Выбрать главу

Eadulf war verblüfft.

»Das klingt nach einer rätselhaften Philosophie.«

»Nein. Wir müssen um unsere Schwächen ebenso wissen wie um unsere Stärken. Nur dann erkennen wir die Stärke in unseren Schwächen und die Schwäche in unseren Stärken.«

»Meinst du, ich hätte meine Angst annehmen und sie dir beichten sollen?«

»Was sonst hättest du tun sollen? Wäre ich vorgewarnt gewesen, hätte ich gewußt, was ich zu tun habe, wenn etwas passiert.«

Eadulf seufzte. Er redete nicht gern über seine Schwächen.

»Hier ist nicht die richtige Zeit und vor allem nicht der richtige Ort, über meine Fehler zu sprechen.«

»Natürlich nicht«, besänftigte ihn Fidelma. »Entschuldige, es tut mir leid. Von nun an geht es abwärts. Du hast recht, dort unten liegt Archüs Hof. Es ist das Tal des Schwarzen Moors.«

Eadulf straffte die Schultern.

»Dann gehen wir weiter«, meinte er. »Je eher wir mit dem Abstieg beginnen, desto eher sind wir unten.«

Fidelma schritt weiter vorsichtig voran. Das Hirschrudel hatte sich von seinem Wechsel entfernt. Der Abstieg war steil, aber in mäßigem Tempo durchaus zu bewältigen. Nur gelegentlich kamen sie an Wegstellen, an denen ein Absatz, nicht höher als einen halben Meter, gefährlicher aussah, als er war. Ein- oder zweimal mußten sie auf wenigen Metern enge Windungen passieren. Schließlich gelangten sie zu den weniger steilen unteren Abhängen des Berges, an denen Eschen und Dornsträucher einen Gürtel bildeten, durch den sie aber einen passablen Durchschlupf fanden.

Als sie aus einem kleinen Gehölz von Eschen und Buchen hervortraten, sahen sie sich plötzlich zwei Reitern mit gespannten Bögen gegenüber.

»Schwester Fidelma!«

Archüs erschrockener Ausruf ließ sie halten. Der andere Reiter war wohl einer der Männer, die Duban zurückgelassen hatte. Archü senkte sofort seinen Bogen und entschuldigte sich.

»Wir wußten nicht, daß ihr es seid.«

»Wir sahen zwei Gestalten über den Grat des Berges kommen. Ein seltsamer Weg«, brummte der Krieger neben ihm.

»Seltsam und gefährlich«, seufzte Eadulf und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Wir beobachten euch schon seit einer Stunde, denn mein Gefährte hat euch gleich entdeckt, als ihr oben auf dem Berg auftauchtet. Warum habt ihr diesen steilen Weg genommen? Sonst kommen nur Schafe und Hirsche hier herunter.«

»Das ist eine lange Geschichte, Archü«, erwiderte Fidelma. »Wenn Scoth eine Erfrischung für uns hat, erzählen wir sie euch.«

»Natürlich«, stimmte Archü bereitwillig zu. »Verzeiht. Reiten wir gleich zu unserem Haus.«

Der Krieger betrachtete noch immer mißtrauisch den Berg.

»Wurdet ihr verfolgt, Schwester?« fragte er.

Fidelma schüttelte den Kopf.

»Nicht, daß ich wüßte. Habt ihr jemanden hinter uns gesehen?«

»Nein. Aber wir müssen vorsichtig sein. Habt ihr gehört, daß Muadnat umgebracht wurde?«

»Ja. Vor ein paar Stunden haben wir unterwegs Duban getroffen. Er sagte uns, daß er noch einen weiteren Krieger zum Schutz für Archü hiergelassen hat, für den Fall, daß Agdae etwas Törichtes vorhätte.«

»Vielleicht könntest du hierbleiben und aufpassen, ob jemand über den Berg kommt«, bat Archü seinen Begleiter. »Ich bringe inzwischen Schwester Fidelma und Bruder Eadulf zu meinem Haus.«

Der Krieger tat, wie ihm geheißen. Fidelma und Eadulf folgten Archü zu dem fernen Hof.

»Das ist eine schlimme Geschichte, Schwester. Wenn Duban nicht gestern einen seiner Männer hiergelassen hätte, der bezeugen kann, daß ich mich nicht vom Hof entfernt habe, wäre ich in großen Schwierigkeiten.«

Fidelma nickte.

»Ich habe Muadnat mein Leben lang gekannt«, fuhr Archü fort, »und wenn er mich auch haßte, kann ich nicht sagen, daß sein Tod mich nicht berührt. Er war schließlich mein Vetter. Möge er in Frieden ruhen.«

»Dazu sage ich amen«, meinte Eadulf, der sich ein wenig erholt hatte.

