Sie brauchte nicht weit zu gehen, um ihre Vermutung bestätigt zu finden. Sie erblickte eine glitzernde Gesteinsader etwa in Schulterhöhe. Sie betastete sie, im Lampenlicht blitzte es rötlichgolden auf.
Ein Goldbergwerk.
War dies der wahre Grund für alle Geheimnisse?
Sie untersuchte die Goldader sorgfältig. Sie kannte sich ein wenig damit aus, denn an mehreren Stellen in den fünf Königreichen wurde Gold gewonnen, sogar in Kildare, dem großen Kloster, das die heilige Brigitta gegründet und in dem Fidelma den größten Teil ihres Lebens als Nonne verbracht hatte. Es hieß, daß Tigernmas, der sechsundzwanzigste Großkönig, der tausend Jahre vor Christi Geburt über Eireann herrschte, der erste war, der in diesem Lande Gold schmolz. Ob das nun stimmte oder nicht, jedenfalls hatte das Gold die Rinder als Maßstab für den Wert von Waren, Diensten und Verpflichtungen fast verdrängt. Wegen seiner Beständigkeit besaß Gold viele Vorteile gegenüber dem traditionellen Tauschhandel. Es war inzwischen eine gängige Währung ebenso wie Silber, Bronze und Kupfer. Wer diese Ader ausbeutete, der würde reich werden.
Die Dinge fügten sich allmählich zu einem Bild zusammen, aber noch fehlten einige Details, damit es vollständig war. Morna, der Bruder Bressals, war Bergarbeiter gewesen, und er hatte das Gold entdeckt. Jetzt war Morna tot. Muadnat hatte sich verzweifelt bemüht, dieses Land zu behalten, weil es hier Gold gab. Aber auch er war tot. Menma? Menma hatte anscheinend für Muadnat gearbeitet. Doch er hatte nicht genug Verstand, um dieses Bergwerk selbst auszubeuten. Nun war Menma ebenfalls tot. Und was war mit Duban, der Menma getötet hatte?
Sie verließ eilig die Höhle und trat hinaus in das erlösende Tageslicht.
Menmas Leiche lag noch immer auf dem Rücken auf der Lichtung. Die Sonne stand nach wie vor am Himmel, und der Gesang der Vögel war nicht verstummt. Alles schien so unwirklich.
Fidelma überquerte die Lichtung und eilte in den Schutz des Waldes und zu ihrem Pferd. Ihr nächstes Ziel war Archüs Hof. Zum zweitenmal innerhalb kurzer Zeit führte sie ihr Pferd über den Berg, der sie von dem L-förmigen Tal des Schwarzen Moors trennte, in dem Archü wohnte.
Am späten Nachmittag begann sie den Abstieg zu seinem Hof.
Scoth eilte ihr entgegen und begrüßte sie mit einem warmen Lächeln.
»Es ist schön, dich so bald wiederzusehen, Schwester. Wo ist Bruder Eadulf?«
Fidelma erklärte es ihr. Sie bemühte sich, ihre Gefühle nicht zu verraten, doch das Mädchen durchschaute sie sofort und faßte ihre Hand.
»Können wir irgend etwas tun?«
Fidelma versuchte ihre schlimme Vorahnung zu verdrängen.
»Nichts. Erst muß das Fieber zurückgehen ... Falls es zurückgeht. Wo ist Archü?«
»Er ist oben auf der Wiese mit Dubans Kriegern. Sie reparieren einen Zaun, denn es sollen sich hier hungrige Wölfe herumtreiben.«
»Es ist nicht gut, daß du hier allein bleibst. Einer der Krieger sollte immer zu deinem Schutz bei dir sein«, sagte Fidelma besorgt.
»Sie sind in Rufweite«, versicherte ihr Scoth. »Ich glaube nicht, daß ich Angst haben muß. Archü kann von der Wiese aus gut sehen, ob Fremde ins Tal kommen.«
»Ich kam über den Berg, und das hat er anscheinend nicht bemerkt.«
»Er sah dich vor einer halben Stunde über den Berg kommen und sagte mir, ich solle dich empfangen«, erklärte Scoth fröhlich. »Ich werde schon gut beschützt. Aber du bist zu einem bestimmten Zweck hier, Schwester, das sehe ich dir an den Augen an.«
»Gehen wir einen Moment ins Haus«, schlug Fidelma vor.
»Hat es etwas mit Archü zu tun?« erkundigte sich Scoth.
Fidelma führte sie am Arm in das Bauernhaus.
