Es klopfte, und Cron trat ein.
»Es hat sich herausgestellt, daß sich Dignait mit Sicherheit nicht mehr im rath aufhält«, sagte sie. »Das scheint ihre Schuld zu bestätigen.«
Fidelma sah die Tanist verdrossen an.
»Das habe ich mir gedacht.«
»Ich habe einen Mann auf die Suche nach Duban geschickt, der ihm berichten soll, was hier geschehen ist«, fügte Cron hinzu.
»Wo ist Duban jetzt?«
»Oben im Tal des Schwarzen Moors. Muadnats Tod muß ja auch noch aufgeklärt werden.« Cron hielt inne und seufzte. »Es ist kaum zu glauben, daß Dignait versucht haben soll, euch zu vergiften.«
»Im Moment scheint alles möglich zu sein«, erwiderte Fidelma. »Wir wissen nicht, welche Rolle sie dabei gespielt hat, ehe sie nicht gefunden und verhört worden ist.«
»Sie hat meiner Familie treu gedient.«
»Das hat man mir gesagt.«
Eadulf kam zurück, erblickte Cron und brachte es fertig, verlegen auszusehen.
Cron betrachtete sein blasses Gesicht mit offenkundigem Widerwillen.
»Du bist krank, Angelsachse«, begrüßte ihn die Ta-nist ohne Mitgefühl.
»Du bist scharfblickend, Cron.« Eadulf versuchte sich seinen Humor zu bewahren.
»Kann ich etwas ... können wir .?«
Eadulf setzte sich, äußerlich blieb er fröhlich.
»Wartet nur ab«, meinte er. »Das kann ich doch wohl allein?«
Fidelma lächelte ihn entschuldigend an.
»Du hast recht, Eadulf. Wir stören dich nur. Ruh dich aus. Aber ich habe Grella gebeten, von Zeit zu Zeit nach dir zu sehen.«
Sie führte Cron sanft, aber bestimmt aus dem Gästehaus.
»Wo ist übrigens Critän?« fragte sie, als sie draußen standen. »Ist er wieder nüchtern?«
»Er war nicht so betrunken, daß er nicht mehr wüßte, was geschehen ist. Du hast ihn erniedrigt, und das verzeiht er dir nie.«
»Er hat sich selbst erniedrigt«, stellte Fidelma richtig.
»Nachdem er sich gestern abend vor mir ausgetobt hatte, nahm er jedenfalls, kurz bevor ihr zum rath zurückkamt, sein Pferd und ritt fort. Er sagte, er wolle seine Dienste einem Fürsten anbieten, der seine Talente zu schätzen wisse.«
»Das habe ich befürchtet. Er ist arrogant und kann Leute einschüchtern, das sind seine Talente. Aber es gibt genug skrupellose Herren, die sich solche Talente zunutze machen. Du sagst also, er hält sich nicht mehr im rath auf?«
Crons Augen weiteten sich.
»Du denkst doch nicht etwa, er habe sich mit Di-gnait zusammengetan ...?«
»Ich verschwende meine Zeit nicht auf Spekulationen, Cron.« Auf einmal kam ihr ein Gedanke. Er hatte wirklich mit Critan zu tun. Sie wollte ihm nachgehen, da sah sie, wie der Pferdewärter Menma aus dem rath herausritt. Er saß auf einer stämmigen Stute und führte an der Leine einen Esel mit, dem ein schwerer Tragkorb aufgeschnallt war.
»Wo will der denn hin?« fragte Fidelma mißtrauisch.
»Ich habe ihm gesagt, er soll ins Hochland im Süden reiten und ein paar entlaufene Pferde einfangen«, erwiderte Cron. »Brauchst du ihn? Soll ich ihn zurückrufen?«
»Im Augenblick ist das nicht nötig.«
Fidelma hätte gern einen Augenblick in Ruhe nachgedacht. Doch plötzlich kamen Reiter über die Holzbrücke in den rath, es waren Cranat und Pater Gorman. Grußlos ritten sie an Menma vorbei.
Cron lief sogleich zu ihrer Mutter und berichtete ihr, was sich ereignet hatte. Schwester Fidelma hielt sich im Hintergrund und beobachtete interessiert das Gespräch zwischen Mutter und Tochter. Zwischen ihnen schien eine eigenartige Distanz zu bestehen, eine Förmlichkeit, die nicht leicht zu erklären war.
Pater Gormän hatte zugehört. Er war abgestiegen, hatte jemandem sein Pferd übergeben und trat nun auf Fidelma zu.
