Der Nubier wirkte überrascht, aber auf andere Art, als Andrej erwartet hatte. Sein Blick wurde bohrend. »Und diesmal meinst du es wirklich ernst?«
»Warum sollte ich nicht?«
Abu Dun hob die Schultern. Sein Blick tastete über das Lager hinter Andrejs Rücken, als er antwortete: »Du warst gestern Abend mit der Hexe zusammen, habe ich Recht?«
»Warum nennst du sie so?« Andrej wusste genau, dass der Nubier dieses Wort gewählt hatte, um ihn zu ärgern, und im Grunde war es nicht seine Art, sich provozieren zu lassen. Jetzt aber fiel es ihm schwer, auch nur halbwegs die Fassung zu wahren.
»Weil sie dich verhext hat«, antwortete Abu Dun. »Und du merkst es nicht einmal.«
»Was für ein Unfug!«, rief Andrej. »Elena interessiert mich nicht. Sie gehört einem anderen, und selbst, wenn es nicht so wäre - du kennst meinen Geschmack, was Frauen angeht.«
»Wie ich es sage«, beharrte Abu Dun. »Du merkst es nicht einmal.« Andrej öffnete den Mund zu einer Antwort, aber Abu Dun fuhr in schärferem, bewusst verletzend gemeintem Ton fort: »Was ist los mit dir, Andrej ? Bist du es sonst nicht immer, der mir bei jeder Gelegenheit vorhält, ich würde zu wenig nachdenken und zu sehr meinen Instinkten folgen? Vielleicht ist es an der Zeit, dass du mehr nachdenkst und weniger deinen Instinkten folgst! Verdammt, wenn du es so nötig hast, dann nimm dir ein Goldstück, reite in die nächste Stadt und kauf' dir eine Hure oder auch zwei. Aber mach endlich die Augen auf! Diese Frau ist Gift für dich!«
Plötzlich war Andrej viel mehr verwirrt denn wütend. Wovon sprach der Nubier? Zwischen Elena und ihm war rein gar nichts gewesen, und er sprach diesen Gedanken auch laut aus: »Ich weiß nicht, was du meinst«, sagte er so beherrscht, wie er konnte. Sehr beherrscht war es nicht. »Ich habe sie zu diesem Müller begleitet und zurück, und das ist alles. Zwischen uns war rein gar nichts. Wenn sie irgendetwas anderes erzählt hat, dann hat sie gelogen.«
»Sie hat nichts erzählt«, antwortete Abu Dun. »Aber manchmal sind gerade die Dinge, die die Leute nicht sagen, die Aufschlussreicheren. Allah, ich hab doch Augen im Kopf!«
»Aber anscheinend sind sie nicht mehr sehr gut«, antwortete Andrej. Abu Dun lachte böse. »Hab ich dir eigentlich je erzählt, dass es in meiner Heimat Stämme gibt, bei denen Liebe tatsächlich als Krankheit angesehen wird? Wenn das stimmt, dann stehst du offensichtlich kurz davor, an dieser Krankheit zu sterben. Und das meine ich ernst.«
Nun war Andrej regelrecht schockiert. Es war nicht einmal so sehr die Absurdität dieses völlig aus der Luft gegriffenen Vorwurfes, sondern vielmehr die Überzeugung, mit der Abu Dun ihn vorbrachte. Weder an seinem Verhalten, noch an dem, was Elena oder er gesagt oder getan hatten, war irgendetwas, das Anlass zu der Vermutung gab, zwischen ihnen wäre mehr gewesen als tatsächlich gewesen war. »Was hat sie erzählt?«, fragte er noch einmal.
Abu Dun sah ihn lauernd an. »Nichts«, sagte er. »Aber das war auch nicht nötig.«
Andrej setzte zu einer scharfen Antwort an, beließ es aber dann bei einem Seufzen. Sie waren wieder an dem gleichen Punkt angelangt wie gestern. Es war völlig sinnlos, noch irgendetwas zu sagen. Und er verstand weniger denn je, warum Abu Dun so reagierte, wie er reagierte.
»Du brauchst heute Nacht nicht wieder bei den Pferden zu schlafen«, sagte er. »Du kannst das Zelt haben. Bason hat mir einen Wagen zugewiesen.«
»Ja, das passt.« Abu Dun lachte. »Wie zum Teufel meinst du das jetzt schon wieder?«
»Wenn du deinen Verstand noch beieinander hättest, dann wüsstest du die Antwort auf diese Frage«, erwiderte der Schwarze und wandte sich zum Gehen. »Und jetzt entschuldige mich bitte. Ich muss zur Probe. Unser erster Auftritt ist schon heute Abend.«
Verwirrt und zornig sah ihm Andrej nach. Abu Duns Worte - vor allem das, was er über Elena gesagt hatte - hatten ihn wütend gemacht, zugleich aber auch vollkommen verunsichert. Der Nubier war niemand, der offen zugab, wenn er sich geirrt hatte, aber wenn er so hartnäckig auf etwas beharrte, dann war er zumeist auch davon überzeugt, im Recht zu sein - und nur zu oft erwies sich diese Überzeugung als richtig.
