Etwas höher am Hang öffnete sich ein ungefähr mannshoher Eingang zu einer Höhle. Der ihn umgebende Fels war kahler blaugrauer Granit, und ein Vorsprung aus demselben Gestein überragte schützend den Höhleneingang.
Auf dieser Lichtung endete der geheimnisvolle Weg. Daran gab es keinen Zweifel. Sie waren zu dem Versteck der Viehdiebe gelangt.
Fidelma und Eadulf wechselten Blicke. Eadulf wunderte sich sichtlich, doch Fidelma hatte ein paar Werkzeuge bemerkt, die neben dem Wagen lagen, und ihr ging ein Licht auf. Sie wollte Eadulf schon das Zeichen zum Rückzug geben, als am Höhleneingang Bewegung entstand.
Ein großer, kräftiger Mann trat heraus, blinzelte ins Licht, gähnte und reckte die Arme gen Himmel. Er hatte einen groben roten Bart und schulterlanges Haar.
Das häßliche Gesicht gehörte unverkennbar Men-ma, dem obersten Pferdewärter des rath von Araglin.
Kapitel 15
Schweigend ritten sie zum Rand des Waldes zurück. Fidelma war in Nachdenken versunken. Eadulf unterdrückte mit Mühe die vielen Fragen, die ihm durch den Kopf gingen. Als sie schließlich aus dem Schatten des Waldes herauskamen, konnte er sich nicht länger beherrschen.
»Was meinst du, was das zu bedeuten hat, Fidelma?« wollte er endlich wissen.
»Wenn ich das wüßte, hätte ich vielleicht den Schlüssel zu diesem ganzen Geheimnis«, antwortete sie. »Jedenfalls haben wir das Versteck der Männer gefunden, die die Bauernhöfe in Araglin überfallen.«
»Doch warum verstecken sich Menma und diese Banditen in der Höhle? Und warum macht Menma mit den Viehdieben gemeinsame Sache?«
»Ich halte sie nicht für Viehdiebe, und sie verstek-ken sich eigentlich auch nicht«, meinte Fidelma und lachte.
»Was sind sie dann?« fragte Eadulf.
»Hast du die Werkzeuge gesehen, die auf der Lichtung umherlagen?«
»Werkzeuge? Nein, ich habe nur auf die Männer geachtet. Was für Werkzeuge?«
Fidelma seufzte leise.
»Du mußt immer daran denken, daß Beobachtung und die Analyse der Beobachtungsergebnisse ganz wesentlich sind zur Erforschung der Wahrheit. Bei dem Wagen lagen verschiedene Werkzeuge. Sie verrieten mir, daß die Höhle unzweifelhaft ein Bergwerk ist.«
Eadulf war verblüfft.
»Ein Bergwerk?«
»Es ist nicht ungewöhnlich, in dieser Gegend auf Bergwerke zu stoßen. Wären wir von Lios Mhor genau nach Westen den Abhainn Mor entlanggereist, wären wir zu einer Ebene gekommen, die Magh Meine heißt, die Ebene der Minerale. Dort baut man Kupfer, Blei und Eisen ab.«
»Ich glaube, davon habe ich schon mal gehört.«
»Bressal, der Herbergswirt, erzählte uns, daß er einen Bruder hat, der als Bergmann in der Ebene der Minerale arbeitet«, fuhr Fidelma fort.
»Natürlich. Aber was macht Menma in diesem Bergwerk, wenn es denn eins ist?«
»Das müssen wir selbst herausbekommen.«
»Und warum sollte .«
»Es hat keinen Zweck, Fragen zu stellen, solange wir nicht genügend Beweismittel haben, mit denen wir die Antwort wenigstens vermuten können.«
»Vielleicht hätten wir uns zeigen und eine Erklärung verlangen sollen«, meinte Eadulf. »Schließlich hast du ein Amt in diesem Königreich.«
Fidelma lächelte nur.
»Diese Männer führen nichts Gutes im Schilde. Glaubst du, die scherten sich um mein Amt?«
»Wir hätten sie überraschen und entwaffnen können ...«
»Mein lieber Freund, in den Oden des Horaz gibt es eine Zeile: >Vis consili expers mole ruit sua.<«
Eadulf nickte langsam: »Kraft, frei von Weisheit, stürzet durch eigene Wucht«, wiederholte er.
Sie beschattete die Augen mit der Hand und spähte zum Gipfel des Berges über ihnen empor.
»Du sagtest vorhin, wenn wir den Grat überquerten, kämen wir oberhalb von Archüs Hof heraus. Stimmt das?«
Eadulf runzelte die Stirn bei diesem plötzlichen Wechsel des Themas.
