Duban blickte sie erschrocken an.
»Weißt du, was du da verlangst?« fragte er.
»Das weiß ich sehr wohl. Ich denke, morgen werden wir in der Lage sein, das ganze Geheimnis aufzuklären.«
Dubans Augen weiteten sich sichtlich.
»Tatsächlich?«
Fidelma lächelte freudlos.
»Gibst du nun deinen Männern die Anweisungen für das Geleit der Leute, die ich erwähnt habe?«
Der Krieger zögerte, neigte dann aber zustimmend den Kopf, schritt in die Dämmerung hinein und rief seine Männer zusammen.
Fidelma ging rasch zu ihrem Pferd.
»Warte, Schwester!« rief ihr Scoth nach. »Du willst doch jetzt nicht fort. Es wird schon dunkel. Den rath erreichst du erst, wenn es vollkommen finster ist.«
»Macht euch keine Sorgen um mich. Den Weg kenne ich inzwischen. Ich habe noch viel zu erledigen. Ich sehe dich und Archü morgen mittag im rath.«
Sie schwang sich in den Sattel, setzte ihr Pferd in Trab und ritt in die sinkende Dämmerung hinaus.
Schon nach einer halben Meile hörte sie galoppierenden Hufschlag hinter sich. Sie sah sich nach einem Versteck um, aber hier war der Weg weit und offen.
Es gab nicht einmal eine Hecke, hinter der sie Schutz finden konnte.
»Hoigh! Schwester!«
Es war Dubans Stimme. Widerwillig hielt sie an und wandte sich im Sattel um.
Duban schloß zu ihr auf.
»Es ist nicht klug, in die Dunkelheit zu reiten«, ermahnte er sie. »Davon, daß Dignaits Leiche gefunden ist, wird das Tal nicht sicherer.«
Fidelma lächelte gepreßt, doch das war in der Dunkelheit nicht zu erkennen.
»Das habe ich auch nicht angenommen«, erwiderte sie.
»Du hättest warten sollen. Ich reite ja auch zum rath zurück. Bleiben wir zusammen.«
Fidelma hätte es vorgezogen, allein den Weg zurückzulegen und nicht in Dubans Gesellschaft, nach dem, was sie am Bergwerk gesehen hatte, fand aber keine Ausrede. Entweder mußte sie Dubans Begleitung annehmen, oder sie mußte ihm ihren Verdacht offenbaren und ihr Wissen darum, daß er Menma getötet hatte.
»Nun gut«, sagte sie. »Aber ich kann mit den meisten zweibeinigen Raubtieren fertig werden.«
»Das habe ich schon gehört«, lachte Duban. »Aber ich dachte eher an Vierbeiner. Archü erzählte mir, daß in den letzten Tagen Wölfe das Schwarze Moor unsicher machen.«
»Wölfe sind meine geringste Sorge.«
Gemächlich ritten sie weiter.
»Ach, du denkst an Agdae ...«
»Eher an Critan«, antwortete sie. »Du weißt, ich habe mit dem jungen Mann gekämpft, und er könnte sich rächen wollen.«
Wirkte Dubans Ton unsicher, als er schließlich weitersprach?
»Natürlich, das hatte ich vergessen. Aber Critan brauchst du nicht zu fürchten. Ich habe gehört, er ist fort aus Araglin und will nach Cashel. Hast du es ernst gemeint, als du sagtest, du denkst, daß morgen alles geklärt wird?«
»Ich meine es gewöhnlich ernst mit dem, was ich sage«, entgegnete Fidelma spitz.
»Da wird Cron aber erleichtert sein.«
»Und du wirst sicherlich .«
Ihre Rede wurde vom klagenden Muhen eines Rindes ganz in der Nähe unterbrochen. Es war ein eigenartiger, aufgeregter Angstlaut.
Duban parierte sein Pferd und starrte im Zwielicht auf den Berghang. Fidelma hielt neben ihm.
Schattenhaft sah sie langhaarige Rinder, die sich unruhig bewegten und merkwürdige Warnrufe ausstießen.
»Was ist das?« fragte sie flüsternd.
»Ich weiß es auch nicht«, gestand Duban. »Irgend etwas ängstigt sie, vielleicht ein Tier. Ich schaue lieber mal nach.«
Er glitt vom Pferd und reichte Fidelma die Zügel. Sie sah, wie er vorsichtig in die Dunkelheit hineinging zu der Herde hin.
Es war kalt, und sie zog sich den Mantel fest um die Schultern. Dubans Pferd schnaubte und riß am Zügel.