»Bruder Eadulf gehört der römischen Kirche an«, sagte er kurz. »Wenn sein Leben in Gefahr ist, sollte ich ihn versorgen.«
»Er wird gut versorgt, Pater Gormän«, erwiderte Fidelma leicht belustigt. »Wir können jetzt nur abwarten.«
Pater Gormän errötete.
»Ich meinte seine geistliche Versorgung. Die letzte Beichte. Die letzten Riten unserer Kirche.«
»Ich habe ihn noch nicht ganz der anderen Welt übergeben«, antwortete sie. »Dum vita est spes est«, fügte sie hinzu. »Solange Leben ist, ist auch Hoffnung.«
Sie wandte sich Cranat zu, die fortgehen wollte.
»Cranat! Auf ein Wort.«
Cranat, hochmütig wie sie war, lief rot an vor Ärger.
»Es ist üblich, daß man .«
»Ich habe keine Zeit für Formalitäten, das habe ich dir schon einmal gesagt«, unterbrach sie Fidelma. »Hier geht es um Leben und Tod. Ich glaube, du hast heute morgen mit Dignait gesprochen. Hast du gesehen, daß sie das Frühstück für das Gästehaus zubereitet hat?«
»Ich gebe mich nicht mit der Küche ab«, erwiderte Cranat verächtlich.
»Aber du bist Dignait heute morgen begegnet?«
»Ich sah sie, als ich durch die Festhalle ging. Sie kam aus der Küche. Ich sprach sie wegen einer Haushaltsangelegenheit an. Ich erinnere mich, daß die Dienerin Grella hereinkam und Dignait sie anwies, in die Küche zu gehen und das Tablett mit dem Frühstück ins Gästehaus zu bringen. Das ist alles.«
»Wir müssen Dignait unbedingt finden. Weißt du, wo sie sein könnte?«
»Ich bin nicht gewohnt, mich um die privaten Angelegenheiten von Dienerinnen zu kümmern. Wenn das nun alles ist .«
Sie schritt davon, ehe Fidelma noch etwas sagen konnte.
Doch Pater Gorman war hartnäckig auf seinem Platz geblieben.
»Ich bestehe darauf, den sterbenden angelsächsischen Bruder zu besuchen«, sagte er. »Du trägst einen Teil der Schuld an seinem Tod, Schwester. Du hast jenen Satanssproß freigelassen, obwohl du genau wußtest, daß unser Leben dann in Gefahr sein würde.«
»Bist du sicher, daß du die christliche Lehre vertrittst?« fragte Fidelma gereizt.
Pater Gorman wurde puterrot.
»Mehr als du, das liegt auf der Hand. Christus selbst sagte: >So aber deine Hand dich ärgert, so haue sie ab. Es ist dir besser, daß du zum Leben als ein Krüppel eingehst, denn daß du zwei Hände habest und werdest in das ewige Feuer geworfen.< Es wird Zeit, daß wir dieses Ärgernis beseitigen. Vernichte und vertreibe das Übel in unserer Mitte!«
»Bruder Eadulf wird deinen Segen nicht brauchen, Gormän von Cill Uird«, antwortete Fidelma mit einer Ruhe, zu der sie sich zwingen mußte. »Er wird noch nicht sterben.«
»Bist du Gott, daß du darüber bestimmst?« höhnte der Priester.
»Nein«, sagte Fidelma. »Aber mein Wille ist so stark wie der Adams!«
Pater Gormän schien noch weiter mit ihr streiten zu wollen, doch dann wandte er sich ab, stürmte in seine Kapelle und knallte die Tür hinter sich zu.
Cron blickte Fidelma verwundert an.
»Laß es mich wissen, wenn ich noch etwas tun kann«, sagte sie, bevor sie in die Festhalle ging.
Fidelma schritt zurück zum Gästehaus.
»Schwester! Schwester!«
Grella lief ihr entgegen. Fidelma sah ihrem Gesicht an, daß etwas nicht in Ordnung war, und ihr Herzschlag setzte einen Moment aus.
»Was ist mit Bruder Eadulf?«
»Komm schnell«, rief das Mädchen, doch Fidelma rannte bereits.
»Ich war gerade hineingegangen, wie du angeordnet hattest«, berichtete das Mädchen atemlos und versuchte mit ihr Schritt zu halten. Weiter kam sie nicht, Fidelma war bereits im Gästehaus. Grella eilte ihr danach.
Eadulf lag in seiner Schlafkammer auf der Strohmatratze ausgestreckt auf dem Rücken. Er zitterte, Schauer durchliefen seinen Körper, die Augen hielt er geschlossen, und das Gesicht war schweißgebadet.
Fidelma sank auf die Knie und faßte Eadulfs Hand. Sie war heiß und feucht. Sie fühlte seinen Puls, er schlug heftig und unregelmäßig.