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»Ich wurde geboren, bevor meine Eltern gefangengenommen wurden«, fuhr Clidna fort. »Deshalb bin ich keine freie Frau. Ich hatte keine Rechte im Clan, und deshalb bin ich das, was du vor dir siehst: eine Frau mit Geheimnissen. Ohne Sühnepreis, ohne Status, ohne Brautpreis. Ohne Eigentum.«

»Wem gehört die Hütte hier?«

»Sie steht auf Agdaes Land.«

»Ach, Agdae vom Schwarzen Moor?«

Clidna lächelte leicht.

»Natürlich bezahle ich ihm Miete.«

»Natürlich.«

»Ich schäme mich nicht für das Leben, das ich führe.«

»Habe ich gesagt, daß du das tun solltest?«

»Leute deines Berufs, wie Pater Gormän zum Beispiel, möchten mich am liebsten auspeitschen und aus dem Lande jagen lassen.«

»Pater Gormän vertritt sehr extreme Ansichten.«

Clidna sah Fidelma einigermaßen überrascht an.

»Du willst mir doch nicht sagen, daß du das gutheißt, was ich bin?«

»Daß ich dich gutheiße oder deinen Beruf?«

»Läßt sich das trennen?«

»Das hängt vom Einzelfall ab. Mein Lehrer Morann von Tara hat mir beigebracht, ich solle nie andere Leute mit meiner eigenen Elle messen.« Fidelma hielt inne. »Ich bin aber nicht hergekommen, um mit dir über deine Lebensweise zu sprechen, Clidna. Ich bin gekommen, weil ich mich freuen würde, wenn du mir mit ein paar Auskünften helfen würdest.«

Die Frau zuckte die Achseln.

»Es gibt wenig in dieser Gegend, was ich nicht erfahre.«

»Eben. Dux femina facti! Du hast vielleicht Geheimnisse gehört, die in den Wind geflüstert wurden.«

»Aber nicht das Geheimnis, das du aufdecken möchtest. Es gibt zu viele Leute, die Eber haßten, die ihm alle möglichen Krankheiten wünschten. Aber ich wüßte nicht, wer so weit gehen würde, ihn zu ermorden.«

»Vielleicht hatte zum Beispiel Agdae einen hinreichenden Grund?«

Clidna errötete und schüttelte rasch den Kopf.

»Außerdem war er in Lios Mhor, als Eber umgebracht wurde. Das weißt du doch«, sagte sie.

Fidelma wußte das wohl, aber sie hatte Clidna prüfen wollen. Der Ton, in dem sie von Agdae als ihrem Wirt gesprochen hatte, ließ auf etwas mehr als eine rein geschäftliche Verbindung schließen.

»Er wäre auch nicht imstande, jemand anderen für den Mord zu dingen?«

»Das ist nicht seine Art. Er ist jähzornig, und die Anhänglichkeit an seinen Vetter Muadnat hat ihn manchmal auf Abwege geführt. Aber er ist nicht gewalttätig.«

»Trotzdem überlegt Agdae vielleicht jetzt, während wir uns unterhalten, wie er Archü aus der Welt schaffen könnte. Zumindest soll er damit gedroht haben.«

Clidna warf den Kopf zurück und lachte.

»Da hast du was falsch verstanden!«

»Bist du sicher?« fragte Fidelma.

Clidna erhob sich, immer noch lächelnd, und ging zu einer Tür an der Rückseite der Hütte, die in einen dunklen Raum führte. Sie winkte Fidelma, die ihr vorsichtig folgte. Clidna machte ihr ein Zeichen, in das Düster zu schauen, und legte den Finger an die Lippen.

Ein starker Geruch nach schalem Alkohol wehte ihr aus dem Raum entgegen, der offensichtlich als Schlafkammer diente. Sie hörte ein röchelndes Schnarchen und sah eine Gestalt auf einer hölzernen Pritsche ausgestreckt liegen.

Clidna ging geräuschlos durch den Raum und stieß einen Fensterladen auf, um Licht hereinzulassen. Die Gestalt stöhnte leise. Fidelma spähte hinüber. Mühelos erkannte sie Agdae. Clidna zog den Laden wieder zu, und beide verließen den Raum.

»Er ist seit dem Tode Muadnats hier und die ganze Zeit kaum nüchtern«, erklärte Clidna. »Der Tod seines Vetters hat ihn sehr mitgenommen. Er ist zu Gewalttaten nicht fähig. Soviel weiß ich.«

Fidelma nahm wieder Platz und nippte nachdenklich an ihrem Holzfällertee.

»Kam Eber auch manchmal her?«

Clidna lachte und setzte sich kopfschüttelnd. Sie lachte anscheinend gern.

