»Ich bin nur dem ersten Faden des Spinnennetzes gefolgt. Muadnat mußte sterben, weil zwei alte menschliche Gefühle es verlangten - Furcht und Habgier. Natürlich war es Menma, der ihn tötete. Menma tötete Muadnat, wie man ein Tier schlachtet. Genauso hatte er Morna getötet. Es war diese kalte, berufsmäßige Technik, die Menma verriet. Eine seiner Aufgaben im rath bestand darin, die Tiere zu schlachten, die das Fleisch für die Tafel des Fürsten lieferten. Ich weiß nicht, ob es seine Idee war, Muadnat danach an dem Steinkreuz aufzuhängen. Vielleicht sollte mich das auf eine falsche Fährte locken. Menma beging einen Fehler. Bevor er den Todesstreich führte, ließ er es zu, daß Muadnat sein Haar packte und ein Büschel ausriß. Es blieb am Tatort liegen.«
»Welchen Nutzen sollte Menma davon haben, seinen Partner Muadnat umzubringen?« fragte Pater Gorman. »Das ergibt für mich keinen Sinn. Agdae hätte doch sowieso Muadnats Reichtum geerbt.«
»Wie wir gehört haben, wußte Agdae nichts von dem Bergwerk, und wenn das geheim blieb, konnte der Partner allein den Nutzen daraus ziehen, ob Ag-dae nun den Hof erbte oder nicht.«
»Behauptest du, daß Menma für alle Morde in Ara-glin verantwortlich ist?« fragte Duban. »Ich habe Schwierigkeiten, dir darin zu folgen.«
»Menma war nur verantwortlich für die Morde an Morna, an Muadnat und an Dignait ... denn die wurden alle auf dieselbe Art verübt. Menma tötete seine Opfer wie ein Fleischer, der ein Lamm schlachtet.«
»Aber warum wurde Dignait getötet?« fragte Pater Gorman.
»Aus einem einfachen Grunde, und zwar demselben, aus dem Morna getötet wurde«, erwiderte Fidelma. »Sie wurde zum Schweigen gebracht. Dignait war nicht diejenige, die uns zum Frühstück die Giftpilze auf die Teller legte, an denen Bruder Eadulf beinahe gestorben wäre. Eine erfahrene Köchin hätte bessere Methoden gewußt, jemanden zu vergiften, als ihm ein Gericht Lorcheln vorzusetzen, die man leicht erkennen konnte.«
»Der Angelsachse erkannte sie nicht«, wandte Cron spöttisch ein.
»Ich weiß, daß Morcheln gewöhnlich gekocht gegessen werden. Ich bin fremd in eurem Land und dachte, dies wäre eure Art, sie zuzubereiten«, verteidigte sich Eadulf errötend. »Deshalb habe ich nicht gemerkt, daß es Lorcheln waren.«
»Dignait wäre auf etwas anderes gekommen, hätte sie uns vergiften wollen. Nein, Dignait wurde getötet, weil sie den wirklichen Täter gesehen hatte.«
»Und wer war das? Menma?« Grella fand den Mut, die Frage zu stellen. »Menma war an dem Morgen wie immer bei den Häusern zugange.«
»Das sage ich euch zu seiner Zeit. Erst wollen wir das Spinnennetz noch weiter aufreißen. Kommen wir nun zu dem Mord an Eber und Teafa. Was den Fall so schwierig machte, war die Tatsache, daß die meisten Leute einen Grund hatten, Eber umzubringen. Er war ein gehaßter Mann. Bei Teafa war das anders. Wer haßte sie? Ich sah, daß es leichter sein würde, den Mord an Teafa aufzuklären als den an Eber. Wenn derselbe Täter beide getötet hatte, dann schieden viele Verdächtige aus.«
Sie hielt einen Moment inne.
»Als ich hierherkam, sagte man mir, Eber, der Fürst von Araglin, sei ermordet worden und seinen Mörder hätte man gefaßt. Ich sollte den Fall untersuchen und dafür sorgen, daß mit dem Mörder nach Recht und Gesetz verfahren würde. Das hörte sich ganz einfach an. Nur war es nicht so einfach.
Der angebliche Mörder erwies sich als blind und taubstumm. Ich spreche von Moen. Er sollte nicht nur Eber, sondern auch die Frau getötet haben, die ihn aufgezogen hatte.
Anfangs sagte man mir, Eber sei freundlich und großzügig gewesen und habe keine Feinde gehabt. Er sei ein Abbild aller Tugenden auf Erden gewesen. Wer würde ihn da töten außer einem wildgewordenen Tier? Als solches wurde mir Moen beschrieben.«
Moen gab ein zorniges Knurren von sich, als Gadra ihm das übersetzte. Fidelma überging es.
