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Worauf er den ganzen Tag vergebens gewartet hatte, das geschah nun, im ungünstigsten aller denkbaren Augenblicke: Er hatte die Strecke zur Koppel fast zur Hälfte zurückgelegt, als ihm eine riesenhafte, ganz in Schwarz gekleidete Gestalt den Weg vertrat. »Wir müssen miteinander reden, Hexenmeister«, sagte Abu Dun.

»Nicht jetzt«, antwortete Andrej. Er versuchte um Abu Dun herum zu gehen, aber der Nubier machte einen raschen Ausfallschritt, sodass er stehen bleiben musste.

»Ganz genau jetzt«, erwiderte Abu Dun gereizt. »Es sei denn, du willst -«

»Nicht jetzt!«, zischte Andrej. Wohl wissend, dass er noch immer beobachtet wurde, bemühte er sich, auch weiterhin möglichst gelassen zu erscheinen und brachte sogar das Kunststück fertig, ein Lächeln auf sein Gesicht zu zwingen. Doch der scharfe Ton in seiner Stimme und der gehetzte Blick Richtung Wald hatten Abu Dun alarmiert. Aus der grimmigen Miene des Nubiers wurde ein erstauntes Gesicht, dann schürzte er die Lippen und deutete ein Kopfnicken an. Er hatte verstanden.

»Ich nehme an, du willst dein Pferd holen, um ins Dorf zu reiten«, bemerkte der Freund leutselig und überaus vernehmlich. »Ich bin auch gerade auf dem Weg dorthin. Reiten wir doch zusammen.«

»Warum nicht?« Andrej machte eine einladende Geste in Richtung Koppel, und sie legten den Rest des Weges gemeinsam zurück. Abu Dun öffnete das Tor, stieß einen schrillen V Pfiff aus, und nur einen Moment später kamen sowohl sein als auch Andrejs Pferd auf sie zu getrabt. Die beiden Tiere hatten die Ruhe der letzten Tage sichtlich genossen, ebenso wie die Gesellschaft anderer Pferde, die sie auf ihre Art ebenso vermissen mochten wie Andrej die anderer Menschen, gehorchten aber trotzdem noch immer aufs Wort.

Andrej wollte sich gerade zum Sattelgestell wenden, als Abu Dun seinem Pferd entgegenlief und sich mit einer kraftvollen Bewegung - und einem spöttischen Blick in Andrejs Richtung - auf den Rücken des Tieres schwang. Und obwohl Andrej sich darüber im Klaren war, dass seine Reaktion um keinen Deut besser war als Abu Duns angeberisches Gehabe, tat er es ihm gleich.

Was vielleicht ein Fehler war, denn Abu Dun schien Andrejs Reaktion als Herausforderung zu deuten und sprengte sogleich in halsbrecherischem Tempo los. Einige der anderen Pferde wieherten erschrocken und begannen nervös auf der Stelle zu tänzeln, und obwohl Andrej nicht hinsah, wusste er, dass sich im Lager nun viele Köpfe in ihre Richtung wandten und ihr rein zufälliger Aufbruch auch im Wald nicht unbemerkt geblieben sein konnte. Und so - wider alle Vernunft - galoppierte er hinter dem Nubier her, so schnell er konnte.

Binnen weniger Augenblicke hatten sie das Lager durchquert - wobei ihnen nicht nur verständnislose Blicke, sondern auch der eine oder andere zornige Ruf folgten. Sodann preschte Abu Dun durchs offene Gelände davon, nicht etwa auf den Wald zu, sondern in die entgegengesetzte Richtung, auf die Handvoll Häuser zu, aus denen Honsen bestand. Erst, als sie schon die halbe Strecke zurückgelegt hatten, gelang es Andrej, den Nubier einzuholen. »Was soll das?«, rief er aufgebracht. »Willst du mit Gewalt Aufsehen erregen?«

Abu Dun lachte. »Aufsehen erregst höchstens du, weil du jeden Moment von deinem Gaul fällst. Weißt du eigentlich, was für eine komische Figur du abgibst?«

Andrej warf ihm einen wütenden Blick zu, aber insgeheim musste er Abu Dun Recht geben. Das Reiten ohne Sattel, Zaumzeug und Zügel war alles andere als leicht, und bei dem halsbrecherischen Tempo, das der Nubier vorlegte, auch alles andere als ungefährlich. Wäre er zufällig Zeuge einer solchen Szene geworden, wäre es ihm schwer gefallen zu glauben, dass es sich bei dem Rennen nur um ein freundschaftliches Kräftemessen handelte. Aber jede Bemerkung in diese Richtung würde es im Moment nur verschlimmern. Also beschränkte er sich darauf, sich in einer halbwegs würdevollen Haltung an der Pferdemähne festzuklammern.