»Ich war nicht nach seinem Geschmack, denn ich war weder ein junges Mädchen noch mit ihm verwandt«, antwortete sie. »Nein, er hatte andere Gelegenheiten.«

»Du sagtest, daß viele ihn haßten?«

»Er war für die Leute von Araglin, was ein Rabe für ein Aas ist«, meinte Clidna.

»Woher kam dann der Ruf von Freundlichkeit und Großzügigkeit, von Sanftmut und Ritterlichkeit, in dem er stand?«

»Eber bemühte sich um Einfluß in der Versammlung des Königs von Cashel. Er wollte alle zu Freunden machen und seinen Ruf verbessern, um einen Sitz im Rat zu erlangen.«

»Weh euch, wenn euch jedermann wohlredet!« murmelte Fidelma. Sie lächelte Clidna zu, die sie fragend anschaute. »Das steht im Evangelium des Lukas. Oder mit anderen Worten, wie es Aristoteles sagt, wer behauptet, viele Freunde zu haben, hat gar keinen Freund. Erzähl mir von den Leuten, die ihn haßten.«

»Und wo soll ich da anfangen?« fragte Clidna skeptisch.

»Warum nicht bei seiner Familie?«

»Eine gute Idee«, bestätigte sie. »Jeder seiner Angehörigen haßte ihn.«

»Jeder?« Fidelma beugte sich interessiert vor. »Dann erörtern wir das genauer. Auch seine Frau?«

»Cranat? Ja, sie haßte ihn. Daran gibt es keinen Zweifel. Wenn du mit ihr gesprochen hast, dann weißt du, daß sie sich schlecht behandelt fühlte. Daß sie sich unter ihrem Stand vermählt hat. Sie, eine Prinzessin der Deisi. Sie mochte nicht in Araglin leben. Sie hatte Eber nur des Geldes wegen geheiratet. Vorhin hast du eine Zeile Latein zitiert. Ich habe auch mal eine Zeile von einem« - sie zögerte und lächelte - »von einem Freund gelernt. Sie lautet: quaerenda pecunia primum est virtus post nummos

»Eine Zeile aus den Briefen des Horaz« - Fidelma kannte sie -, »die viel zitiert wird. >Zuerst muß man Reichtum erwerben; Geld geht noch über die Tu-gend.< Also heiratete Cranat Eber, um Reichtümer zu erwerben, weil sie wichtiger sind als Tugend?«

Clidna lächelte zustimmend.

»Ist Cron ihr einziges Kind von Eber?«

Clidna rieb sich die Nase und nickte: »Ja.«

»Seit wann wohnt Cranat von Eber getrennt?«

»Sie trennten sich, als Cron ungefähr zwölf oder dreizehn Jahre alt war. Es gab natürlich Gerede.«

»Gerede?«

»Daß Eber seine eigene Tochter der Gemeinschaft mit seiner Frau vorzog.«

Fidelma lehnte sich zurück und sah Clidna lange nachdenklich an.

»Noch mehr Tee?« fragte Clidna, ungerührt von der Wirkung ihrer Worte.

Fidelma nickte automatisch und hielt ihr ihren Krug hin.

»Reden wir also von Cron. Wie stand sie zu ihrem Vater?«

»Ich habe gehört, sie hatten ein enges Verhältnis. Sie kam gut mit ihm aus, und kaum hatte sie das Alter der Wahl erreicht, da wurde sie zur Tanist gemacht. Wir sind hier eine ländliche Gemeinschaft, Schwester. Das gab ziemlichen Ärger.« »Ärger?«

»O ja. Ein junges Mädchen wurde zur Nachfolgerin eines Fürsten gewählt.«

»Das ist nicht ungewöhnlich«, wandte Fidelma ein. »Frauen können sich um alle Ämter in den fünf Königreichen bewerben.«

»Aber in bäuerlichen Gegenden werden sie selten gewählt. Es gab jedoch noch ein anderes Problem. Muadnat war bereits zum Nachfolger gewählt.«

Fidelma versuchte ihre Überraschung zu verbergen.

»Muadnat?«

»Ja. Wußtest du nicht, daß er Ebers Vetter war und daß er, weil Eber keine unmittelbaren männlichen Erben hatte, schon vor langer Zeit zum Tanist ernannt worden war? Als Eber ihn absetzte und seine eigene Tochter zur Tanist wählen ließ, wurde gemunkelt, Eber habe sich die Unterstützung dafür mit viel Geld erkauft.«

Fidelmas Gedanken wirbelten.

»Wecke Agdae für mich!«

Clidna wollte protestieren, unterließ es aber angesichts Fidelmas entschlossener Miene.