In dem weichen Moos, das den Waldboden vor ihm bedeckte, waren die Spuren nackter kleiner Füße zu sehen. Sehr kleiner Füße und nicht nur die eines, sondern die von mindestens zwei oder mehr Menschen. »Also doch«, murmelte Abu Dun. Dann stand er mit einem Ruck auf und sah sich aus zusammengekniffenen Augen um. »Diesmal bringe ich es zu Ende.« Schon stürmte er in die Richtung los, in die die Fußspuren wiesen, noch bevor Andrej etwas sagen oder versuchen konnte, ihn zurückzuhalten, und er nahm jetzt keinerlei Rücksicht mehr darauf, ob er Lärm machte oder nicht. Vermutlich spielte es auch keine Rolle. Die Fußspuren waren erst wenige Minuten alt, und Andrej spürte die feindselige Präsenz jetzt mit solcher Intensität, dass sie ihm fast den Atem raubte.
Noch während er hinter Abu Dun hereilte, versuchte er, die Richtung zu spüren, aus der das unheimliche Gefühl kam, aber es wollte ihm nicht gelingen. Was immer dieses unheimliche Geschöpf war, dessen Nähe er spürte, es schien nirgends und überall zugleich zu sein.
Er beschleunigte seinen Schritt, um zu dem Nubier aufzuholen, doch dann blieb Abu Dun so plötzlich stehen, dass Andrej einen hastigen Ausfallschritt machen musste, um nicht gegen ihn zu prallen. Im nächsten Augenblick erstarrte auch er mitten in der Bewegung, als er sah, weshalb Abu Dun so plötzlich stehen geblieben war.
Sie hatten den jenseitigen Waldrand fast erreicht. Vor ihnen erhob sich nur noch eine einzige Baumreihe, zwischen der das Unterholz aber so dicht war, dass es eine nahezu undurchdringliche Mauer bildete.
Dort lag Pater Flock wimmernd vor Angst und Schmerz und hoffnungslos im dornigen Gestrüpp des Unterholzes verfangen, die seine Kutte zerrissen und Gesicht und Arme blutig gekratzt hatten. Verzweifelt versuchte er, sein Gesicht mit den Händen vor den Hieben eines höchstens acht- oder neunjährigen Jungen zu schützen, der auf seiner Brust hockte und versuchte, dem Geistlichen mit einem kinderkopfgroßen Stein den Schädel zu zertrümmern. Ein zweiter, kaum älterer Junge hatte dem Mann beide Knie in den Unterleib gerammt und stach mit einem winzigen Messer immer wieder auf seinen Oberschenkel ein, während zwei weitere Kinder das Ganze johlend und händeklatschend beobachteten. In den Augen des schwarzhaarigen Mädchens blitzte es spöttisch auf, als es Andrej und Abu Dun bemerkte, während der ältere Junge den beiden nur einen verächtlichen Blick zuwarf und sich dann wieder auf das grausame Geschehen am Boden konzentrierte.
Außer sich vor Wut brüllte Abu Dun auf, riss mit beiden Händen den Säbel in die Höhe und war mit einem einzigen Schritt am Ort des Geschehens. Zweifellos hätte er den Jungen enthauptet, hätte er nicht aus irgendeinem Grund im letzten Moment versucht, seinen Hieb in eine andere Richtung zu lenken. Es gelang ihm nicht ganz. Die gebogene Klinge des Krummsäbels zischte mit einem hässlichen Geräusch durch die Luft. Doch dieses winzige Zögern hatte dem Knaben gereicht. Blitzschnell duckte er sich und entging dem tödlichen Hieb buchstäblich um Haaresbreite. Durch die eigene Wucht nach vorne gerissen, musste Abu Dun einige hastige Schritte machen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren und zu stürzen.
Trotz seiner enormen Größe und Körperfülle, die schon so manchen Gegner getäuscht hatte, war Abu Dun wiesel-schnell; er brauchte nur eine Sekunde, um seine Balance wiederzufinden und herumzufahren, doch diese Spanne reichte den Kindern. Noch immer lachend und johlend, ließen sie endlich von ihrem Opfer ab und verschwanden so schnell im Unterholz wie Schatten, die vor dem Licht der Sonne flohen. Abu Dun stieß einen Fluch in seiner Muttersprache aus, brach rücksichtslos durch das Gebüsch und setzte zur Verfolgung an, während Andrej zu dem hilflosen, wimmernden Geistlichen lief und sich neben ihm auf den Boden kniete.