»Das stimmt«, brummte er.
»Willst du es ausprobieren?«
Eadulf hielt das für einen Scherz, aber es war keiner.
»Die Berghänge sind doch viel zu steil für Pferde«, protestierte er. »Zu Fuß könnten wir es versuchen, aber .«
Sie zeigte wortlos aufwärts.
Weiter oben am Hang sah Eadulf etwas Rotbraunes sich bewegen. Er kniff die Augen zusammen. Es war die muskulöse Gestalt eines Hirsches, der sein Rudel vor sich her trieb.
Fidelma schmunzelte.
»Wo ein Hirsch sein Rudel führt, kommt auch ein Reiter durch. Bist du bereit dazu?«
Eadulf hob die Arme zum Zeichen des widerwilligen Einverständnisses.
»Da vorn gibt es so etwas wie einen Pfad«, erklärte ihm Fidelma, »wahrscheinlich ein Wildwechsel. Schau mal!«
Eadulf sah weiter nichts als eine ausgetretene Spur, die sich durch Farne und Ginster aufwärts zog.
»Darauf können wir doch nicht reiten«, wandte er ein.
»Nein, aber unsere Pferde führen«, versicherte ihm Fidelma. Sie glitt aus dem Sattel, nahm die Zügel und ging vorsichtig auf dem schmalen Wildwechsel den Berghang vor ihnen hinauf.
Eadulf stöhnte innerlich, dann stieg auch er ab und zog sein Pferd hinter sich her. Er war nicht schwindelfrei, deshalb hielt er den Blick vor sich auf den Boden gerichtet.
»Ich verstehe nicht, weshalb du diese Abkürzung zu Archüs Hof nehmen willst. Wir hätten doch genausogut auf dem Hauptweg zurückreiten können«, beklagte er sich, mehr um sich abzulenken, als um sich mit Fidelma zu streiten.
»Auf diesem Weg geht es schneller. Und wir wollen nicht den Leuten auf Muadnats Hof auffallen, die mit unseren Freunden dahinten am Bergwerk im Bunde stehen.«
»Ich weiß auch nicht, was das alles mit dem Mord an Eber zu tun hat.«
Fidelma würdigte ihn keiner Antwort.
Der Wind fuhr über die Berge, und die Pferde wurden unruhig. Sie brauchten ihre ganze Kraft, sie fest am Zügel zu halten. Vor sich hörte Fidelma das langsame Dahinziehen der Hirschkühe, die immer mal wieder ästen. Der Wind trug ihnen keinen ungewohnten Geruch zu. Nur manchmal verharrte der Hirsch wie ein imponierendes Standbild, als beobachte er besorgt ihren stetigen Anstieg. Dann trieb er mit einem seltsam bellenden Ruf sein Rudel weiter. Darauf sprangen die Tiere ein Stück höher und hielten wieder an und ästen.
Der Pfad war kaum noch zu erkennen, doch Fidelma ging weiter und umrundete langsam den Berg. Die Windstöße wurden heftiger, und Eadulf senkte den Kopf, um ihnen zu entgehen und zugleich den Blick auf die offenen Höhen zu vermeiden. Er hoffte, sein Pferd würde nicht zu unruhig, denn er wußte nicht, ob er es dann noch halten könnte.
Plötzlich blieb Fidelma stehen.
»Was ist?« fragte er.
»Sieh selbst«, erwiderte sie.
Eadulf nahm seinen Mut zusammen für einen raschen, unsicheren Blick.
Vor ihnen erstreckte sich das L-förmige Tal. Er sah einige Gebäude weit unten und senkte den Blick wieder, so schnell er konnte.
»Was ist das?« fragte er wieder. »Archüs Tal?«
Fidelma wandte sich um und schaute ihn nachdenklich an.
»Macht die Höhe dir Schwierigkeiten, Eadulf?« fragte sie besorgt.
Eadulf biß sich auf die Lippen. Er konnte es nicht leugnen.
»Nicht so sehr die Höhe«, erwiderte er. »Es ist die Angst vor hohen offenen Stellen, vor dem Abstürzen. Hört sich das komisch an?«
Fidelma schüttelte langsam den Kopf.
»Das hättest du mir sagen sollen«, tadelte sie ihn sanft.
»Ich wäre zu nichts nutze, wenn ich die Angst eingestehen würde.«
»Mein Lehrer, Morann von Tara, sagte einmal, eine Maus könne sich an einem Fluß auch nicht mehr als satt trinken.«