Er wartete, bis der Freund ein gutes Stück vorausgeeilt war, dann verließ auch er die Koppel und machte sich wieder auf den Weg zu dem alten Wagen, um mit seiner Arbeit fortzufahren. Er war gut vorangekommen, aber bis aus diesem Trümmerhaufen wieder ein auch nur halbwegs behagliches Zuhause werden konnte, würde vermutlich noch eine Woche vergehen.
Kurz bevor er sein Ziel erreichte hörte er Hufschläge. Er blieb stehen und sah sich um. Zwei Reiter preschten in scharfem Tempo die Straße herab. Da sie die Sonne im Rücken hatten, konnte Andrej sie zunächst nur als schwarze Schatten erkennen, denen irgendetwas Unheimliches, Körperloses vorauszueilen schien, aber dann sah er, dass die beiden Schemen niemand anderes als Laurus und Elena waren. Sie ritten nicht nur schnell, sondern auch in großem Abstand zueinander auf das Lager zu, und irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie keine guten Neuigkeiten brachten. Kurz entschlossen ging er ihnen entgegen.
Laurus fiel weiter zurück, denn er zügelte sein Pferd, als er näher kam, während Elena dem ihren die Sporen gab und das letzte Stück bis zur Koppel im Galopp zurücklegte. Mit einem unnötig harten Ruck brachte sie das Tier kurz vor dem Tor zum Stehen, sprang aus dem Sattel, noch bevor das Pferd zur Ruhe gekommen war, und stapfte mit gerafften Röcken und so eilig auf den Wagen zu, den Laurus und sie bewohnten, dass jeder, der ihren Weg kreuzte, hastig zur Seite sprang.
Andrejs erster Impuls war, ihr nachzueilen und sie zu fragen, was passiert war, aber dann rief er sich ins Bewusstsein, dass ihm ein solches Verhalten nicht zustand; schon gar nicht nach der vergangenen Nacht. Also wandte er sich in Richtung Laurus. Das Oberhaupt des Sinti-Clans war unweit der Bühne aus dem Sattel gestiegen, auf der Abu Dun und seine beiden ausstaffierten Schauspieler-Kollegen schon wieder mit ihrer Probe begonnen hatten, und unterhielt sich aufgeregt gestikulierend mit Bason, Rason und einem dritten, älteren Sinti. Da er Andrej den Rücken zugewandt hatte, konnte dieser den Ausdruck auf Laurus' Gesicht nicht erkennen, aber sein Gebärdenspiel, der Klang seiner Stimme und seine angespannte Haltung verrieten ihm, dass er in der Tat keine guten Nachrichten gebracht hatte. Besorgt beschleunigte Andrej seinen Schritt.
Bason entdeckte ihn als erstes, und Laurus musste den Ausdruck auf dem Gesicht seines Stiefsohnes wohl richtig gedeutet haben, denn er unterbrach seine Rede und fuhr abrupt herum. Seine Stirn umwölkte sich, als er Andrejs gewahr wurde.
»Andreas!«, sagte er. »Dich habe ich gesucht.«
Aus dem unguten Gefühl in Andrej wurde Gewissheit. »Was ist passiert?«, fragte er. Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie Abu Dun und die beiden anderen ihren Schaukampf unterbrachen und gespannt in ihre Richtung blickten, und auch die Aufmerksamkeit aller anderen Umstehenden konzentrierte sich plötzlich ganz auf ihn und Laurus.
»Genau das wollte ich dich fragen«, erwiderte Laurus. »Was ist gestern Abend passiert?«
Andrej antwortete nicht sofort, sondern sah Laurus forschend ins Gesicht, versuchte in seinem Blick zu lesen, das Beben in seiner Stimme richtig zu deuten. »Ich verstehe nicht ganz ...«
»Gestern Abend, als ihr, Elena und du, zur Mühle geritten seid«, erklärte Laurus. »Was ist da passiert?«
»Nichts«, antwortete Andrej wahrheitsgemäß. »Abgesehen davon, dass wir keinen Erfolg hatten - aber das wird dir dein Weib sicher schon erzählt haben.«
»Ihr habt mit dem Müller gesprochen. Was genau hat er gesagt?«, verlangte Laurus zu wissen.
»Der Mann ist ein Dummkopf, der nur Unsinn von sich gegeben hat«, antwortete Andrej. »Wir wollten mit ihm reden, aber das war gar nicht möglich. Er hat Elena als Hexe beschimpft, und mich ...« Er hob die Schultern. »Kurz, wir hatten keinen Erfolg. Es tut mir Leid. Aber mehr war nicht.«