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»Das stimmt.«

»Hast du bemerkt, wem ihre Anhänglichkeit galt?«

»Nun, dem Fürstenhaus von Araglin.«

»Nicht einer einzelnen Person? Cranat zum Beispiel?«

Pater Gorman zögerte und sah verlegen drein.

»Und war es nicht so, daß Dignait Eber haßte?« drängte ihn Fidelma.

»Haßte?« Pater Gorman schüttelte den Kopf. »Sie achtete ihn nicht, aber das ist noch kein Haß. Sie stand Cron näher als ihrer Mutter und tat alles für sie.« »Sie tat alles für Cron?« wiederholte Fidelma nachdenklich.

»Das ist kein Verbrechen«, bemerkte Gorman.

»Nein. Das ist an sich kein Verbrechen.« Sie hielt inne. »Du magst Duban nicht, oder?«

Die Frage kam plötzlich.

Pater Gorman nahm sie übel.

»Was hat das, was ich mag oder nicht mag, mit dieser Angelegenheit zu tun?« wollte er wissen.

»Nichts weiter«, gab sie zu. »Ich habe gesehen, wie du dich mit ihm gestritten hast. Da habe ich mich einfach gefragt, warum du ihn nicht magst.«

»Er ist sehr ehrgeizig. Ich glaube, er möchte Fürst von Araglin werden. Weißt du, daß er versucht, Cron zu umgarnen?«

»Umgarnen? Das ist ein merkwürdiger Ausdruck. Verlocken, betören oder täuschen. Ist es das, was du meinst?«

Pater Gorman schob das Kinn vor.

»Beobachte doch ihr Verhältnis selbst.«

»Das habe ich bereits getan.«

»Cranat tut mir leid. Sie war die Frau eines Fürsten ohne moralische Bedenken und ist die Mutter einer jungen Frau, deren Unschuld sie blind macht für den Ehrgeiz eines Mannes, der so alt ist, daß er ihr Vater sein könnte.«

»Ich erinnere mich, daß du Eber auch haßtest.«

»Es stimmt, daß ich ihn kaum ertragen konnte. Eber war ein Sünder vor Gott und den Menschen. Es gibt keine Vergebung für solch einen Mann, der gegen die Gesetze der Menschen und seines Gottes verstoßen hat.«

»Als Priester solltest du Nachsicht üben. Statt dessen spüre ich großen Haß in dir. Es ist deine Aufgabe zu vergeben. Schrieb nicht Paulus im Brief an die Epheser: >Seid aber untereinander freundlich, herzlich und vergebet einer dem andern, gleichwie Gott euch vergeben hat in Christo<? Wenn Gott vergeben kann, so kann es sein Priester auch.«

Pater Gorman starrte sie einen Moment an. Dann verzerrte sich sein Gesicht vor Zorn.

»Du hättest in diesem Brief an die Epheser weiterlesen sollen. Paulus sagt da: >Denn das sollt ihr wissen, daß kein Hurer oder Unreiner oder Geiziger, welcher ist ein Götzendiener, Erbe hat in dem Reich Christi und Gottes.< Eber wird keinen Anteil am ewigen Leben haben.«

»Weil er mit seinen eigenen Schwestern schlief oder noch Schlimmeres tat?«

»Ich sage nur, daß die Welt ohne Eber von Araglin besser dran ist. Je eher dieses Tal vom Übel gereinigt wird, desto besser.«

»Also ist es in deinen Augen noch nicht gereinigt? Wußtest du, daß Muadnat ein Goldbergwerk besaß?«

Pater Gorman biß sich auf die Lippen. »Was weißt du darüber?«

»Das wirst du noch erfahren. Sei um Mittag in der Festhalle.«

Fidelma verließ die Kapelle so plötzlich, wie sie ge-kommen war, und Pater Gorman stand reglos da und starrte ihr nach. Dann eilte er in die Sakristei.

Draußen traf Fidelma auf Cron.

»Wie geht es Bruder Eadulf heute?« fragte die Ta-nist mit ernster Miene.

»Recht gut, Gott sei Dank«, antwortete Fidelma.

»Ich sprach heute morgen mit Duban«, fuhr Cron etwas verlegen fort. »Er sagt, du bist nahe daran, zu entdecken, wer soviel Elend über die Menschen in diesem Tal gebracht hat?«

»Ja, möglich. Ich möchte dich bitten, mir heute mittag die Benutzung der Festhalle zu gestatten. Ich ersuche alle Beteiligten, sich dort einzufinden, damit ich ihnen die Namen derer nennen kann, die für das Blutvergießen in diesem Tal verantwortlich sind.«

»Dann weißt du also, wer Eber und Teafa getötet hat?«

»Ich glaube es zu wissen.«

»Du glaubst es?« Cron schaute sie zweifelnd an.

