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»Du wolltest mich sprechen?«

Cron sah Fidelma einen Moment mit ihren eisblauen Augen an und senkte dann den Blick.

»Ja.«

»Duban hat mit dir geredet, nehme ich an?«

Cron errötete heftig und nickte.

»Ich habe Duban gesagt, daß ich nicht naiv bin«, tastete sich Fidelma vor. »Glaubtest du, du könntest mich ewig mit Halbwahrheiten hinhalten? Ich weiß, daß du deinen Vater haßtest. Ich möchte den Grund erfahren.«

»Es war wegen der Schande«, antwortete Cron nach einer kurzen Pause.

»Am besten ist es, wenn man die Wahrheit offenlegt, denn dunkle Geheimnisse brüten Verdacht und Beschuldigungen aus.«

»Teafa haßte meinen Vater auch.«

»Warum?«

»Mein Vater mißbrauchte seine Schwestern.«

Fidelma hatte eine solche Antwort erwartet nach dem, was sie von Pater Gorman erfahren hatte.

»Hat er sie körperlich mißbraucht?« fragte sie sicherheitshalber.

Cron rümpfte die Nase. »Wenn du mit körperlich mißbrauchen meinst, daß er sie zwang, mit ihm zu schlafen - ja.«

»Hat Teafa dir das gesagt?« forschte Fidelma.

»Vor ein paar Jahren«, gestand sie. »So, jetzt habe ich dir verraten, weshalb ich meinen Vater haßte. Aber ich haßte ihn nicht so sehr, daß ich ihn töten würde. Anscheinend bist du der Aufklärung des Mordes an meinem Vater und Teafa noch keinen Schritt nähergekommen.«

»Doch, das bin ich«, lächelte Fidelma. »Was du mir berichtet hast, bedeutet .«

»Störe ich euch?« Eine weiche männliche Stimme unterbrach Fidelma, als sie sich gerade vertraulich vorbeugen wollte.

Pater Gorman stand auf der Schwelle.

Fidelma fing Crons warnenden Blick auf, der ihr sagte, sie solle das Thema nicht weiter verfolgen. Sie unterdrückte einen ärgerlichen Seufzer und stand auf.

»Ich wollte sowieso gerade gehen. Ich habe einen langen, anstrengenden Tag hinter mir. Wir reden morgen weiter, Cron, wenn ich mich ausgeruht habe.«

Das Frühstück war schon ins Gästehaus gebracht worden, als Fidelma aus dem Waschraum hereinkam. Eadulf saß am Tisch und ließ es sich schmecken. Fidelma setzte sich, sprach ein stilles Gratias und besah sich ihren Teller mit Brot, kaltem Fleisch und verschiedenen Beilagen. Sie nahm das Messer zur Hand.

Eadulf meinte: »Wir müssen heute so schnell wie möglich wieder zum Bergwerk mit allen Männern, die Duban entbehren kann. Vielleicht können wir dann sämtliche Rätsel lösen?«

Fidelma hing ihren eigenen Gedanken nach und war nur halb bei der Sache. Doch irgend etwas lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Pilze, die auf dem Tisch standen. In ihrem Hinterkopf schrillte eine Alarmglocke. Die Pilze hatten eine helle gelbbraune Haut mit zellenartigen Gruben auf dem ganzen Hut. Sie hatte oft miotog bhui gegessen, Pilze, die im Frühjahr in den Laubwäldern wuchsen. Meist aber kamen sie gekocht auf den Tisch, denn roh hatten sie einen scharfen Geschmack. Gekocht galten sie als Delikatesse. Warum hatte man sie ihnen roh serviert?

Plötzlich lief es ihr eiskalt den Rücken herunter, und sie erzitterte, als sie sich die Pilze genauer ansah. Erst hatte sie gedacht, die gelblichen Pilze seien bloß vom Alter dunkel geworden, doch jetzt wurde ihr klar, daß das nicht stimmte. Sie waren braun. Erschrocken sah sie, wie Eadulf ein Stück Pilz in den Mund stecken wollte, und schlug es ihm aus der Hand.

Er fuhr überrascht zurück und verschluckte einen Ausruf.

»Wieviel davon hast du gegessen?« wollte sie wissen.

Er starrte sie verständnislos an.

»Wieviel?« fuhr sie ihn an.

»Das meiste von dem, was ich auf dem Teller hatte«, gestand Eadulf verwirrt ein. »Was ist verkehrt daran? Ich weiß, was das für Pilze sind, wir haben zu Hause auch solche. Sie heißen Morcheln.«

»Dia är säbhäil!« rief Fidelma und sprang auf. »Es sind Lorcheln.«

Eadulf wurde bleich.

