»Das ist unmöglich. Ich wüßte nicht, wo wir anfangen sollten.«
»So unmöglich ist es nicht. Der Briefschreiber erwartet von uns, daß wir ihn finden, also muß er in der letzten Zeit benutzt worden sein.«
Der Boden des Bauernhauses war mit Steinplatten ausgelegt, und ein Abklopfen blieb ergebnislos. Es gab weder hohl klingende Stellen noch lose Platten.
»Vielleicht ist die Kammer irgendwo draußen?« vermutete Scoth.
Sie gingen um das Haus herum, doch keine Stelle lud zu näherer Untersuchung ein.
»Was ist mit der Scheune da?« fragte Fidelma und wies auf ein nahes Gebäude. Es stand neben dem, das nun nur noch eine geschwärzte Ruine war.
»Sie ist noch nicht gesäubert und umgebaut«, erklärte ihr Archü. »Man hat Schweine darin gehalten.«
»Dann ist es vielleicht der richtige Ort«, meinte Fidelma und ging den anderen voraus.
Drin stank es so, daß ihr fast der Atem wegblieb.
Trotz des Tageslichts war es in der Scheune dunkel und feucht.
»Ich habe die Schweine herausgebracht und wollte saubermachen«, erklärte Archü, als Fidelma zögernd im Dunkel stehenblieb.
»Wir brauchen eine Lampe.«
»Ich hole eine«, erbot sich Scoth.
Bald war sie zurück.
Fidelma hob die Lampe hoch, betrat wieder die stinkende Scheune und sah sich um. Auch hier war der Boden mit Steinplatten ausgelegt. Sie schienen alle fest zu sein, doch dann bemerkte Fidelma in einer Ek-ke unter einer Strohlage eine Erhöhung aus Holzbohlen. Sie schob das feuchte Stroh mit dem Fuß beiseite und entdeckte eine Klapptür.
»Das muß der Eingang sein«, stellte sie mit Befriedigung fest. »Halt die Lampe, Scoth. Hilf mir, Archü, damit wir die Ecke frei machen und die Klapptür öffnen können.«
Es dauerte eine Weile, bis sie die große Holztür entriegelt und gegen die Wand gelehnt hatten. Wie erwartet, führte darunter eine Reihe grob behauener Steinstufen in die Tiefe. Die künstliche Höhle hatte Trockenmauern und eine Decke aus mächtigen Holzbalken.
Fidelma nahm Scoth die Lampe ab und stieg wortlos hinunter. Die Stufen endeten in einem Gang, der so niedrig war, daß man sich darin nur gebückt fortbewegen konnte. Wie Archü gesagt hatte, dienten solche unterirdischen Kammern, uaimh talamh genannt, zur Aufbewahrung von Lebensmitteln für Notzeiten. Den Gang nannte man »Kriechgang«, und von ihm zweigten kleine Kammern ab. Die Höhle stank scheußlich, sie war offensichtlich lange nicht benutzt worden.
Fidelma brauchte nicht weit zu gehen, bis sie fand, was sie suchte. Sie hatte etwas Ähnliches erwartet, war aber doch nicht ganz gefaßt auf die Leiche, auf die das Licht ihrer Lampe fiel.
Es war Dignait. Man hatte ihr die Kehle durchgeschnitten. Das sah man auf den ersten Blick. Die Wunde klaffte rot, obwohl das Blut schon geronnen war. Sie war seit mehreren Stunden tot. Fidelma zwang sich dazu, die Wunde genau zu untersuchen. Sie stammte von einem einzigen Schnitt mit einem scharfen Gegenstand, durch den der Kopf fast vom Rumpf getrennt worden war. Sie hatte diese Art von Wunden nun schon zweimal gesehen und wurde erneut an ein geschlachtetes Tier erinnert.
Archü half ihr, die Leiche aus der Höhle zu schaffen. Das war schwierig, aber schließlich gelang es. Scoth holte noch eine Laterne, und in ihrem Licht suchte Fidelma die Leiche sorgfältig nach Spuren ab, die das grausige Geheimnis lüften könnten. Sie fand nichts.
Fidelma war klar, daß Menma die Leiche Dignaits hierhergebracht haben mußte. Ihr fiel ein, daß er früh am Morgen aus dem rath geritten war und einen Esel mit einem schweren Tragekorb mitgeführt hatte. Sie biß sich auf die Lippen. In dem Korb mußte der Leichnam Dignaits gelegen haben.
»War Menma mal eine Weile unbeobachtet, als er heute morgen hier war?« wollte sie wissen.
