»Mir?« Andrejs Stimme klang eindeutig entsetzt.
Bason nickte heftig. »Dein Freund hat mir von euren Abenteuern und Heldentaten erzählt«, sagte er. »Selbst, wenn nur ein Teil davon wahr ist und der Rest hoffnungslos übertrieben, sehe ich doch, wie vorzüglich der Mohr mit dem Schwert umzugehen versteht. Und ich nehme an, du bist genau so gut?«
»Wir haben es nie ausprobiert«, antwortete Andrej - was in gewisser Weise sogar der Wahrheit entsprach. Sie hatten sich in einem Kampf auf Leben und Tod kennen gelernt, aber der war ohne Waffen ausgefochten worden; und auch, wenn sie seither zahllose Male mit dem Schwert gegeneinander gefochten hatten, so doch nur zu Übungszwecken oder um ihre Kräfte zu messen. Sie hatten nie herauszufinden beabsichtigt, wer der bessere Schwertkämpfer war, und Andrej wollte es auch gar nicht. Es wäre kein fairer Kampf gewesen. »Worauf willst du hinaus?«, fragte er.
»Die Leute kommen hierher, um sich zu amüsieren«, antwortete Bason und deutete Richtung Bühne. Andrej widerstand dem Impuls, der Geste mit Blicken zu folgen. Er hatte genug gesehen. »Ein echter Schwertkampf«, fuhr der Junge fort, »würde sie zweifellos begeistern - und vielleicht ein wenig mehr Geld in unsere Kassen bringen.«
»Denk nicht mal daran.«
»Warum?«. wollte Bason wissen. »Ich bin sicher, ihr würdet die Zuschauer von den Plätzen reißen.«
»Nein«, sagte Andrej bestimmt. »Ich kämpfe nicht für Geld oder zum Vergnügen anderer. Eine Waffe ist kein Spielzeug, Bason.«
Der junge Sinti wirkte enttäuscht, versuchte aber nicht, Andrej umzustimmen. Der wiederum drehte sich fast brüsk ein Stück zur Seite, um Basons Blick auszuweichen, und sah nachdenklich in die Runde. Für einen Moment gelang es ihm sogar, sich selbst einzureden, dass er nicht wusste, warum, doch da sagte Bason: »Elena ist nicht da.«
»Wie kommst du darauf, dass ich nach Elena -?«
»- suche?« Bason grinste fast schon unverschämt breit. »Nun, du hast diesen Elena-Blick, weißt du? Früher oder Später bekommt ihn jeder Mann, der unsere Schwester kennen gelernt hat.«
»Unsinn!«, protestierte Andrej.
»Ach?« Jetzt wurde Basons Grinsen geradezu anzüglich. »Ihr wart gestern ziemlich lange fort.«
»Es ist ein weiter Weg zur Mühle hinaus.«
»Und ein noch weiterer zurück, ich weiß«, erwiderte Bason.
Andrej erschrak, hatte sich aber gut genug in der Gewalt, um weiter völlig gelassen und sogar ein wenig verständnislos auszusehen. Hinter dieser Maske jedoch wuchs sein Schrecken von Sekunde zu Sekunde. Was hatte Elena erzählt? Wie viel, und vor allem, wie viel hatte sie dazu erfunden?
»Mein Bruder und ich hatten gestern Abend gewettet, was unsere Schwester wohl tun wird: Dir die Kehle durchschneiden, oder dich ins Gebüsch zerren.«
»Und?«, fragte Andrej kühl, »worauf hast du gesetzt?«
»Ich konnte mich nicht entscheiden«, antwortete Bason. »Auf beides, um ehrlich zu sein. Aber ich war mir nicht ganz über die Reihenfolge im Klaren.«
»Du scheinst keine sehr hohe Meinung von deiner Schwester zu haben«, bemerkte Andrej. »Aber ich kann dich beruhigen: Sie hat weder das eine noch das andere versucht. Selbst, wenn sie es vorgehabt hätte, wäre ihr vermutlich nicht mehr danach zumute gewesen, nachdem wir mit diesem Dummkopf von Müller gesprochen hatten.«
Jetzt nahm Basons Gesicht einen betrübten Ausdruck an. »Sie hat mir davon erzählt. Es ist schlimm. Ich meine: Es ist nichts, was wir nicht kennen würden, aber meistens dauert es eine Weile, bis es dazu kommt.«
»Und wo ist Elena jetzt?«, fragte Andrej.
