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»Eadulf!«

Er kam sofort zu ihr.

Sie deutete zur Erde. Eadulf betrachtete unsicher das Gras. Da waren Flecke.

»Blutspritzer?« vermutete er.

Sie nickte.

»Schau sie dir genau an.«

Eadulf bückte sich und sah, daß auf Grashalmen und einer breitblättrigen Pflanze Blut angetrocknet war.

»Meinst du, daß man ihm hier die Kehle durchgeschnitten hat?«

»Die Annahme erscheint mir begründet«, erwiderte Fidelma. »Sonst noch etwas?«

Eadulf wollte sich schon erheben, als er noch einmal hinschaute und mit einem kurzen Ausruf etwas aufhob.

»Was ist das?« fragte Fidelma.

»Ein Büschel Haare.« Eadulf stand auf und hielt es in der offenen Hand.

»Dickes rotes Haar«, bestätigte Fidelma. »Menschenhaar.«

»Meinst du, es hat etwas mit dem Mord zu tun?«

»Es sieht aus, als sei es mit den Wurzeln ausgerissen worden. Schau dir die Enden an«, antwortete sie, ohne auf seine Frage einzugehen.

Nachdem er die Haare betrachtet hatte, nahm sie sie vorsichtig und tat sie in ihr marsupium, den Lederbeutel, den sie immer an der Hüfte trug.

»Ich glaube, jetzt kehren wir am besten zum rath zurück, Eadulf. Hier ist kaum noch etwas zu tun. Ich möchte Agdae befragen. Agdae! Warum ist er denn nicht hier?« fragte sie.

Sie wandte sich an den Landarbeiter, der Muadnats Leiche auf dem geduldig wartenden Esel festband.

»Kam Agdae zurück, nachdem er Hilfe aus dem rath geholt hatte?«

»Nein, Schwester«, antwortete der Mann sofort. »Er ließ Critan und meinen Freund und mich hier, damit wir die Leiche abnehmen und zu Muadnats Hof schaffen sollten. Ich glaube, er hat sich gleich auf die Suche nach Archü gemacht.«

Fidelma stöhnte.

»Sagtest du nicht vorhin, daß du auch mit Muadnat verwandt bist?« fragte sie.

Der Mann nickte.

»Ja, wie die meisten hier im Tal, auch die Tanist.«

»Wenn Muadnat so viele Vettern hatte, warum hegte er dann ausgerechnet von Archü eine so schlechte Meinung?«

Die Antwort kam ohne Zögern.

»Er haßte Archüs Vater, einen Ausländer. Muadnat meinte, Archüs Vater Artgal hätte kein Recht gehabt, die Liebe seiner Verwandten Suanach zu stehlen.«

»Die Liebe zu stehlen?« Fidelma verzog das Gesicht. »Das ist eine interessante Formulierung. Wem soll denn Suanachs Liebe gestohlen worden sein? Das deutet darauf hin, daß die Frau gegen ihren Willen an Artgal gebunden war. Verhielt es sich so?«

Dem Mann war das Gespräch sichtlich unbehaglich.

»Muadnat hatte sie mit Agdae verheiraten wollen. Doch Suanach wollte ihn nicht. Sie liebte Archüs Vater Artgal sehr.«

»Also war Muadnats eigene verdrehte Anschauung von dieser Ehe schuld an dem ganzen Streit?«

»Vermutlich, aber den Toten soll man nichts Schlechtes nachsagen.« Der Mann wollte offenbar nicht weiter darüber reden.

»Dann sprechen wir lieber von den Lebenden. Sprechen wir von Archü und Agdae. Versuchen wir, Ungerechtigkeit gegenüber den Lebenden zu verhindern«, erwiderte Fidelma.

»Ist die Abneigung gegen den Vater auf den Sohn übertragen worden?« fragte Eadulf. »Soll Archü dafür büßen, daß Muadnat seinen Vater nicht mochte? Das wäre in höchstem Maße ungerecht.«

»Das ist sicher sehr ungerecht, aber noch kein Grund für Archü, Muadnat umzubringen«, erwiderte der Landarbeiter.

»Bist du sicher, daß er das getan hat?«

»Agdae hat es doch gesagt.«

»Muß Agdaes Behauptung deshalb wahr sein? Du hast uns gerade erzählt, daß Agdae genausoviel Grund hat, Archü zu hassen, wie Muadnat, wenn nicht mehr.«

»Agdae ist schließlich auch Muadnats Adoptivsohn, nicht nur sein Neffe. Sollte er nicht die Wahrheit kennen?«

»Sein Adoptivsohn?« Das interessierte Fidelma. »Also hat Muadnat keine Frau und keine eigenen Kinder?«

»Nein, nicht, daß ich wüßte. Agdae war sein Neffe, doch Muadnat hat ihn von Kind an aufgezogen.«

»Agdae wird also Muadnats Hof erben?«

»Das nehme ich an.«

Fidelma ging zu ihrem Pferd.

