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»Das ist Bason.« Rason deutete auf den jungen Mann neben sich. »Mein Bruder.«

»Rason und Bason?«

»Unsere Eltern fanden das lustig«, sagte Rason. »Aber mach dir keine Sorgen: Es gibt keine weiteren Brüder. Sonst hätte es wirklich kompliziert werden können.« Er grinste knapp und wurde sofort wieder ernst. »Wir beide haben euch gefunden.«

»Und gefesselt«, ergänzte Andrej.

»Was hast du erwartet?«, fragte der Grauhaarige, bevor Rason etwas erwidern konnte. Er hatte eine volltönende, dunkle Stimme. »Die beiden finden zwei Fremde, die offensichtlich in einen Kampf verwickelt waren, und in der Nähe Waffen und weitere Spuren. Sie mussten euch fesseln - oder liegen lassen.«

»So sind unsere Regeln«, bestätigte Bason. Er machte eine Geste in Richtung des Grauhaarigen. »Das ist Laurus. Das Oberhaupt unserer Sippe.«

Andrej war nicht überrascht. Er nickte Laurus höflich zu. Der Sinti erwiderte seinen Blick, ohne eine Miene zu verziehen.

»Wir müssen beraten, was weiter mit euch geschieht«, sagte Laurus nach einer geraumen Weile.

»Beraten?« Andrej wiegte den Kopf. »Verzeiht, aber ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihr das bereits getan habt.«

»Ihr seid unsere Gäste«, antwortete Laurus ungerührt. »Ihr könnt bleiben, bis sich dein Freund vollständig erholt hat.«

»Das ist nicht notwendig«, antwortete Andrej. Er war nicht überrascht, aber enttäuscht. Etwas an der scheinbar gleichgültigen Art des Zigeuners machte ihm klar, wie sinnlos jedes weitere Wort war. Die Entscheidung war längst gefallen. »Abu Dun ist zäh. So schnell wirft ihn nichts um.«

»Abgesehen von einem Krug Wein«, grinste Rason. »Oder zwei.«

»Wir ziehen noch heute weiter«, fuhr Laurus fort. »Am Mittag werden wir Honsen erreichen, unser nächstes Ziel. Wenn ihr bei uns bleibt, könnt ihr euch dort nützlich machen. Rason hat mir erzählt, dass du Kaufmann bist?«

Andrej sah Rason überrascht an. Er nickte.

»Womit handelst du?«

»Mit nichts Bestimmtem«, antwortete Andrej ausweichend. »Was sich gerade so anbietet.«

»Schwerter zum Beispiel?«

»Zum Beispiel.« Andrej war auf der Hut. Das Gespräch war nicht so unverfänglich, wie es für einen Außenstehenden vielleicht den Anschein hatte. Es war besser, er überlegte sich jedes Wort genau.

»Jemanden wie dich können wir brauchen«, sagte Laurus nach kurzem Überlegen.

»Wozu?«

»Wir sind Zigeuner«, antwortete Laurus, als wäre das Erklärung genug. »Die Leute verhandeln lieber mit jemandem wie dir. Wir brauchen Unterkunft, müssen Waren tauschen - du könntest die Verhandlungen für uns führen.« Er hob die Schultern. »Und dein großer Freund kann bei unserem Schauspiel mitmachen.«

»Schauspiel?«

»Wir treten auf. Man muss schließlich von etwas leben.«

Abu Dun in einem Schauspiel? Andrej glaubte nicht, dass sie lange genug bei diesen Leuten bleiben würden, um das wirklich zu erleben, aber die Vorstellung gefiel ihm. Er lächelte matt, sagte aber nichts.

»Und wie es der Zufall will«, fügte Rason feixend hinzu, »brauchen wir gerade einen schwarzen Mann.«

»Abu Dun, der Kinderschreck.« Andrej nickte. »Das kann ich mir gut vorstellen.«

Niemand lachte. Nur in den Augen der Schwarzhaarigen blitzte es kurz und amüsiert auf. Andrej musterte sie aufmerksamer und korrigierte seine Schätzung, was ihr Alter anging, um ein gutes Stück nach oben. Sie konnte durchaus Laurus' Frau sein, aber er zog es vor, sich nicht danach zu erkundigen. So, wie er die Sinti einschätzte, mochten sie keine Fremden, die zu viele neugierige Fragen stellten.

»Ich würde gerne noch einmal mit Anka sprechen.«

»Anka?« Laurus' Gesicht verdüsterte sich. Ganz offensichtlich war das der falsche Wunsch gewesen. »Später vielleicht. Heute ist kein guter Tag dazu.«

»Ich wollte nicht...«

»Anka«, unterbrach ihn Laurus nicht unfreundlich, aber doch eine Spur schärfer als bisher, »ist unsere ehrwürdige Frau. Aber sie ist auch eine sehr alte Frau und manchmal etwas sonderbar. Du solltest nicht alles glauben, was du über sie hörst, und schon gar nicht alles, was du von ihr hörst.« Er stand auf und ging mit schnellen Schritten davon. Andrej sah ihm verwirrt nach.

