»Es könnte schon sein, daß Archü eines schweren Verbrechens beschuldigt wird, Fidelma«, erwiderte Cron. »Aber diesmal kommt die Anklage nicht von Muadnat.«
»Ich glaube, du solltest uns das näher erklären«, meinte Fidelma sanft.
»Muadnat wurde tot aufgefunden. Er hängt an dem hohen Steinkreuz von Eoghan am Weg nach Araglin.«
Fidelmas Augen weiteten sich. Sie erinnerte sich, daß Eadulf das Kreuz bewundert hatte, als sie ins Tal von Araglin kamen.
»Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, steht das hohe Kreuz nicht an dem Weg zu Muadnats Hof, sondern an dem Weg, auf dem man aus der entgegengesetzten Richtung ins Tal gelangt. Wer hat die Leiche entdeckt?«
»Agdae. Die Wiese oberhalb des Kreuzes gehört ihm. Agdae sagte, Muadnat habe gestern den Hof verlassen, um zur Jagd zu gehen. Erst heute morgen bemerkte Agdae, daß Muadnat nicht nach Hause gekommen war. Er machte sich auf die Suche nach ihm und fand ihn tot am hohen Kreuz hängen. Muadnat jagte oft in den Bergen dahinter. Agdae kam her, um Hilfe zu holen, und ist jetzt mit ein paar Männern auf dem Wege dorthin.«
»Sicherlich hat dir Duban von unserem gestrigen Besuch auf Muadnats Hof berichtet?« sagte Fidelma.
Cron nickte.
»Da ist es Agdae anscheinend nicht eingefallen, uns ans Steinkreuz zu schicken, als wir nach Muadnat suchten.«
»Ist das wichtig?«
»Das wird sich herausstellen. Als wir Agdae gestern nach Muadnat fragten, wußte er angeblich nicht, wo der zu finden wäre. Doch als er sich heute morgen um Muadnat Sorgen machte, weil der nicht zurück war, wußte er genau, wo er ihn zu suchen hatte.«
»Nun, Agdae beschuldigt bereits Archü dieses Mordes.«
»Mit welcher Begründung?«
»Archü ist als einziger in Araglin mit Muadnat verfeindet. Er sagt, daß Archü durch dich Muadnat die Schuld an dem Überfall auf seinen Hof gestern gab.«
»Das stimmt nicht ganz.« Fidelma wandte sich an Eadulf. »Wir sollten lieber zu dem Kreuz reiten und uns selbst kundig machen.«
Er stimmte ihr zu und fragte Cron: »Wie lange wird es dauern, bis Duban zurückkommt? Es könnte sein, daß wir ihn brauchen, um Archü vor Agdaes wilden Beschuldigungen zu schützen.«
»Warum verbringt ihr eure Zeit mit dieser Angelegenheit?« fragte Cron verärgert. »Sie hat nichts mit dem Tod meines Vaters Eber oder mit Teafas Tod zu tun. Ihr solltet euch lieber damit befassen, den Mörder zu ermitteln, wenn es, wie ihr jetzt wohl behauptet, nicht Moen ist ... obwohl ich glaube, daß es großer Überredungskunst bedarf, um die Bewohner von Araglin von seiner Unschuld zu überzeugen.«
»Ich finde, daß es besser ist, für alles offen zu sein, wenn man eine Untersuchung durchführt«, entgegne-te Fidelma heftig. »Es gibt viel Heimlichtuerei in Ara-glin. Man hat mir Dinge erzählt, die nicht wahr sind. Ich weiß nicht, ob der Tod Muadnats etwas mit der Ermordung Ebers und Teafas zu tun hat. Wenn du es besser weißt, würdest du dann bitte dein Wissen mit mir teilen?«
Cron hatte Mühe, ihre Miene zu beherrschen, und Fidelma beobachtete mit Befriedigung, daß Unsicherheit und sogar Furcht sich in ihr spiegelten. Nach einem kurzen Moment hatte sie ihre Gefühle wieder unter Kontrolle.
»Nein, ich verfüge nicht über solche Erkenntnisse. Ich habe nur eine Bemerkung gemacht, die ich für logisch halte. Wenn ihr zu dem hohen Kreuz reiten müßt, dann tut es nur. Aber ich meine, eure Untersuchung dieser Angelegenheit dauert schon reichlich lange und hat bisher zu keinem Ergebnis geführt.«
»Sie dauert so lange wie nötig«, erwiderte Fidelma entschieden. »Die Leute müssen Geduld haben.«
»Agdae hat vielleicht keine Geduld. Er hat geschworen, Archü zu suchen und Rache zu nehmen.«
Fidelma sah Cron durchdringend an.
»Dann würde ich dir raten, Duban zu holen und ihn Agdae festsetzen zu lassen, wenn du nicht willst, daß auf eine Ungerechtigkeit eine weitere folgt. Vielleicht sollte man Archü und Scoth zu ihrem eigenen Schutz in den rath bringen, bis ich die Angelegenheit geklärt habe.«
»Agdae war mit Muadnat verwandt, wie ich auch. Er wird es nicht dulden, daß der Mörder seiner gerechten Strafe entgeht«, sagte Cron kühl.
