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»Wie gut kennt Ihr sie?«, wiederholte Flock. »Immerhin besser als Euch«, antwortete Andrej. »Nicht besonders gut. Aber gut genug, um zu wissen, dass sie Abu Dun und mich aufgenommen haben, ohne Fragen zu stellen, dass sie freundlich zu uns sind, und dass sie niemandem ein Leid zugefügt haben, jedenfalls nicht, solange ich bei ihnen bin.« Es fiel ihm schwer, Ruhe zu bewahren. Flocks Worte machten ihn wütend. Er schuldete diesem Mann nichts. Die Kirche, in deren Diensten er stand, hatte seine Familie ausgelöscht, jeden getötet, den er gekannt, alles vernichtet, was er besessen und geliebt hatte. Und niemand an seiner Stelle wäre wohl in der Lage gewesen, einem Mann, der das Büßergewand trug, unvoreingenommen gegenüberzutreten. Aber Flocks Worte weckten nicht nur Zorn in ihm, sondern ein Gefühl, das an Hass grenzte. Er verstand selbst nicht, warum.

»Ihr und Euer Freund seid anders als diese Leute«, sagte Flock. Er schwankte leicht, und Andrej war mit einem raschen Schritt wieder bei ihm, als ihm klar wurde, dass Flock die Kräfte jetzt immer schneller verließen.

Vielleicht war es ein Fehler. Mit einem Mal war er dem Geistlichen so nahe, dass er nicht nur seinen sauren Schweiß und die Angst riechen konnte, sondern auch das Blut, das noch immer aus den beiden Platzwunden an seinem Kopf sickerte und auch den groben Stoff seiner Kutte über dem rechten Oberschenkel tränkte. Ein bitterer, metallischer Geruch, der ihn an unzählige überstandene Kämpfe und Schlachten erinnerte, der aber auch etwas anderes in ihm wach rief; eine uralte, unstillbare Gier, der düstere Teil seines Erbes, den zu ergründen er hierher gekommen war, und den er so tief in den finstersten Abgründen seiner Seele eingesperrt zu haben geglaubt hatte, dass er ihn manchmal schon zu vergessen begann. Aber er war da, nicht sehr stark, nicht einmal verlockend, aber er war da, und er würde immer da sein.

Andrej vertrieb den Gedanken hastig und fragte lauter und - wie er hoffte - in sachlicherem Ton: »Was wollt Ihr von mir, Pfaffe?«

Wenn Flock die Beleidigung überhaupt gehört hatte, so ignorierte er sie. »Vielleicht will ich nur wissen, mit wem ich es zu tun habe«, antwortete er. »Ihr seid nicht der Mann, der zu sein Ihr vorgebt, Andreas. Euch umgibt ein Geheimnis. Ein großes und düsteres Geheimnis.«

»Ach?«, fragte Andrej spöttisch. »Ist das so? Nun, vielleicht habt Ihr Recht, vielleicht redet ihr aber auch Unsinn. Und selbst, wenn Ihr Recht haben solltet - wer sagt Euch, dass es ein Geheimnis ist, das Ihr kennen wollt? Vielleicht sind Abu Dun und ich ja Späher der Türken, die ausgeschickt wurden, um einen Überfall der Muselmanen vorzubereiten. Oder wir sind gemeine Mörder und Diebe, die auf der Suche nach neuen Opfern sind. Oder auch Dämonen, die Euch und allen braven Bürgern in dieser Gegend nach der Seele trachten?«

Flock blieb ernst. Er sah Andrej einen Moment lang durchdringend, aber auf so sonderbare Weise an, dass ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief. »Ihr seid kein schlechter Mensch, Andreas«, sagte er. »Ich weiß nicht, was Ihr seid, geschweige denn, wer, aber Ihr seid nicht böse.«

»Woher wollt Ihr das wissen?«

»Weil ich in die Seelen der Menschen blicken kann«, erwiderte Flock. »Ich weiß, ob mich ein Mensch belügt oder ob er die Wahrheit sagt, ob er gut oder schlecht ist. Und Ihr seid nicht schlecht.«

»Oh, das wisst Ihr?«, fragte Andrej spöttisch. »Sagt, lernt das bei der Priesterweihe, oder erhält man diese Fähig-zwangsläufig, sobald man erstmals die Kutte überstreift?«

Flock schüttelte matt den Kopf. Er wirkte nicht verletzt, sondern nur ein wenig traurig. »Das war nicht nur so dahergesagt, Andreas«, sagte er. »Ich kann in die Seelen der Menschen blicken. Ich konnte es schon immer, bereits als Kind. Früher hat mich diese Fähigkeit verwirrt, später habe ich sie als Segen angesehen und noch später als Fluch. Sie ist der Grund, aus dem ich in den Orden eingetreten bin.«