»Brrr!« rief sie ärgerlich. »Halt still!«
Im nächsten Moment bäumte sich ihr eigenes Pferd ohne Warnung hoch auf, Fidelma verlor den Halt, rutschte über die Kruppe ab und landete mit der Schulter zuerst auf dem Boden. Zum Glück war die Grasnarbe weich und federte den Fall ab. Einen Moment lag sie leicht benommen da, nicht verletzt, aber vom Schreck gelähmt. Dann erhob sie sich auf die Knie und rieb sich den rechten Arm, der den Aufprall am meisten gespürt hatte. Sie schämte sich, weil sie sich hatte abwerfen lassen wie ein Neuling, der noch nie auf einem Pferd gesessen hat.
»He!« rief sie, als beide Pferde im Dunkeln wegtrabten. Sie machte ein paar zögernde Schritte ihnen nach und erschauerte plötzlich. Sie hatte ein leises Rascheln im nahen Unterholz gehört. War das eben nicht ein tiefes Knurren?
Sie blieb stocksteif stehen.
Ein langer, niedriger schwarzer Schatten glitt aus dem Gebüsch und verhielt. Seine Augen funkelten im Dämmerlicht, und dann öffnete sich der Rachen und ließ die weißen Reißzähne sehen.
Der Wolf starrte sie an und knurrte drohend.
Fidelma wußte, wenn sie auch nur die geringste Bewegung machte, würde das mächtige Tier sie anspringen, ihr die scharfen Zähne in die Kehle schlagen, reißen und zerren. Sie zwang sich, nicht die Augen zu schließen, den Atem anzuhalten. Fidelma hatte schon Wölfe gesehen, war auch schon von ihnen bedroht worden, doch war sie zu Pferde immer schneller gewesen als sie oder hatte anderen Schutz besessen. Wölfe waren die häufigsten Raubtiere in den fünf Königreichen, aber meist blieben sie in den Bergen oder Wäldern und griffen nur an, wenn sie gestört wurden oder einen unglücklichen waffenlosen Wanderer antrafen. Es gab leichtere Beute als Menschen, zum Beispiel Haustiere oder Hirschrudel.
Aber hier stand sie ohne Pferd und ohne Waffen nur wenige Schritt entfernt von einem großen Wolf, der offenbar auf Beute aus war. Ihr Verstand, der trotz der Angst, die sie gepackt hatte, noch arbeitete, sagte ihr, daß es eine Wölfin war, die Nahrung für ihre Jungen suchte.
Eine Ewigkeit schien zu vergehen, während Wolf und Mensch sich anstarrten. Fidelma spürte, wie sie zu zittern begann. Sie wußte, jede plötzliche Bewegung wäre tödlich.
Auf einmal flog etwas an ihr vorbei. Es traf offenbar den Wolf, denn der jaulte fürchterlich auf. Eine rauhe Hand packte Fidelma und riß sie beiseite. Sie nahm gerade noch wahr, daß der Wolf sich umdrehte und ins Unterholz verschwand.
Sie fuhr herum und stand Duban gegenüber.
»Bist du unversehrt?« fragte der Krieger besorgt.
Fidelma lachte nervös.
»Anscheinend ja«, antwortete sie. Sie atmete mehrmals tief durch, um ihre Fassung wiederzugewinnen.
Vorsichtig rieb sie sich den Arm, an dem er sie gepackt hatte. »Du hast rauhe Hände, Krieger.«
Duban lachte.
»Lederhandschuhe, Schwester. Die ersparen mir Schwielen. Jetzt schauen wir erst mal nach den Pferden. Der Wolf holt vielleicht das Rudel heran und sucht uns.«
»Es tut mir leid«, sagte Fidelma reumütig.
»Was denn?« fragte der Krieger.
»Daß ich in meiner Dummheit die Pferde habe laufen lassen.«
Duban zuckte gleichmütig die Achseln.
»Selbst der beste Reiter kann nicht auf alles gefaßt sein, Schwester. Der Wolf hat die Rinder so unruhig gemacht. Er muß durch das Unterholz hinter dir herangeschlichen sein und hat die Pferde erschreckt. Ich hörte deinen Schrei und eilte zurück. Gott sei Dank lagen ein paar Steine auf dem Boden. Ich habe einen nach dem Wolf geworfen. Nur gut, daß du dich nicht bewegt hast, dann hätte er dich angefallen.« Er hielt inne. »Du hast dich beim Sturz doch nicht verletzt?«
»Nur meine Würde hat gelitten«, sagte Fidelma lächelnd. Und mein Stolz auf meine Logik, fügte sie im stillen hinzu. Wäre Duban der gewesen, für den sie ihn hielt, dann läge sie jetzt mit vom Wolf aufgerissener Kehle da.
»Dann danke Gott, daß es nur das ist und nichts weiter«, antwortete Duban.