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»Ich will dein schlechtes Benehmen übersehen, Critan, und diesmal noch deine Jugend und deine Unerfahrenheit berücksichtigen. Jetzt möchte ich Muad-nats Leiche untersuchen, und ich tue das kraft meines Amtes.«

Mit drohenden Worten hatte Critan nichts erreicht, und das verblüffte ihn. Hilfesuchend sah er die beiden Landarbeiter an. Sie schauten verlegen zu Boden. Critan merkte, daß er sich erneut vor anderen blamierte.

»Dies sind Verwandte Muadnats«, erklärte er störrisch. »Wir werden dir nicht gestatten, das Gesetz zu verdrehen, damit Archü unserer Gerechtigkeit entgeht.«

»Sind sie denn Zeugen des Mordes gewesen?« fragte Fidelma und zeigte plötzlich mit dem Finger auf den, der etwas vernünftiger mit ihr gesprochen hatte: »Du da, hast du gesehen, wie Archü Muadnat umbrachte?«

Der Mann wurde rot.

»Nein, natürlich nicht, aber ...«

»Und du?« fuhr Fidelma den zweiten Mann an.

»Wer sonst als Archü würde so was machen?« erwiderte er trotzig.

»Wer sonst? Verlangt nicht das Gesetz, das zu untersuchen, bevor ihr Rache nehmt an einem, der vielleicht unschuldig ist?«

Critan mischte sich mit höhnischem Lachen ein.

»Du kannst gut mit Worten umgehen, Frau. Aber wir haben jetzt genug von Worten. Verschwinde von hier, ehe ich dir Beine mache.« Er legte die Hand ans Schwert. Die Geste war eindeutig.

Eadulf, rot vor Zorn, trat entschlossen vor, doch Fidelma hielt ihn energisch zurück.

»Willst du eine Frau bedrohen?« fragte er grollend. »Gar noch eine Nonne?«

Critan hatte bereits das Schwert gezogen. Sein Gesicht war gerötet, seine Augen glänzten.

»Bleib stehen, Eadulf«, warnte Fidelma.

Der eine Landarbeiter, der etwas vernünftiger zu sein schien, betrachtete Critan unruhig. Eine Drohung mit Worten war eine Sache, aber ein tätlicher Angriff auf eine Nonne und eine Anwältin dazu, das war ihm zuviel.

»Vielleicht sollten wir sie doch die Leiche untersuchen lassen«, meinte er schüchtern.

Die Vorstellung, vor dieser Frau das Gesicht zu verlieren, machte den arroganten jungen Mann noch störrischer.

»Ich sage, was hier getan wird«, beharrte er beinahe weinerlich.

»Critan«, erwiderte der andere unsicher, »sie ist nicht nur eine Nonne, sondern .«

»Sie ist die, deren falsche Schlangenzunge Archü erlaubte, sich das zu nehmen, was Muadnat gehörte. Sie ist auch für seinen Tod verantwortlich!«

»Critan!« Fidelma sprach leise, aber deutlich. »Steck dein Schwert ein, geh zum rath und schlaf deinen Rausch aus. Deine Unhöflichkeit werde ich übersehen.«

Der junge Mann zitterte nun beinahe vor Wut.

»Wenn du ein Krieger wärst ...«, stammelte er.

Fidelmas Augen verengten sich zu Schlitzen.

»Wenn du mir mit körperlicher Gewalt drohen willst, dann laß dich dadurch nicht daran hindern.«

»Critan«, rief der Mann, der die Leiter hatte an das Kreuz stellen wollen. Doch der hob das Schwert und machte einen Schritt nach vorn.

Fidelma winkte ihm zu schweigen und allen, etwas zurückzutreten. Eadulf sah den Zorn auf ihrer Stirn. Er beobachtete, wie sie sich leicht breitbeinig hinstellte und die Arme locker herabhängen ließ. Ihre Stimme wurde leise und zischend.

»Knabe! Jetzt bist du zu weit gegangen. Deine Jugend und deine Trunkenheit sind keine Entschuldigung mehr. Wenn du dein Schwert gebrauchen willst, dann tu es doch. Selbst eine vom Alter gebeugte Frau wird mit einem kleinen Kind wie dir fertig.«

Die eiskalt gesprochenen Worte taten die beabsichtigte Wirkung.

