»Aber warum hat er Eber und Teafa umgebracht?« fragte Cron, die ihren Ärger wegen Fidelmas Enthüllungen über ihr Verhältnis mit ihrem Vater überwunden hatte.
»Wie ich schon sagte, er ist ein unduldsamer Fanatiker. Als er erfuhr, daß Eber der Vater von Moen war, empörte er sich gegen die Unmoral, die darin lag. Eber mußte in das geschickt werden, was Gorman sich als die Hölle vorstellte, und Moen als Frucht von Ebers Inzest sollte bestraft werden, indem ihm der Mord angelastet wurde. Ich habe schon erklärt, daß Teafa getötet wurde, damit sie nichts über den Ogham-Stab verriet. Das Motiv für den Mord an Eber lag einfach in Gormans übereifriger Moralauffassung.«
»Aber wie hat er erfahren, daß Moen Ebers Sohn war?« fragte Cron. »Selbst ich wußte das nicht, bis du es uns gesagt hast.«
»Ich glaube, diese Frage kannst du uns beantworten, Cranat. Vor zwei Wochen beobachtete Duban, wie du dich mit Teafa gestritten hast. Als Teafa nämlich herausgefunden hatte, daß Cron ihr Verhältnis mit ihrem Vater benutzt hatte, um Tanist zu werden, kam sie zu dir, um dich davon zu überzeugen, daß das nicht sein dürfte. Sie sagte dir, daß Moen aus Ebers Inzest mit Tomnat stammte. Und das erzähltest du Gorman. Ist das richtig?«
»Als der Priester an diesem Ort hatte Pater Gorman das Recht, das zu wissen«, erwiderte Cranat.
»Aber Gorman ist ein Fanatiker, und was er nun erfahren hatte, führte direkt zu Teafas Tod. Voller Wut ging er zu Eber und Teafa und machte ihnen Vorwürfe. Critan wurde zufällig Zeuge dieser Auseinandersetzung und sah, wie Eber den Priester schlug. In dem Moment beschloß Gorman, ihn zu töten.«
»Aber wenn nun Moen nicht den Geruch des Weihrauchs erkannt hätte?« überlegte Eadulf. »Ich hätte gedacht, der Weihrauchgeruch wäre Moen so vertraut, daß er ihn mit der Kapelle und nicht mit dem Täter in Verbindung bringen würde?«
»Hast du vergessen, Eadulf, daß Gorman uns sagte, daß er Moen nicht erlaubte, die Kapelle zu betreten? Daß er ihn mied? Deshalb verband sich für Moen dieser Geruch nicht mit der Kapelle.«
»Aber warum hat Pater Gorman meinen Onkel Muadnat töten lassen?« fragte Agdae. »Er war doch sein Partner beim Betreiben des geheimen Bergwerks.«
»Den Grund habe ich schon kurz erwähnt. Als Muadnat immer mehr Aufsehen erregte, indem er versuchte, auf gerichtlichem Wege Archü das Land abzunehmen, bekam Gorman es mit der Angst zu tun. Muadnats Verhalten konnte dazu führen, daß man das Bergwerk entdeckte, denn es lenkte die Aufmerksamkeit der Leute auf die Gegend. Menma war Gormans Gefolgsmann, nicht Muadnats. Gorman ließ Muadnat von Menma töten, um das Geheimnis zu wahren. Aus demselben Grund ließ er Menma auch Morna und Dignait töten. Gormans Habgier spielte dabei die Hauptrolle.«
»Wie kamst du darauf, daß Menma Gorman diente?«
»Daß es eine Art Zusammenarbeit zwischen Gorman und Menma gab, wurde mir bald klar. Ich sah sie einmal zusammenstehen und etwas besprechen. Als Archü Gorman erzählte, er wolle im Streit um das Land gegen Muadnat vor Gericht gehen, riet ihm Gorman, sich nach Lios Mhor zu wenden. Das fand ich merkwürdig, bis ich begriff, daß dies verhinderte, daß der Fall vor Eber verhandelt würde. Eber hätte Muadnat unbequeme Fragen stellen können. Gorman war es auch, der Archü auf dem längeren Weg nach Lios Mhor schickte. Wahrscheinlich wollte er damit vermeiden, daß Archü auf dem kürzeren Weg einem Goldtransport nach Ard Mor begegnete.
Dann stellte Gorman fest, daß Morna, einer der Bergleute, die er beschäftigte, seinem Bruder Bressal ein Stück Erz mitgenommen hatte. Menma bekam den Auftrag, Morna zu töten und die Herberge zu zerstören. Für den Überfall konnte man die Geächteten in der Gegend verantwortlich machen.