»Du kannst die Leiche zu Muadnats Hof bringen«, sagte sie. »Ich bin hier fertig. Wenn du Agdae eher siehst als ich, dann warne ihn vor jeder Handlung, mit der er sich den Zorn des Gesetzes zuziehen würde. Ihr wißt beide, was ich damit meine.« Sie schwang sich aufs Pferd. Eadulf tat es ihr gleich.

»Wohin jetzt?« fragte er, als sie bereits den Berghang hinunterritten.

»Zu Archüs Hof natürlich.«

»Meinst du, daß dieser Mord mit dem an Eber und Teafa in Verbindung steht?«

»Es ist zumindest merkwürdig, daß sich in diesem schönen Tal von Araglin, in dem jahrelang niemand gewaltsam zu Tode kam, innerhalb weniger Tage mehrere solcher Gewalttaten ereignen. Bisher sichere und wohlbehütete Bauernhöfe werden überfallen. Vieh wird weggetrieben, seltsamerweise aber jedesmal nur ein paar Rinder. Die Morde an Eber, Teafa, Mu-adnat und einem fremden Mann, den wir nicht kennen, können doch nicht alle nur zufällig geschehen sein. Ich muß gestehen, Eadulf, ich glaube nicht sehr an Zufälle. Ich ziehe es vor, die Tatsachen zu prüfen, und nur wenn es sich ohne jeden Schatten eines Zweifels erweist, daß es Zufälle waren, will ich das glauben.«

Sie schwieg und setzte ihr Pferd in einen leichten Galopp.

»Wir müssen schnell zu Archü, falls Agdae tatsächlich Rache an ihm nehmen will.«

Eadulf hatte Mühe, mit Fidelma mitzuhalten, denn sie war eine ausgezeichnete Reiterin. Sie besaß auch ein gutes Ortsgedächtnis und fand sofort den Weg am Fluß entlang, an der Hütte der Prostituierten Clidna vorbei und den gewundenen Pfad hinauf in die Berge und in das ungewöhnliche, L-förmige Tal des Schwarzen Moors, das Muadnat so lange beherrscht hatte.

Fidelma hatte schon in frühester Kindheit reiten gelernt. Saß sie im Sattel, verschmolz das Pferd gleichsam mit ihrem eigenen Körper und Willen und gehorchte ihr auf den leisesten Druck wie durch Gedankenübertragung. Sie liebte die dadurch gewonnene Freiheit. Wenn sie sich leicht im Sattel vorbeugte und den Wind im Haar spürte und wenn das Land an ihr vorüberflog, dann erbebte sie vor Freude. Der Trommelschlag der Hufe fand ein Echo im Rhythmus ihres Körpers und regte sie zu ungehinderter Meditation an.

Für eine Weile schien sie der Welt kleinlicher menschlicher Rachsucht entrückt, wurde eins mit der Natur, atmete die warme Frühlingsluft, genoß den Geruch der Wälder und Felder, empfand die sanfte Wärme der Sonne. Fast schloß sie die Augen vor schierer Sinnenfreude.

Dann riß sie sich zusammen und fühlte sich beinahe schuldig.

Menschen waren getötet worden, und sie hatte die Pflicht, festzustellen, warum und von wem.

Ihre Augen öffneten sich weit. Sie erblickte zwei Reiter auf dem Weg vor ihr und erkannte sogleich Duban und einen seiner Männer.

Sie parierte ihr Pferd und ließ sie herankommen. Eadulf hielt neben ihr.

»Ich habe es bereits gehört, Schwester«, erklärte ihr Duban, noch bevor sie etwas sagen konnte. »Cron sandte mir die Nachricht. Ich habe zwei meiner Leute bei Archü und Scoth stationiert. Sie wollen ihren Hof nicht verlassen, sind aber in sicheren Händen.«

»Agdae hast du also nicht gesehen? Ich hörte, er sei diesen Weg geritten.«

Duban schüttelte den Kopf.

»Ich glaube nicht, daß er versuchen wird, Archü etwas anzutun, wenn er weiß, daß meine Männer bei ihm sind. Seine Wut wird sich schon wieder legen. Er wird zur Vernunft kommen und begreifen, daß Archü nicht für Muadnats Tod verantwortlich ist.«

Fidelma sah ihn etwas verwundert an.

»Du scheinst dir dessen sehr sicher zu sein? Ich würde nur behaupten, daß ich es für unwahrscheinlich halte, daß Archü Muadnat umgebracht hat.«

»Ich weiß, daß er es nicht getan hat«, antwortete Duban ernst.