»Nachdem er seinen Auftrag an Dubans Leute ausgerichtet hatte, die bei mir oben auf der Wiese waren, kehrte er allein zum Haus zurück. Aber Scoth war hier.«
»Ich war im Haus«, bestätigte Scoth. »Menma kam ins Haus, um sich zu verabschieden.«
»Sahst du ihn von der Wiese herunterkommen?«
Scoth schüttelte den Kopf.
»Ich wusch gerade Wäsche und bemerkte ihn erst, als er mich anrief.«
»Dann hatte er also reichlich Zeit, von der Wiese herunterzukommen, sich zu versichern, daß er unbeobachtet war, Dignaits Leiche aus dem Tragekorb zu nehmen und sie in die unterirdische Kammer zu schaffen, bevor er sich bei Scoth meldete.«
Scoth starrte Fidelma entsetzt an.
»Die Leiche war in dem Tragekorb? Aber woher wußte Menma, wo er sie lassen sollte? Kannte er etwa die unterirdische Kammer?«
»Menma war mit Muadnat verwandt«, erklärte Archü.
»Und Muadnat war dieser Hof so vertraut wie sein eigener.«
Der Hufschlag eines auf dem Weg herantrabenden Pferdes unterbrach sie.
Archü fuhr nervös herum, beruhigte sich aber sofort.
»Es ist nur Duban«, meinte er und fügte überflüssi-gerweise hinzu: »Deshalb haben uns seine Männer nicht gewarnt.«
Fidelma fühlte sich sofort beklommen beim Anblick des Kriegers. Sie wußte schließlich nicht, aus welchem Grunde er Menma getötet hatte.
Duban schwang sich vom Pferd und begrüßte sie alle mit einem freundlichen Lächeln. Dann erblickte er die Leiche zu ihren Füßen.
»Was ist passiert?« fragte er. »Das ist ja Dignait!«
»Wir fanden sie in einer unterirdischen Vorratskammer«, erklärte Archü.
Der Krieger hockte sich hin und untersuchte die Leiche. Dann stand er auf.
»Na, das löst ein Rätsel«, brummte er. »Heute morgen hat man mir gesagt, Dignait sei verschwunden, nachdem sie anscheinend dem Angelsachsen Giftpilze vorgesetzt hatte. Was hat das zu bedeuten, Schwester?«
Fidelma zwang sich dazu, unbefangen zu erscheinen.
»Darüber weiß ich auch nicht mehr als du.«
»Wie hast du die Leiche entdeckt?«
»Ich fand dieses Blatt Pergament«, erklärte Fidelma rasch, bevor jemand Menma erwähnen konnte. Sie hielt es Duban hin und beobachtete sein Gesicht genau. Es zeigte keine Reaktion, also kannte er das Blatt noch nicht.
»Das verstehe ich nicht«, meinte er. »Hier steht, du sollst an dieser Stelle suchen. Aber wieso klärt die Entdeckung der Leiche Dignaits die Morde in Araglin auf?«
»Vielleicht«, erwiderte Fidelma und nahm das Blatt wieder an sich, »soll ich glauben, daß Dignait für die Morde verantwortlich ist.«
»Na, das kann nicht sein«, erklärte Duban. »Es ist offenkundig, daß dieselbe Hand, die Muadnat tötete, auch Dignait umbrachte. Die Schnittwunden sind so ähnlich, daß sie nicht von verschiedenen Händen stammen können.«
»Du beobachtest scharf, Duban«, stimmte ihm Fidelma ruhig zu.
»Krieg und Tod sind mein Beruf, Schwester. Ich bin es gewohnt, Wunden zu betrachten. Doch wer das Blatt auch geschrieben hat, er gab uns einen unbeabsichtigten Hinweis.«
»Einen Hinweis?«
»Es ist in Latein geschrieben. Nur wenige Leute in Araglin können Latein.«
»Ja, das stimmt«, überlegte Fidelma. »Und wie ich schon zu Scoth sagte, Agdae gehört nicht dazu. Das schließt ihn also aus. Kannst du Latein, Duban?«
Der Krieger zögerte keinen Moment.
»Natürlich. Die meisten gebildeten Leute verstehen etwas davon. Selbst Gadra kann Latein, obwohl er Heide ist.«
Fidelma wandte sich an Archü.
»Ich möchte, daß ihr beide, du und Scoth, morgen mittag in den rath kommt«, ordnete sie an. Als er protestieren wollte, fuhr sie fort: »Duban wird seine Krieger anweisen, euch zu begleiten.« Dann sagte sie zu Duban: »Und du wirst deinen Kriegern auch befehlen, Agdae mitzubringen .«
»Wir haben Agdae nicht finden können«, wandte Duban ein.
»Er ist in Clidnas Bordell. Sorgt dafür, daß er ausgenüchtert ist, wenn er im rath erscheint. Ach, und Clidna könnt ihr auch gleich mitbringen.«