»Was habe ich falsch gemacht?«, fragte er.

Rason lachte. »Laurus und Anka sind ... nicht gerade Busenfreunde«, erklärte er.

»Aber ich dachte, sie wäre ...«

»Anka ist unsere Puuri Dan«, fiel ihm Bason ins Wort, deutlich ernster als sein Bruder. »Sie ist die Bewahrerin des Wissens. Wir brauchen sie. Aber mein Vater und Anka waren noch nie gute Freunde, schon, als sie noch nicht so alt und sonderbar gewesen ist. Wir hatten schon eine Menge Schwierigkeiten ihretwegen, weißt du? Besser, du sprichst ihn nicht wieder auf sie an.«

Laurus sein Vater? Das war eine neue Information - und eine ziemlich überraschende dazu. Wenn Andrej jemals Söhne gesehen hatte, die ihrem Vater nicht ähnelten, dann waren es Rason und Bason. Er antwortete nur mit einem angedeuteten Lächeln.

»Auf dem Feuer liegt Speck, und hier steht Wasser.« Rason machte eine einladende Geste. »Du solltest dich stärken. Wir brechen bald auf, und wir müssen uns sputen, wenn wir unser Ziel bis zum Mittag erreichen wollen. Eure Pferde stehen drüben an der Koppel, und euer Gepäck ist in meinem Wagen. Ich bringe es dir gleich.« Er lachte leise. »Nicht, dass am Ende noch was wegkommt.«

Honsen war ein Straßendorf, wie es typisch war für diese Gegend.

Der Ort lag an der Kreuzung zweier unterschiedlich gut ausgebauter Wegstrecken und bestand aus wenig mehr als einem Dutzend einfacher Gebäude, von denen das größte die aus grobem Bruchstein errichtete Kirche war. Eine Hand voll Höfe, allesamt in Sichtweite des Kirchturms gelegen, waren der Ansiedlung vor- und nachgelagert.

Die letzten Meilen hatte sich die Straße durch ein ausgedehntes Moor geschlängelt, sodass die Sinti ihr ganzes Geschick darauf verwandten, die schweren Wagen genau in der Mitte der Fahrspur zu halten. Nicht nur Andrej atmete erleichtert auf, als von den eisenbeschlagenen Rädern und den Pferdehufen Kies und von der Sonne steinhart zusammengebackenes Erdreich widerhallte.

Auf Laurus' Bitte hin bildeten Abu Dun und er die Nachhut und ritten ein gutes Stück hinter dem Zug her. Abu Dun war immer noch sehr einsilbig. Er litt nach wie vor unter den Folgen des Alkoholgenusses, und seine Verletzungen waren anscheinend schlimmer, als er zugeben wollte. Andrej hatte ein paar Mal versucht, ein Gespräch mit ihm zu beginnen, aber nachdem er nur ein paar spitze Bemerkungen geerntet hatte, gab er es schließlich auf.

Der Tag war wieder so heiß geworden wie die vorangegangenen. Nicht der leiseste Windhauch regte sich, und auch der Himmel war stahlblau und wolkenlos. Die Sonne, eine glühende, fast weiße Münze, schickte ihre Strahlen unbarmherzig auf die verbrannte Erde hinab und dörrte sie noch weiter aus. Andrej fragte sich, wie lange die Hitzewelle noch anhalten mochte, und vor allem, wie lange das Land und seine Bewohner sie noch ertragen konnten, ohne ernsthaften Schaden zu nehmen. Noch führten die Flüsse Wasser und noch waren die Felder nicht vollends verbrannt. Doch in wenigen Wochen konnte das schon anders aussehen ... »Du müsstest dich doch wie zu Hause fühlen«, sagte Andrej an Abu Dun gewandt, der abwechselnd neben und hinter ihm ritt, um doch noch ein Gespräch in Gang zu bringen. »Heißer kann es in der Wüste auch nicht sein.«

»Was weißt du schon von der Wüste, Ungläubiger?«, antwortete Abu Dun sauertöpfisch. »Die Wüste ist erhaben und schön. Es gibt dort wirkliche Größe, und die Menschen, die dort leben ...«

»... sind edel und gut und ein Ausbund an Freundlichkeit, ich weiß«, unterbrach ihn Andrej. Er hielt sein Pferd an, bis Abu Dun neben ihm ritt und ließ das Tier dann im gleichen Tempo wie das des Nubiers weitertrotten. »Was ist eigentlich los mit dir? Wenn du den Wein nicht verträgst, dann sauf nicht so viel!«