Zu seiner Erleichterung nahm Abu Dun das Tempo deutlich zurück, als sie auf die ungepflasterte Hauptstraße des Ortes gelangten. Sie ritten noch immer recht schnell, was ihnen auch hier den einen oder anderen verwunderten oder empörten Blick einbrachte, doch Abu Dun wurde immer langsamer, und als sie den Ort durchquerte hatten - was nach wenigen Minuten der Fall war - befanden sich die Pferde nur noch in einem raschen, aber nicht mehr rasenden Trab. Schließlich wandten sie sich nach rechts, um Honsen - und damit auch das auf der anderen Seite gelegene Sinti-Lager - in weitem Bogen zu umgehen und sich dem dahinter liegenden Hain und jedem, der darin auf der Lauer liegen mochte, von der Rückseite her zu nähern.

Zumindest jetzt bewies Abu Dun einen kühlen Kopf, denn er trieb das alberne Spiel nicht noch weiter auf die Spitze, sondern hielt im Schutz eines weit ausladenden Busches an, der die Hitzewelle der zurückliegenden Wochen wie durch ein Wunder fast unbeschadet überstanden hatte. Dann glitt er vom Rücken seines Pferdes und ließ sich mit auf den Oberschenkeln abgestützten Händen in die Hocke sinken, während er darauf wartete, dass Andrej es ihm gleich tat. »Was hast du gesehen?«, fragte er.

»Nichts«, antwortete Andrej. »Aber irgendjemand ist hier, das spüre ich.«

Das genügte Abu Dun. Sie kannten sich lange genug, und der Nubier wusste, dass eine Ahnung Andrejs hundertmal mehr wert sein konnte als die vermeintlich sichere Beobachtung eines anderen. Der Schwarze nickte, schlug den Mantel zurück und legte die Hand auf den Griff des Krummsäbels, den er darunter trug. Auch Andrej tastete nach seiner Waffe, zog die Hand dann aber wieder zurück. Das Gefühl des Angestarrtwerdens hatte sich irgendwo auf halbem Wege zwischen der Pferdekoppel und Honsen verloren, aber er spürte nach wie vor, dass irgendetwas hier war. Etwas, das nicht hier sein sollte. Und er spürte auch, dass es sich hierbei nicht um eine Gefahr handelte, der er mit der Waffe begegnen konnte. Es war sehr verwirrend.

Abu Dun machte eine Kopfbewegung nach rechts, zog den Säbel und huschte einen Augenblick später in die angegebene Richtung davon. Praktisch im gleichen Moment trat Andrej in der entgegengesetzten Richtung hinter dem Gebüsch hervor. Nahezu lautlos erreichten sie den eigentlichen Waldrand und drangen ins dichte Unterholz vor. Nichts war zu hören, nirgends rührte sich etwas. Andrejs Sinne waren zum Zerreißen gespannt, aber er hörte absolut nichts, außer seinen eigenen Schritten und denen Abu Duns, die sich allmählich von ihm entfernten. Und doch spürte er immer deutlicher diese fremde, böse Präsenz, die die Atmosphäre verpestete wie ein übler Gestank.

Aber das war unmöglich. Der Wald war nicht groß genug, um diesen Namen wirklich zu verdienen. Selbst einem normalen Menschen mit einigermaßen wachen Sinnen wäre es möglich gewesen, jedermann aufzuspüren, der sich hier zu verstecken suchte - und er hätte jeden Fremden wortwörtlich gerochen. Aber hier war nichts. Absolut nichts.

Andrej war drauf und dran, sich einzugestehen, dass ihm vielleicht doch nur seine Nerven einen bösen Streich gespielt hatten, als rechts von ihm ein helles, unterdrücktes Pfeifen ertönte, das jeder andere für den Ruf eines Vogels gehalten hätte, der sich über die Störung durch die Eindringlinge beschwerte - jeder, der nicht seit Jahren mit Abu Dun ritt und wusste, dass der Nubier nahezu jede Tierstimme perfekt zu imitieren verstand. Rasch schob er das Schwert in den Gürtel zurück, wandte sich in die fragliche Richtung und langte nach wenigen Schritten neben dem Freund an.

Er wollte eine Frage stellen, aber der Nubier gebot ihm zu schweigen und deutete zugleich mit einer Kopfbewegung auf den Boden vor sich. Andrej ging langsam weiter, wobei er darauf achtete, möglichst leise aufzutreten, ließ sich dann neben dem Freund in die Hocke sinken und erschrak, als er sah, was Abu Dun entdeckt hatte.