Mehrere Dinge lenkten meine Aufmerksamkeit auf Gorman. Eadulf war aufgefallen, daß eine schlanke Gestalt in einem bunten Mantel hinter Muadnats Bau-ernhof den Berg hinaufritt. Die Gestalt verschwand. Kurz darauf erschien Gorman, doch ohne Reitmantel. Ich wußte, daß Gorman einen bunten Mantel besaß, denn ich hatte ihn in der Sakristei liegen sehen. Gormans Kleidung war stark mit dem Geruch des Weihrauchs durchtränkt, den er in seiner Kapelle benutzt. Gorman trug Handschuhe. Die Bedeutung dieser Tatsachen habe ich schon erklärt.
An dem Abend, bevor Bruder Eadulf von den giftigen Pilzen aß, hörte Gorman, wie ich Cron versicherte, ich würde am folgenden Tag den Mörder benennen. Am nächsten Morgen schlich er sich in aller Frühe in die Küche und legte Lorcheln auf unsere Teller. Dignait hatte ihn dabei in der Küche gesehen, und er wußte, wenn bekannt würde, daß man uns vergiftet hatte, dann würde sie ihn verraten, um sich selbst zu schützen. Vielleicht hatte er auch von vornherein die Absicht, ihr die Schuld zuzuschieben. Menma hatte sie zum Schweigen zu bringen, und ihm wurde gesagt, was er mit der Leiche tun sollte. Gorman war einer der wenigen, die von der unterirdischen Vorratskammer auf Archüs Hof wußten, denn Archü hat mir erzählt, daß Gorman dort war, als vor langer Zeit ein Kind darin verunglückte, und daß er damals vorgeschlagen hatte, die Kammer zu verschließen. Außerdem beherrscht Gorman Latein und Ogham. So fügten sich die Stücke des Rätselbildes zusammen.«
Fidelma hielt inne und breitete die Hände aus.
»Doch es war ein Hauptfaktor, der alle diese Details wie ein Rahmen umschloß. Gorman hatte erfah-ren, daß Moen aus Ebers Inzest mit seiner Schwester stammte. Das ließ er ungewollt durchblicken, als er mit mir sprach. Sein unversöhnlicher Glaube konnte sich damit nicht abfinden, und deswegen tötete er Eber und Teafa, aus Motiven, die mit dem Goldbergwerk nichts zu tun hatten.«
Drei Tage später kehrten Fidelma und Eadulf in Bres-sals »Herberge der Sterne« ein, um ihm die traurige Kunde vom Tod seines Bruders zu bringen. Der rundliche Herbergswirt nahm sie gefaßt auf.
»Als er nicht zurückkam, vermutete ich bereits, daß er nicht mehr unter den Lebenden weilte. Mein Bruder verbrachte sein Leben mit der Suche nach dem Reichtum, der es ihm erlauben würde, den Rest seines Lebens mit Nichtstun zu verbringen. Das Nichtstun hätte ihn nicht glücklich gemacht. Es ist traurig, daß er das nicht mehr selbst herausfinden konnte.«
Fidelma nickte. »Auri sacra fames - der verfluchte Hunger nach Gold. Er zerstört mehr, als er schafft. Hat nicht der Evangelist Matthäus geschrieben: >Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, da sie die Motten und der Rost fressen und da die Diebe nachgraben und stehlen<?«
Bressal stimmte ihr lächelnd zu.
»Sprich ein Gebet für Mornas Seele, Schwester«, bat er sie.
Fidelma und Eadulf ritten weiter durch den Wald zu der Hauptstraße, die nach Cashel führte. In den drei Tagen, die sie nach Fidelmas Enthüllungen noch im rath von Araglin geblieben waren, hatte sie die Nachricht erreicht, daß die Bergarbeiter aufgegriffen worden waren und der örtliche Brehon Gormans Goldschatz, der sich in der Kapelle von Ard Mor befand, bis zum Ergebnis der Gerichtsverhandlung gegen Gorman in Cashel beschlagnahmt hatte. Doch dieser Prozeß würde nie stattfinden. Fidelma hatte großzügig gestattet, daß Gorman in der Sakristei seiner eigenen Kapelle in Haft saß. Am Tag nach seiner Festnahme aß Gorman von einem geheimen Vorrat an Lorcheln und starb innerhalb von vier Stunden. Er fand ein ihm entsprechendes Ende, wie Bruder Eadulf bemerkte, der noch unter den Folgen der vereitelten Vergiftung litt.
In einer Sondersitzung der derbfhine der Familie Ebers wurde Agdae zum vorläufigen Tanist von Ara-glin ernannt. Nur Cron protestierte dagegen. Es war klar, daß man sie nicht als Fürstin von Araglin bestätigen würde. Duban hatte nicht einmal das Ergebnis der Sitzung abgewartet, sondern sein Pferd gesattelt und war in den Bergen verschwunden. Cranat hatte ebenfalls ihre bewegliche Habe gepackt und war ins Land der Deisi zurückgekehrt.