»Dann«, erwiderte Fidelma ebenso eisig, »müssen wir dafür sorgen, daß der Mörder oder die Mörderin gefunden wird, wer es auch sein mag.«
Sie schritt rasch aus der Festhalle, gefolgt von Ea-dulf. Kurz darauf ritten sie in scharfem Trab dem hohen Kreuz zu.
Critan war schon dort mit zwei stämmigen Männern, dem Anschein nach Landarbeitern. In der Nähe stand ein Esel, dem man offensichtlich die Leiche Mu-adnats aufladen wollte. Sie bereiteten sich gerade darauf vor, die Leiche vom Kreuz herunterzuholen. Mu-adnat hing an einem Seil um den Hals, das man um den Querbalken des Granitkreuzes geschlungen hatte. Seine Füße befanden sich nur wenige Zoll über dem Erdboden. Fidelma sah sofort die Blutflecke auf seinem Hemd, die davon zeugten, daß man ihm schwere Verletzungen zugefügt hatte, als er noch lebte.
Der eine Landarbeiter, der gerade eine Leiter an die Rückseite des Kreuzes stellen wollte, bemerkte plötzlich das Herannahen der beiden Reiter, hielt inne und sagte leise etwas zu seinen beiden Gefährten. Sie drehten sich um und sahen Fidelma und Eadulf feindselig an.
Critän trat ihnen hochmütig entgegen.
»Ihr seid hier nicht willkommen«, begrüßte er sie.
Ungerührt parierte Fidelma ihr Pferd und stieg ab.
»Wir haben auch nicht um ein Willkommen gebeten«, antwortete sie ruhig.
Eadulf saß ebenfalls ab und band sein Pferd mit Fi-delmas zusammen.
Critän stand mit den Händen in den Hüften da. Er starrte Fidelma wütend an. Er würde es ihr nie verzeihen, daß sie ihn gedemütigt hatte. Jetzt ließ er seinem Zorn freien Lauf.
»Es wäre besser, wenn du verschwindest, Frau. Zweimal hast du Archü bei seiner Fehde gegen Mu-adnat geholfen. Jetzt siehst du, wohin das geführt hat. Diesmal kommt Archü wieder davon. Es wird dir auch nicht gelingen, dieses Teufelsgeschöpf freizubekommen, nachdem es Eber und Teafa ermordet hat.« Sein Ton war so drohend wie seine Worte.
Fidelma stand anscheinend unbesorgt da, die Hände sittsam vor sich gefaltet, sie lächelte den jungen Mann sogar an.
»Ich bin Anwältin bei den Gerichten der fünf Königreiche, Critän«, sagte sie freundlich. »Wagst du es, mich zu bedrohen?«
Arroganz und Unerfahrenheit verdrängten sogar Critans angeborene Verschlagenheit. Er schob das Kinn vor.
»Hier ist Araglin, Frau. Hier hast du weder den Schutz deiner Kirche noch den der Krieger deines Bruders.«
Beunruhigt sah er, wie Fidelma noch breiter lächelte.
»Ich brauche sie nicht, um mich hier durchzusetzen«, erwiderte sie.
Die beiden Landarbeiter standen unschlüssig da und überließen Critan das Reden. Der mit der Leiter schien zu begreifen, daß der junge Krieger mit seinen Drohungen wohl zu weit gegangen war. Er setzte die Leiter ab und trat vor.
»Es stimmt, daß du hier nicht erwünscht bist, Schwester«, sagte er in etwas respektvollerem Ton. »Unser Verwandter«, er wies mit dem Daumen über die Schulter zum Kreuz, »ist ermordet worden, und wir wissen, wer dafür zu bezahlen hat. Du solltest dich um deine eigenen Dinge kümmern.«
»Ihr habt euch anscheinend schon entschieden, wen ihr für Muadnats Tod bestrafen wollt, ob er nun schuldig ist oder nicht«, bemerkte Eadulf trocken. »Wäre es nicht besser, damit zu warten, bis der wahre Schuldige gefunden ist?«
»Niemand hat dir gesagt, daß du dich hier einmischen sollst, Angelsachse«, fuhr ihn Critan an. »Jetzt haut ab, alle beide. Ich kann euch nur warnen.«
Fidelmas Mundwinkel zogen sich zu einer fast wehmütigen Miene herab. Das war immer ein gefährliches Zeichen, doch nur Eadulf wußte es. Sie hatte bemerkt, daß der junge Mann seine Worte mühsam wählte, sein Gesicht gerötet war, seine Augen glänzten und seine Gesten fahrig waren. Bei näherem Hinsehen war ihr klar geworden, daß er sich an diesem Morgen Mut angetrunken hatte.