»Und wie stehst du zu Agdae? Wußtest du, daß Muadnat ihn adoptiert hatte?« erkundigte sich Fidelma.

»Das wußte ich. Er ist ja auch mein Vetter. Seine Eltern starben vor vielen Jahren an der Pest. Agdae überlebte, und Muadnat nahm ihn in sein Haus. Meine Mutter erzählte mir, daß Muadnat sie drängte, Ag-dae zu heiraten, doch sie lehnte ab und entschied sich für meinen Vater. Wir mochten einander nicht, das gebe ich offen zu. Muadnat erzog ihn dazu, mich ebenso zu hassen, wie er es tat.«

»Und haßt du ihn auch?«

»Ich kann nicht behaupten, ein anderes Gefühl für ihn zu hegen. Agdae ist kein angenehmer Mensch.«

»Wer, meinst du, hat Muadnat umgebracht?« fragte Fidelma.

Archü schwieg lange. Eadulf dachte schon, er wolle die Antwort verweigern. Dann seufzte er tief.

»Ich weiß es nicht. Ich begreife das alles nicht mehr. Die Morde an Eber und Teafa waren weit weg für mich, berührten mich nicht wirklich. Doch Muadnats Tod trifft mich, auch wenn ich ihn haßte. Ich weiß nicht, wer es getan haben könnte.«

Scoth begrüßte sie an der Tür des Hauses. Der zweite Krieger, den Duban zurückgelassen hatte, nahm ihnen die Pferde ab. Archü führte sie ins Haus.

»Wir haben Cider«, sagte Scoth und holte einen Krug und mehrere Becher.

Eadulf lächelte dankbar.

»Sei gesegnet dafür«, sagte er. »Mein Kehle ist total ausgetrocknet.«

Archü bat sie, sich zu setzen. Scoth schenkte ein und brachte dann noch eine Schale mit Obst.

Eadulf leerte seinen Becher mit einem einzigen Zug, Fidelma hingegen trank in kleinen Schlucken.

»Sei vorsichtig«, riet sie ihm, als er sich nachschenken ließ. »Dieser Cider ist stark.«

Archü grinste freudlos.

»Zumindest hatte Muadnat die Güte, uns ein paar Fässer Cider hierzulassen.«

Scoth sah das anders.

»Na, ich war es schließlich, die den Cider gemacht hat. So können wir die Früchte meiner Arbeit wenigstens genießen.«

Fidelma nahm einen Schluck und schaute Archü an.

»Hast du dein ganzes Leben hier im Tal verbracht?«

Die Frage überraschte Archü.

»Ja. Ich wurde auf diesem Hof geboren und wuchs hier auf. Als meine Mutter starb, übernahm Muadnat den Hof, und von da an mußte ich in den Ställen bei den Tieren schlafen, bis ich das Alter der Wahl erreicht hatte und meinen Anspruch in Lios Mhor vorbrachte. Warum fragst du?«

»Was ist mit dem Land auf der anderen Seite des Berges?«

»Du meinst den Berg, über den ihr gekommen seid?«

»Ja.«

»Es gehört zu diesem Hof.«

»Ich dachte, zu dem Hof gehören sieben cumals Land hier im Tal?«

»Nur vier cumals liegen im Tal selbst. Der Hof besteht aus drei Teilen: die Äcker um das Gehöft herum, das Land der drei Wurzeln ...«

Eadulf blickte interessiert von seinem Becher auf.

»Das was?« fragte er. »Den Ausdruck habe ich noch nie gehört.«

»Den findest du in unseren Gesetzen«, erklärte ihm Fidelma. »Nach unserer alten Einteilung gilt als der beste Boden eines Hofes derjenige, auf dem drei Pflanzen wachsen, die sich durch ihre großen Wurzeln aus-zeichnen: die Distel, das Kreuzkraut und die wilde Möhre. Ist der Acker so gut, daß sie darauf wachsen, dann wird er am höchsten eingeschätzt und gilt als besonders fruchtbar.«

Eadulf schüttelte verwundert den Kopf.

Fidelma wandte sich wieder an Archü.

»Der Berg gehört also mit zum Hof, sagst du?«

»Er ist der Teil des Hofes, der als Axtland bezeichnet wird. Wenn auf dem Berg etwas anderes wachsen soll als Bäume und Ginster, dann müßte er mit großem Aufwand gerodet werden.«

»Er gehört jedenfalls zu deinem Hof?«

»O ja. Das würde nicht einmal Muadnat bestreiten.«

»Ich verstehe. Kennst du den Berg gut?«

»Ich kenne ihn.«