheit? Und Muadnats Abneigung gegen seinen Vetter: Ist das ein Teil der Feindschaften in diesem Tal, oder gibt es etwas, was alle diese Punkte verbindet, wie ein Spinnennetz, in dessen Mitte ein böses Wesen lauert?«
Eadulf unterdrückte einen Seufzer.
»Ich bin nur ein Fremder in diesem seltsamen Land, Fidelma. Ich bin auch nur ein einfacher Mensch. Ich verstehe die Feinheiten nicht, von denen du sprichst.«
Er begriff, daß dies eine lahme Entschuldigung dafür war, daß er keine Vorschläge zu machen hatte. Fidelma war das auch so klar, und sie schwieg.
Als sie das Haupttal erreichten, schlug Duban den Weg von dem Bergpfad durch die bestellten Äcker zu Muadnats Hof ein. Beinahe sofort sahen sie, wie ein paar Landarbeiter dem Hof zueilten. Offensichtlich hatte man sie gesehen. Eine bekannte Gestalt tauchte auf. Es war Agdae, Muadnats Neffe und Oberhirt.
Breitbeinig, mit den Händen auf den Hüften, stand er auf dem Weg und sah ihnen entgegen. Einige seiner Leute hatten sich bewaffnet und kamen in drohender Haltung näher.
»Empfängt man so Besuch, Agdae?« rief Duban, als sie heran waren.
»Du kommst mit Bewaffneten hierher«, erwiderte Agdae ungerührt. »Meinst du es gut oder schlecht mit uns? Das müssen wir wissen, bevor wir unsere Waffen niederlegen und euch als Brüder begrüßen.«
Duban parierte sein Pferd vor Agdae.
»Die Antwort solltest du kennen«, sagte er.
Agdae gab seinen Leuten das Zeichen, die Waffen zu senken und sich zu zerstreuen.
Mit einem heuchlerischen Lächeln wandte er sich an Duban: »Was sucht ihr denn hier?«
»Wo ist dein Onkel Muadnat?« wollte Duban wissen.
»Ich habe keine Ahnung. Während er fort ist, führe ich hier die Aufsicht. Was wollt ihr von ihm?«
»Archüs Hof ist überfallen worden.«
Einen Moment zuckte es in Agdaes Gesicht.
»Nun soll ich wohl Mitleid mit Archü haben, nachdem er Muadnat um das Land betrogen hat?«
Fidelma wollte sich einschalten, doch Duban hob die Hand.
»Siehst du die Rauchsäule dort hinter dem Berg?« fragte er.
»Die sehe ich«, erwiderte Agdae gelassen.
»Du siehst sie und hältst es doch nicht für nötig, Archü zu Hilfe zu kommen? Wir sind eine kleine Gemeinschaft hier in den Tälern von Araglin, Agdae. Ein Angriff auf einen unserer Höfe ist ein Angriff auf uns alle. Seit wann verweigern die Männer von Ara-glin einander die Hilfe?«
Agdae zog die Schultern hoch und ließ sie mit übertriebener Gleichgültigkeit fallen.
»Woher sollte ich wissen, daß der Rauch bedeutete, daß der Junge überfallen wurde?«
»Das hätte dir der Rauch selber sagen müssen«, warf Fidelma rasch ein.
Agdae sah sie finster an.
»Tut mir leid, aber ich habe es nicht gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen wie du, dalaigh, oder verborgene Dinge zu entdecken. Für mich bedeutet Rauch nichts weiter als Rauch. Archü hätte ja auch Felder abbrennen können, um das Stroh loszuwerden. Wenn ich jedesmal losgerannt wäre, um zu sehen, was es gibt, wenn ich ein Feuer auf Bauernland sichtete, dann hätte ich mein halbes Leben damit verbracht. Außerdem, wenn ich zu Archü gegangen wäre, der hochstehende Freunde in juristischen Kreisen hat, hätte es mir passieren können, daß ich ihm noch eine Entschädigung für unbefugtes Eindringen hätte zahlen müssen.«
»Eine glatte Zunge bringt einen oft zu Fall«, fauchte Fidelma, die merkte, daß Agdae auch ironisch werden konnte. »Aber nachdem du nun gehört hast, daß ein Überfall stattgefunden hat, wirst du uns vielleicht verraten, wo Muadnat sich aufhält.«
Agdae grinste sie an und schwieg.
Duban wiederholte die Frage in schärferem Ton.
»Was soll ich euch sagen? Muadnat ist nicht hier.«
»Aber wo ist er?« beharrte Duban. »Wohin ist er gegangen?«
»Ich kann euch weiter nichts sagen, als daß er gestern auf die Jagd geritten ist, und wenn er wieder da ist, dann ist er wieder da.«
»Welche Richtung hat er eingeschlagen?« fragte Duban hartnäckig.
Agdae zuckte die Achseln.
»Wer kann wissen, in welche Richtung der Falke fliegt, wenn er Beute sucht?«
»Sehr schön gesagt.« Fidelma war verärgert. »Hoffen wir, daß der Falke nicht ein paar Adlern begegnet.«
Agdae starrte sie verblüfft an und versuchte den Hintersinn ihrer Worte zu ergründen.
»Muadnat kann sich seiner Haut wehren«, meinte er.
»Daran zweifle ich nicht«, versicherte ihm Fidelma. »Sind alle eure Landarbeiter da?«
»Soviel ich weiß, ja.« Agdae ging plötzlich auf ihre Fragen ein. »Was meinst du damit?«
»Auf Archüs Hof wurde jemand getötet, den wir nicht kennen. Von den Räubern getötet.« Duban beschrieb den Mann.
»Alle unsere Männer sind hier außer Muadnat«, erklärte Agdae. »Er ist es ja wohl nicht, sonst würdet ihr nicht nach ihm suchen.«
»Also Muadnat jagt in den Bergen?«
»So wie ich gesagt habe.«
»Laß deine Männer hier vor mir antreten, Agdae«, befahl Duban.
Agdae zögerte, doch dann gab er den Befehl weiter.
Ungefähr ein Dutzend Landarbeiter stellte sich nervös Dubans forschendem Blick. Sie sahen nicht sehr eindrucksvoll aus, die meisten waren schon älter, sehnig und mit Kraft genug für den Pflug und die Sense, aber nicht für das rauhe Leben eines Viehdiebs. Duban sah Fidelma an und zuckte die Achseln.
»Diese Männer gehörten sicher nicht zu den Räubern«, meinte er. »Sollen wir den Bauernhof noch weiter durchsuchen?«
Fidelma schüttelte den Kopf.
»Lohnt es sich, den Pfad zu suchen, von dem Archü sprach, und die Räuber weiter zu verfolgen?« fragte sie.
Duban lachte trocken.
»Der Weg, den er uns zeigte, führt durch einen Sumpf. Deshalb heißt die Gegend ja Schwarzes Moor. Abgesehen von dem Stück bis hierher, sind alle Wege gefährlich. Durch diesen heimtückischen Sumpf kann man keinen Weg verfolgen.«