»Laurus und sie sind noch einmal in die Stadt gefahren, ganz früh heute Morgen«, antwortete Bason. »Ich kann dich also wirklich nicht überreden, eine Rolle in meinem Stück zu übernehmen?«
»Nein!«, sagte Andrej. »Was wollen die beiden in der Stadt?«
»Versuchen, die schlimmsten Wogen zu glätten, nehme ich an«, antwortete Bason. »Mach dir keine Vorwürfe, Andreas. Es ist nicht das erste Mal, dass so etwas passiert, und es wird auch nicht das letzte Mal sein. Elena ist vielleicht die begabteste Händlerin unter der Sonne, und ich glaube, sie könnte selbst einem Beduinen in der Wüste einen Sack voll Sand verkaufen. Aber manchmal kann ein Segen auch zum Fluch werden, weißt du?«
Wenn es etwas gab, was Andrej wusste, dann das. Wenn auch in einem völlig anderen Zusammenhang, als Bason ahnen konnte. Er nickte. »Laurus ist also nicht hier?«
»Wir erwarten ihn jeden Moment zurück«, erwiderte Bason. »Es hätte ohnehin keinen Sinn, jetzt mit Anka reden zu wollen. Ich war vor einer Stunde bei ihr, und da war sie betrunken. Jetzt wird sie wohl schlafen.«
»Wie kommst du auf die Idee, dass ich -?« Er brach ab, als er das spöttische Glitzern in Basons Augen bemerkte.
»So schwer war das nun wieder nicht zu erraten«, erwiderte der Junge. »Davon abgesehen, dass du dich mindestens fünfzig Mal nach Anka erkundigt hast, vergeht keine Minute, in der du nicht mindestens einmal zu ihrem Wagen hinsiehst.«
Wie jetzt ... Andrej ertappte sich dabei, wie er, fast ohne sein Zutun, den Kopf hob und den wuchtigen, sechsrädrigen Karren anstarrte, in dem die Puuri Dan lebte. Wie üblich stand er ein Stück abseits der anderen, und wie üblich waren die hölzernen Fensterläden geschlossen. Trotz des Sonnenlichtes glaubte er, dahinter den gelben Schein einer brennenden Kerze auszumachen.
»Du solltest es nicht tun, ohne Laurus um Erlaubnis gefragt zu haben.«
»Dein Stiefvater scheint Anka nicht besonders zu mögen«, sagte Andrej nachdenklich. »Warum?«
»Er hat seine Gründe«, antwortete Bason. »Du hast Recht. Die beiden kommen nicht gut miteinander aus. Doch jetzt versuch' bloß nicht, zwischen ihnen zu vermitteln. Du würdest es nur schlimmer machen, glaub mir. Warte einfach ein paar Tage ab. Laurus liebt es, den Unnahbaren zu spielen, aber er ist nicht so hart, wie er sich gibt. Wenn du erst mal sein Vertrauen gewonnen hast, wird er dich mit Anka reden lassen.«
Sein Vertrauen gewonnen?, dachte Andrej. Noch eine weitere Nacht wie die zurückliegende, und er würde es nicht mehr über sich bringen, Laurus auch nur in die Augen zu sehen. Obwohl er spürte, wie unangenehm seinem Gegenüber das Thema war, fragte er: »Was ist denn zwischen Laurus und Anka vorgefallen?«
Basons Lächeln erlosch endgültig. Einen Moment lang war Andrej fest davon überzeugt, dass der Junge sich nun abwenden und gehen würde, dann aber seufzte er leise. »Er gibt ihr die Schuld am Tod seiner Mutter, glaube ich.«
»Und?«, fragte Andrej. »Ist es wahr?«
»Das kommt ganz darauf an, von welchem Standpunkt aus man es betrachtet«, antwortete Bason. »Von seinem aus, ja. Aber wenn du mehr wissen willst, dann frag ihn lieber selbst. Ich meine, am besten fragst du ihn natürlich nicht, aber du kommst mir nicht vor wie jemand, der auf gut gemeinte Ratschläge hört, stimmt's?«
Andrej lachte nur leise und überließ es Bason, die rechte Antwort herauszuhören. Ganz bestimmt würde er nicht noch Tage oder gar Wochen warten, bis es ihm vielleicht gelungen war, Laurus' Vertrauen zu erringen. Und spätestens die Ereignisse des vergangenen Abends hatten ihm klar gemacht, dass Abu Dun zumindest in einem Punkt Recht hatte: Sie konnten nicht mehr lange hier bleiben. Und möglicherweise hätten sie niemals hierher kommen sollen.
»Kann ich dich um einen Gefallen bitten?«, fragte er.
»Du kannst um alles bitten«, antwortete Bason.
»Aber ob du diese Bitte erfüllst, steht auf einem anderen Blatt, ja, ich weiß«, erwiderte Andrej in leicht ungeduldigem Ton, der aber nichts an Basons neuerlichem, ebenso unerschütterlichem wie unverschämtem Grinsen änderte. »Du scheinst weniger Probleme mit Anka zu haben als Laurus. Geh' und frage sie, ob ich noch einmal mit ihr reden kann. Heute oder morgen.«
»Davon wird Laurus aber nicht begeistert sein.«
»Er muss es nicht erfahren.«