Der Anblick war so entsetzlich, dass er hart schlucken musste. Pater Flocks Gesicht war blutüberströmt und verzerrt vor Schmerz und Todesangst. Er blutete aus zahlreichen kleinen und zwei größeren Wunden an Stirn und Schläfe, und der Knabe mit dem Messer hatte sich sogar die Zeit genommen, ihm ein gut fingerlanges Kreuz in beide Wangen zu ritzen, ehe er Flocks Gesicht seinem Bruder und dessen Stein überließ. Die Augen des jungen Geistlichen waren schwarz vor Angst, und hinter der Furcht und dem unerträglichen Schmerz flackerte der beginnende Wahnsinn. Als Andrej sich über ihn beugte, riss der Mann die Arme in die Höhe und versuchte, nach ihm zu schlagen. Andrej nahm zwei, drei seiner kraftlosen Hiebe hin, dann umfasste er die Handgelenke des Geistlichen und drückte ihn mit sanfter Gewalt zu Boden.
»Ganz ruhig!«, rief er. »Ich bin es, Andreas! Es ist vorbei!«
Doch Flock reagierte nicht darauf. Stattdessen wurde sein Wimmern nun von hohen, spitzen Schreien abgelöst. Dabei strampelte er so heftig mit den Beinen, dass Andrej rasch ein Stück von ihm abrückte, um nicht auch noch getreten zu werden.
»Es ist vorbei! Pater Flock! Kommt zu Euch! Sie sind fort! Ihr seid in Sicherheit!«
Im ersten Moment schien es, als ob Flock ihn auch jetzt nicht verstand, dann erschlaffte sein Körper in Andrejs Griff, und das Flackern beginnenden Irrsinns in seinen Augen ließ nach. Fassungslos starrte er Andrej an, riss dann den Kopf herum und blickte in die Richtung, in der die Kinder und Abu Dun verschwunden waren. »Teufel!«, schrie er. »Sie sind des Teufels. Dämonen aus der Hölle, geschickt, uns für unsere Sünden zu bestrafen.«
»Es ist vorbei«, sagte Andrej noch einmal, aber mit, wie er hoffte, beruhigender Stimme. »Sie können Euch nichts mehr tun. Ihr seid in Sicherheit.«
Flock begann zu wimmern; ein leises, klagendes Weinen, in dem mehr zum Ausdruck kam als die pure Todesangst, die er gerade durchgestanden hatte. Andrej wagte es nicht, seine Hände loszulassen, lockere aber seinen Griff und unterzog Flock sodann einer zweiten, etwas gründlicheren Begutachtung.
Ihr Ergebnis war nicht besser als das seiner ersten Inaugenscheinnahme. Im Gegenteiclass="underline" Der junge Geistliche bot einen schrecklichen Anblick. Sein Gesicht war eine Maske aus hellem, glänzendem Blut, sodass gar nicht genau zu erkennen war, wie schlimm die Verletzungen wirklich waren; und auch seine Hände, mit denen er den Stein abgewehrt hatte, waren übel verletzt. In Höhe seiner Oberschenkel war das braune Mönchsgewand schwarz und nass von Blut. Flocks Unterlippe war gespalten, und er hatte mindestens zwei Zähne verloren.
»Beruhigt Euch«, sagte Andrej. »Nicht bewegen. Ihr seid schwer verletzt. Ich bringe Euch zu einem Arzt.«
»Nein«, sagte Flock. »Bringt Euch in Sicherheit. Sie werden wiederkommen. Sie werden Euch umbringen. Sie sind Dämonen. Der Teufel hat sie geschickt!«
»Es ist alles in Ordnung«, sagte Andrej zum wiederholten Mal. Natürlich entsprach das nicht der Wahrheit. Nichts war in Ordnung. Nicht der Zustand, in dem sich der junge Geistliche befand, und schon gar nicht die Umstände, unter denen er diese Verletzungen erlitten hatte. Er schloss für einen Moment die Augen, lauschte in sich hinein und versuchte nach dem bösartigen fremden Geist zu tasten, dessen Gegenwart er eben noch so deutlich gefühlt hatte. Aber da war nichts mehr. Das einzige Leben, was er spürte, war das Flocks und Abu Duns.
Wie aufs Stichwort hörte er neben sich das Geräusch brechender Zweige, dann trat der Nubier aus dem Unterholz auf die Lichtung. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck maßloser Enttäuschung. Noch immer hielt er den Krummsäbel in beiden Händen, doch die Klinge war blank. Mit einem zornigen Schritt trat er heran und rammte den Säbel nur eine Handbreit neben der Schulter des Geistlichen in den Boden. Er sagte nichts, sondern warf Andrej nur einen wütenden Blick zu. Sie sind entkommen!
Sei froh!, signalisierte ihm Andrej auf die gleiche Weise und wandte sich erneut an Flock.
»Es ist alles gut«, sagte er noch einmal. »Abu Dun und ich werden Euch zu einem Arzt bringen. Versucht nicht, zu reden.«