»Es ist wahrscheinlich nichts weiter als ...« Sie langte in ihr marsupium und holte das Stück Pergament heraus. »Kannst du Latein lesen, Scoth?«
Das Mädchen schüttelte traurig den Kopf.
»Ich war nur Küchenmagd. Archü sagt, er will mir Lesen und Schreiben beibringen, wenn wir den Hof in Ordnung haben. Er hat es von seiner Mutter gelernt.«
»Nun, es ist eine Botschaft auf Lateinisch. Jemand rät mir, wenn ich Antworten auf die Morde in Araglin finden wolle, hier danach zu suchen.«
»Das ist böse. Wer will denn da ... ach«, das Mädchen unterbrach sich, »ich glaube, das kommt von Agdae.«
»Agdae?« Fidelma schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, daß Agdae in der Lage ist, so etwas zu schreiben. Warum sollte er außerdem Lateinisch schreiben?«
»Ich denke, das gehört auch zu dem Plan, uns von diesem Land zu vertreiben.«
»Was gehört dazu?«
Archü stand in der Tür und sah Scoth und Fidelma stirnrunzelnd an. Er zögerte einen Moment und fuhr dann fort: »Ich sah dich kommen. Ich repariere gerade den Zaun oben an der Wiese. Gibt es noch mehr Ärger?«
»Jemand hat Fidelma geschrieben, wir wären verantwortlich für die Morde in Araglin.«
Fidelma verbesserte sie sofort.
»Das habe ich so nicht gesagt, Scoth. Ich fand ein Stück Pergament, Archü. Kannst du Latein lesen?«
»Meine Mutter hat mich gelehrt, es zu entziffern«, gestand er. »Aber ich beherrsche es nicht gut.«
»Was hältst du davon?« Sie reichte ihm das Pergament.
»Wenn du Antwort auf die Morde in Araglin haben willst, dann sieh unter dem Bauernhof des Landräubers Archü nach«, las er stockend.
Verwirrt sah er Fidelma an.
»Was bedeutet das?«
»Deshalb bin ich hier, um das herauszubekommen. Ich fand das Blatt bei der Leiche von ... bei einem Toten.«
»Einem Toten?« wiederholte er verständnislos.
»Ja. Menma.«
»Aber Menma war doch erst heute morgen hier mit einer Nachricht«, sagte Archü erstaunt.
»Was hatte er euch mitzuteilen?«
»Es ging darum, daß Dignait vermißt wurde. Ich sollte Dubans Männer auffordern, nach ihr Ausschau zu halten.«
»Ist das schon wieder ein Versuch, uns anzuschwärzen und uns aus dem Schwarzen Moor zu vertreiben?« fragte Scoth und hielt sich an Archüs Arm fest.
»Wir müssen davon ausgehen, daß jemand eine Spur gelegt hat, der ich folgen soll. Schauen wir mal, was wir finden.«
»Du kannst gern den Hof absuchen.« Archü breitete dramatisch die Arme aus. »Wir haben nichts zu verbergen.«
Fidelma nahm ihm das Pergament aus der Hand und rollte es zusammen.
»Da steht ausdrücklich >suche unter dem Bauernhofs Archü«, erklärte sie. »Was befindet sich unter dem Hof?«
Der junge Mann überlegte eine Weile.
»Unter dem Hof ist nichts.«
»Hast du irgendwo eine Stelle gesehen, an der kürzlich gegraben wurde? Vielleicht .«
Archü überraschte sie damit, daß er plötzlich mit den Fingern schnippte.
»Ich glaube, ich weiß, was gemeint ist.«
»Was denn?« fragte Scoth.
»Mir ist gerade eingefallen, daß meine Mutter mir etwas von einer unterirdischen Kammer erzählt hat. Dieser Hof wurde an einem Ort errichtet, an dem man in alten Zeiten eine unterirdische Vorratskammer angelegt hatte zur Vorsorge gegen Mißernten und Unwetter.«
»Hast du sie mal gesehen?«
»Daran kann ich mich nicht erinnern. Meine Mutter meinte, die Kammer sei verschlossen worden, als ich noch ein kleiner Junge war. Das Kind einer Dienstmagd war hineingefallen und hatte sich tödlich verletzt. Pater Gorman machte damals gerade einen Besuch hier. Er holte das Kind heraus und riet, die Kammer zu verschließen. Soviel ich weiß, ist sie seitdem nie wieder geöffnet worden. Ich hatte es fast vergessen, bis du mich darauf gebracht hast.«
»Der Schreiber dieses Briefes hat es anscheinend nicht vergessen. Wir müssen den Eingang suchen«, sagte Fidelma.