Die Lorchel, die der eßbaren Morchel so ähnlich sah, war, roh gegessen, tödlich giftig.

»Gott schütze uns, nun aber wirklich.« Eadulf war entsetzt.

Fidelma reagierte sofort.

»Wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir müssen dir den Magen entleeren, dich zum Erbrechen bringen. Das ist die einzige Möglichkeit.«

Eadulf nickte. Er hatte an der berühmten medizinischen Hochschule Tuaim Brecain studiert und wußte sehr wohl, wie giftige Pilze wirkten.

Er stand auf und strebte dem fialtech, dem Schleierhaus oder Abort, zu und vergaß in seiner Eile sogar, sich zu bekreuzigen, bevor er es betrat, um die Listen des Teufels abzuwehren, der an solchen Orten besonders aktiv war.

»Trink so viel Wasser, wie du irgend kannst«, rief ihm Fidelma nach.

Er gab keine Antwort.

Fidelma betrachtete die Teller.

Es gab keinen Zweifel. Jemand hatte versucht, sie beide zu vergiften. Warum? Waren sie der Aufklärung der Morde in Araglin so nahe, daß sie beseitigt werden mußten? Zornig nahm sie die Teller mit Essen und warf sie zur Tür des Gästehauses hinaus. Auch die Becher mit Met goß sie aus.

Sie hörte, wie Eadulf im fialtech würgte.

Sie biß die Zähne zusammen und eilte in die Küche auf der Suche nach Grella, die ihnen gewöhnlich das Essen brachte. Die Küche war leer. Sie fand das junge Mädchen in der Festhalle, wo sie saubermachte.

Grella schien verlegen, als Fidelma auf sie zutrat.

»Wer hat uns heute morgen das Frühstück ins Gästehaus gebracht?«

»Ich, Schwester, wie immer. War etwas nicht in Ordnung?«

Die arglosen Augen des Mädchens überzeugten Fidelma, daß die Schuldige woanders zu suchen sei.

»Wer hat das Essen heute morgen zubereitet?«

»Dignait, nehme ich an. Sie führt die Küche.«

»Hast du gesehen, daß sie es getan hat?«

»Nein. Als ich herkam, war Dignait hier in der Festhalle und sprach mit Lady Cranat. Dignait sagte zu mir, ich solle gleich in die Küche gehen. Dort würde ich ein Tablett mit dem Frühstück für dich und den angelsächsischen Bruder finden, und ich sollte es euch sofort bringen.«

»Also hat Dignait das Essen zubereitet?«

»Ja. Du machst mir Angst, Schwester, was ist passiert?« »Weißt du noch, woraus die Mahlzeit bestand?«

»Wieso?« Die Frage überraschte sie. »Habt ihr sie nicht gegessen?«

In bitterem Ton wiederholte Fidelma ihre Frage: »Woraus bestand die Mahlzeit?«

»Kaltes Fleisch, Brot, ach ja, ein paar Pilze und Äpfel und ein Krug Met.«

»Die Pilze waren giftig. Es waren Lorcheln.«

Das Mädchen erbleichte. In Grellas Gesicht stand der Schock, aber kein Anzeichen von Schuld.

»Das wußte ich nicht!« rief sie entsetzt.

»Wo ist Dignait?«

»Hier ist sie nicht. Ich glaube, nach dem Frühstück ist sie in ihre Hütte gegangen. Soll ich dir zeigen, wo die ist?«

Das Mädchen lief angstvoll vor Fidelma her, bis sie vor einer baufälligen Holzhütte standen.

»Hier wohnt sie.«

Fidelma rief an der Tür.

Keine Antwort.

Sie zögerte einen Moment, dann hob sie mühelos den Riegel an und betrat den einzigen Raum der Hütte. Überrascht betrachtete sie die Unordnung darin. Bettzeug und Kleidungsstücke und einiges andere lagen wild durcheinander.

Grella entfuhr ein erstaunter Ausruf, als sie Fidelma über die Schulter sah.

Fidelma musterte den Raum gründlich. Jemand hatte hier nach etwas gesucht. War es Dignait, die diese Unordnung verursacht hatte, oder jemand anderes?

Wo war Dignait überhaupt? Ihr Blick fiel auf den Tisch, und ihre Augen verengten sich. Ein schmaler roter Fleck zog sich über eine Ecke hin. Das konnte nur Blut sein.

Mehr war in Dignaits verlassener Hütte nicht herauszubekommen.

Grella stand aufgeregt und mit offenem Mund neben ihr.

»Du machst dich am besten wieder an deine Arbeit, Grella. Wenn du fertig bist, geh bitte zu dem angelsächsischen Bruder und bleibe bei ihm. Vielleicht braucht er deine Hilfe. Er hat ein paar von den giftigen Lorcheln gegessen.«