»Heute mittag werde ich meine Theorie begründen«, sagte Fidelma, und es klang fast fröhlich. »Würdest du deine Mutter bitten, auch zu erscheinen? Sie wird doch sicher hören wollen, wer den Mord an ihrem Gatten verübt hat?«

»Das werde ich tun«, stimmte die Tanist zu.

Fidelma ging weiter, ohne sich darum zu kümmern, daß Cron ihr neugierig nachschaute.

Kapitel 20

Die Festhalle schien überfüllt. Cron hatte in ihrem Amtssessel Platz genommen. Fidelma hatte sie darum ersucht, denn es war ihr Recht als Tanist. Sie trug auch ihren bunten Mantel und die Wildlederhandschuhe ihres Amtes. Neben ihr saß ihre Mutter und starrte hochmütig in den Raum, als ginge sie alles ringsumher nichts an. Auf einem Sitz etwas seitlich unterhalb des Podiums lag Bruder Eadulf zurückgelehnt, noch blaß und mit Ringen um den Augen. Ein wenig besser ging es ihm offenbar schon, denn trotz aller Proteste Fidelmas hatte er sein Krankenbett verlassen. Neben ihm hatte der stämmige Duban Platz genommen, vorgebeugt saß er da mit den Unterarmen auf den Knien. In der Mitte der Halle hatten sich Archü und Scoth niedergelassen, neben ihnen der Einsiedler Gadra mit Moen. Gadra lehnte sich zu Moen hin und übersetzte ihm das Geschehen. Seine Finger trommelten auf die erhobene Handfläche des jungen Mannes. Agdae rutschte unruhig auf einer Bank auf der anderen Seite der Halle neben Pater Gorman hin und her. Im Hintergrund der Halle saß die »Frau mit Geheimnissen«, Clidna, ganz allein, doch mit erhobenem Kopf, als erwarte sie, daß ihr jemand das Recht streitig machen würde, anwesend zu sein. Einige Stühle weiter hatte sich das Dienstmädchen Grella niedergelassen. Duban hatte mehrere seiner Männer an den Türen der Halle postiert.

Fidelma stellte sich links von Cron unterhalb des Podiums auf.

»Es sieht so aus, als seien alle da«, bemerkte sie.

»Bist du bereit anzufangen?« fragte Cron.

Agdae rief von seinem Platz aus: »Aber Menma ist noch nicht hier. Sollte er nicht auch dabeisein? Schließlich hat er Ebers Leiche entdeckt und Moen als seinen Mörder erkannt.«

Cron schien beunruhigt.

»Ich habe ihn gestern losgeschickt, damit er die Rinder auf der Weide zusammentreibt. Seltsam, daß er noch nicht wieder hier ist. Sollten wir nicht auf ihn warten?«

»Ich fürchte, da könnten wir lange warten, Tanist von Araglin«, meinte Fidelma. »Nein, wir fangen an, denn ich habe nicht damit gerechnet, daß Menma hier anwesend wäre.«

»Was soll das heißen? Beschuldigst du Menma ...?« setzte Cranat an und vergaß die Gleichgültigkeit, die sie zur Schau trug.

Fidelma hob die Hand.

»Alles zu seiner Zeit. Vincit qui patitur. Der Geduldige setzt sich durch.«

Erwartungsvolles Schweigen trat in der Halle ein, alle schauten gespannt auf Fidelmas schlanke, ruhige Gestalt. Sie betrachtete ihre erhobenen Gesichter und musterte eins nach dem anderen.

»Dies war eine der schwierigsten Untersuchungen, die ich je zu führen hatte«, begann sie. »Schwierig deshalb, weil man es normalerweise mit einem Mörder und einem Umfeld zu tun hat. In diesem eurem schönen Tal sah ich mich schließlich fünf gewaltsamen Todesfällen gegenüber, und zunächst schien es keinen Zusammenhang zwischen ihnen zu geben. Es hatte den Anschein, als passierten viele ganz verschiedene Dinge zur gleichen Zeit. Doch indem ich das zu Anfang annahm, irrte ich mich. Alles hängt zusammen und ist in der Mitte verbunden wie die Fäden eines riesigen Spinnennetzes. Alles läuft in einem Punkt zusammen, wo eine alles beherrschende Gestalt sitzt und die Fäden zieht.«

Sie hielt inne und ließ die Überraschung aufbranden und wieder verebben.

»Wo fangen wir an, dieses hauchdünne Netz von Täuschung zu zerreißen, in dem so viele Leben gefangen sind? Ich könnte im Zentrum beginnen und direkt auf die Spinne losgehen, die dort lauert. Damit aber ließe ich vielleicht der Spinne die Möglichkeit, auf einem Faden, der mir bisher entgangen ist, aus dem Netz zu flüchten. Deshalb werde ich am Rand beginnen und langsam, aber sicher die äußeren Fäden kappen, so daß die Spinne nicht mehr entrinnen kann.«