Critan heulte auf vor Wut. Mit erhobenem Schwert rannte er an. Fidelma stand einfach da und erwartete seinen Angriff. Eadulf schwankte, ob er vorspringen und sich schützend vor sie stellen sollte oder stehen-bleiben, weil er ahnte, was kommen würde. Er hatte in Rom gesehen, wie Fidelma ihr ungewöhnliches Können bewies. Sie war eine Meisterin in der Kunst, die sie troid-sciathagid nannte, Selbstverteidigung. Sie erklärte ihm, daß die irischen Mönche und Nonnen weit reisten, um den neuen Glauben zu predigen, oft allein und unbewaffnet. Da sie es für unrecht hielten, Waffen zu tragen, hatten sie eine Kunst der waffenlosen Selbstverteidigung gegen Räuber und Banditen entwickelt.

Der Kampf, wenn man ihn so nennen wollte, war in Sekunden vorbei.

In einem Moment stürmte der junge Mann mit erhobenem Schwert auf Fidelma zu, und im nächsten Moment lag er rücklings am Boden, und Fidelma stand mit einem Fuß fest auf dem Gelenk der Hand, die das Schwert umfaßte. Sie hatte sich kaum bewegt und ihn einfach über ihre Schulter geworfen. Eadulf wußte, daß ein Trick dabei war. Der eigene Schwung hatte den Critan fortgerissen. Nun lag er betäubt da und schnappte nach Luft.

Die beiden Landarbeiter starrten verwundert auf den niedergeworfenen Burschen.

Eadulf trat vor, beugte sich hinunter und hob das Schwert auf. Er schaute Critan an, roch seinen Atem und schüttelte traurig den Kopf.

»Plures crapula quam gladius«, tadelte er ihn. »Da du kein Latein verstehst, mein Junge, das bedeutet: Trunkenheit tötet mehr Menschen als das Schwert.«

Fidelma wandte sich an die Landarbeiter.

»Einer von euch bringt ihn jetzt zurück in den rath zu eurer Tanist und sorgt dafür, daß er seinen Rausch ausschläft. Wenn er wieder nüchtern ist, könnt ihr ihm sagen, daß es mit seiner Absicht, Krieger zu werden, vorbei ist. Sagt Cron, eurer Tanist, daß ich das angeordnet habe. Er soll sich von nun an als Hirt oder Pflüger betätigen. Im Königreich Muman wird er keine Waffen mehr tragen. Nur wegen seiner Jugend und Trunkenheit werde ich seinen Angriff auf mich nicht weiter verfolgen.«

Einer der Männer kam heran und stellte den immer noch benebelten jungen Mann auf die Füße. Er wollte Eadulf das Schwert aus der Hand nehmen, doch Fidelma verwehrte es.

»Scharfe Messer sind kein Spielzeug für Kinder«, bestimmte sie. »Behalte es, Eadulf.«

Der Mann, der die Leiter hatte aufstellen wollen, murmelte: »Wirf mich nicht mit dem törichten Jungen in einen Topf, Schwester.«

Fidelma erwiderte nichts und beobachtete, wie der andere Mann Critan auf dem Weg zum rath von Ara-glin halb zog und halb schleppte.

Eadulf verzog das Gesicht.

»Wenn er im rath anlangt, wird er wieder nüchtern sein.«

Fidelma seufzte kurz und wandte sich dann der Leiche zu, die an dem hohen Kreuz hing.

»Ich brauche einen Moment deine Leiter«, sagte sie zu dem übriggebliebenen Landarbeiter.

Der Mann stellte sie an das Kreuz, und Fidelma stieg hinauf, während Eadulf ihm half, die Leiter zu halten.

Trotz des geronnenen Blutes und des Seils konnte Fidelma erkennen, daß Muadnats Kehle mit einem raschen gekonnten Schnitt durchtrennt worden war, der fast den Kopf vom Rumpf löste. Es war kein schöner Anblick, er erinnerte an die Schlachtung eines Tieres. Das viele Blut ließ darauf schließen, daß man ihm erst die Kehle durchgeschnitten und ihm danach ein Seil um den Hals gelegt und ihn am Kreuz aufgehängt hatte. Warum hatte man den Toten auch noch gehängt? Ihr schien es fast, als habe man ein schwarzes Ritual vollzogen. Sie besah sich die Leiche sorgfältig, entdeckte aber keine weiteren Hinweise. Das Seil war ein üblicher, aus Fasern gedrehter Strick. Von dem Messer, mit dem ihm die tödliche Wunde beigebracht worden war, war nichts zu sehen. Sie stieg wieder herunter.

»Du kannst die Leiche jetzt abnehmen«, erklärte sie dem Landarbeiter.

Eadulf half ihm dabei.

Inzwischen ging Fidelma in immer größeren Kreisen um das Kreuz herum, den Blick auf den Boden gerichtet. Nach einer Weile blieb sie plötzlich stehen und holte tief Atem.