Andrej verfügte zwar nicht über diese besondere Gabe, aber er hatte eine Menge anderer Fähigkeiten, die die Sinne eines normalen Menschen weit in den Schatten stellten, und die es ihm im Allgemeinen ebenso sicher wie Flock ermöglichten zu sagen, ob sein Gegenüber ihn belog oder nicht. Und zumindest in diesem Moment hatte er das sichere Gefühl, dass Flock die Wahrheit sprach; wenn er log, dann tat er es entweder meisterhaft, oder er wusste nicht, dass er log. Behutsam tastete er mit seinen Vampyrsinnen nach dem Geist des jungen Ordensbruders, aber da war nichts, was nicht da sein sollte. In einem Anflug von schlechtem Gewissen verscheuchte er den Gedanken: ein Wesen wie er selbst im Büßergewand? Das war absurd.

»Und als was nehmt Ihr diese Gabe heute?«, fragte er.

»Ich weiß es nicht«, gestand Flock. »Manchmal erleichtert sie die Dinge, aber zumeist macht sie alles schwieriger. Menschen sind nicht für die Wahrheit geboren, Andreas. Wir sind keine wahrhaftigen Wesen, wir wollen nicht immer die Wahrheit sagen, und wir wollen sie auch nicht immer hören.«

»Und wie kommt Ihr dann auf die Idee, dass ich Euch wahrheitsgemäß antworten würde - selbst wenn Ihr Recht hättet?«, fragte Andrej.

»Weil ich es wüsste, wenn Ihr lügt«, antwortete Flock einfach. »Auch wenn Ihr selbst es nicht genau wüsstet. Aber ich merke schon, Ihr wollt meine Frage nicht beantworten. Bitte verzeiht, dass ich sie überhaupt gestellt habe.« Er ächzte leise und schwankte. »Und nun, auch wenn es mir sehr peinlich ist ... könnten wir vielleicht noch einmal über Euer Angebot reden, mich den Rest des Weges zu tragen?«

Es verging fast eine Stunde bis Andrej - zusammen mit zwei jüngeren Frauen aus dem Lager - Flocks Wunden gesäubert und so weit versorgt hatte, dass er sich nicht mehr die bange Frage stellen musste, ob der junge Geistliche den Abend noch erleben würde.

Dennoch waren Flocks Verletzungen schlimmer als erwartet. Abgesehen von den zwei schweren Kopfwunden und den grässlichen Schnitten im Gesicht hatte der Priester mindestens zwei gebrochene Finger und ein schlimm verstauchtes Handgelenk. Zudem befanden sich in seinem rechten Oberschenkel mehr als ein Dutzend schmale, aber sehr tiefe Stichwunden, die heftig bluteten. Wie durch ein Wunder hatte die Klinge des Jungen die Hauptschlagader nicht durchtrennt, sodass Flock nicht in Gefahr war zu verbluten. Auch die übrigen Wunden erwiesen sich als schmerzhaft und schwer - einige würden Wochen brauchen, um zu verheilen -, aber keine von ihnen war für sich gesehen wirklich lebensgefährlich. Allerdings wagte Andrej nicht, sich auch nur vorzustellen, was passiert wäre, wären Abu Dun und er auch nur einen Augenblick später am Ort des Geschehens eingetroffen.

Obwohl er sehr vorsichtig gewesen war und ihm die beiden jungen Frauen geschickt zur Hand gegangen waren, hatte er Flock zusätzliche Schmerzen zugefügt; zwei oder drei Mal so arg, dass der Pater gellend aufgeschrien hatte und man ihn vermutlich noch im Dorf hatte hören können. Doch als Andrej sich schließlich von Flocks Lager erhob und ihm riet, nun ein paar Stunden zu schlafen, um wieder zu Kräften zu kommen, schüttelte der Mann nur heftig den Kopf und versuchte sogar sich aufzurichten.

»Dazu ist keine Zeit«, sagte er. »Ich muss mit dem Oberhaupt dieser Familie sprechen.«

»Mit Laurus?«

»Ich weiß seinen Namen nicht. Wenn er es ist, ja.«

»Ich glaube nicht, dass das eine so gute Idee ist«, sagte Andrej. »Ihr habt eine Menge Blut verloren und seid schwach.«

»Das mag sein, aber es ist wichtig. Ich werde schon nicht in Ohnmacht fallen.«

»Das meine ich nicht«, sagte Andrej. »Glaubt mir, ich habe Erfahrung in solchen Dingen. Manchmal ist es besser, in einem Zustand wie Eurem nicht zu reden.«

»Es ist aber wirklich wichtig«, beharrte Flock. »Nicht für mich. Für diese Leute hier. Und vielleicht auch für Euch, Andreas.«