»Bald stellte sich jedoch heraus, daß Eber nicht das Abbild aller Tugenden war, wie zuerst jeder behauptet hatte. Offenbar war Eber ein seltsamer, abnormer Mensch. Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, was ihn dazu gemacht hat. Wie ich hörte, trank er auch und führte beleidigende Reden. Wen er verletzt hatte, den machte er sich durch Bestechung wieder gewogen. Man übersah seine Fehler, denn er war ja der Fürst. Doch er und seine Familie verbargen ein düsteres Geheimnis ... Es gab Inzest unter ihnen.«
Cron erblaßte. Cranat neben ihr machte keinen Versuch, ihre Tochter zu trösten, sondern saß steif da, den Blick starr auf einen Punkt in der Ferne gerichtet.
»Die Anfänge davon liegen lange zurück, Cron«, sagte Fidelma. »Es begann zu der Zeit, als Eber in die Pubertät kam und seine beiden Schwestern in ähnlichem Alter waren. Mehrere Leute hier wußten, daß er seine Schwestern zwang, mit ihm zu schlafen, und andere vermuteten es vielleicht. Ich erfuhr in einem Gespräch, daß Moen in diesem Inzest gezeugt wurde.«
Es wurde plötzlich still in der Halle. Cron warf einen Blick hinüber zu Moen. Ihr Gesicht war totenblaß.
»Willst du damit sagen, daß er . daß Teafa . seine Mutter? Eber ...?« Die Worte blieben ihr im Halse stecken.
»Ich habe keinen Zweifel daran, daß Teafa unter Ebers Nachstellungen zu leiden hatte«, fuhr Fidelma ruhig fort. »Aber er hatte noch eine andere Schwester namens Tomnat.«
Duban sprang mit zornrotem Gesicht auf.
»Wie kannst du es wagen, ihren Namen da hineinzuziehen!« schrie er. »Wie kannst du es wagen, anzudeuten, sie sei die Mutter eines ... eines ...«
»Gadra!« Fidelma überging seinen Ausbruch und wandte sich dem alten Einsiedler zu. »Gadra, wer war Moens Mutter?«
Der Alte ließ die Schultern resigniert sinken.
»Du kennst die Antwort bereits.«
»Dann sag sie allen, damit sie die Wahrheit erfahren.«
»Es geschah in dem Jahr, bevor Eber Cranat heiratete. Tomnat wurde schwanger von Eber. Teafa wußte es.«
»Tomnat liebte mich!« rief Duban dazwischen mit vor Erregung brüchiger Stimme. Cron starrte ihn an und traute ihren Ohren nicht. »Sie hätte es mir gesagt, wenn es so gewesen wäre. Sie ist verschwunden. Eber hat sie umgebracht, dessen bin ich mir sicher.«
»So war es nicht«, entgegnete Gadra traurig. »Tom-nat und Teafa bewahrten das Geheimnis. Sie wußten, wenn es bekannt würde, wenn entweder Eber oder Pater Gorman davon erführen, dann hätten sie das Kind wohl töten lassen, Eber, um seine Schande zu verbergen, und Pater Gorman wegen seines unversöhnlichen Glaubens. Gorman findet es in Ordnung, was in vielen christlichen Ländern getan wird, daß nämlich im Inzest gezeugte Kinder im Namen der Moral getötet werden. Bei Pater Gorman hätte die arme Tomnat keine Hilfe gefunden, wenn sie sich an ihn gewandt hätte.«
»Warum wandte sich Tomnat nicht an Duban? Er behauptet, daß er sie liebte und sie ihn.« Fidelmas Mund wurde schmal. »Wenn es so war, hätte sie sich doch Duban anvertrauen können.«
»Wenn du die Wahrheit erfahren willst, sollst du sie hören«, erwiderte der Alte. »Tomnat wußte, daß Du-ban viel zu sehr in seinem Ehrgeiz befangen war, nach Cashel zu gehen und den goldenen Halsreif des Kriegers zu erringen. Trotz seiner Liebesbeteuerungen hätte Duban niemals die Erfüllung seines ehrgeizigen Wunsches gefährdet. Durfte sie damit rechnen, daß er das Kind annehmen würde, das Kind ihres eigenen Bruders?«
Duban beugte sich vor und verbarg das Gesicht in den Händen.
»Also wandte sie sich an dich, Gadra?« fragte Fidelma ruhig.
»Bevor man Tomnat ihren Zustand anmerkte, verließ sie Araglin und kam zu mir in meine Einsiedelei. Sie wußte, daß sie dort sicher war. Nur Teafa kannte ihren Aufenthaltsort.«
»Wenn Tomnat es mir nicht sagen konnte, warum hat es Teafa mir nicht gesagt?« rief Duban. »Ich habe wochenlang das ganze Tal nach Tomnat abgesucht und gedacht, Eber hätte sie umgebracht.«
»Teafa bewahrte das Geheimnis auf Tomnats Wunsch hin«, erklärte der Alte.