Andrej resignierte. Flock würde nicht nachgeben, und vielleicht war das, was er zu sagen hatte, ja wirklich wichtig. So erhob er sich und sagte: »Ich werde mit ihm reden. Aber ich kann nicht versprechen, dass er überhaupt mit Euch sprechen will.«
»Richtet ihm aus, es geht um heute Nacht«, sagte Flock. »Um den Müller und das, was nach Eurem Besuch geschehen ist.«
»Nach unserem Besuch?«, fragte Andrej alarmiert. »Was soll denn da passiert sein?«
»Das würde mich auch interessieren«, sagte eine Stimme hinter ihm.
Andrej fuhr erschrocken herum und fand sich Aug' in Aug' mit Laurus. Das Oberhaupt der Sinti-Familie hatte das Zelt betreten ohne dass er es mitbekommen hatte, und Andrej fragte sich erschrocken, wie lange er wohl schon dagestanden und ihnen zugehört hatte. Und dann wurde ihm klar, dass Laurus' Frage viel weniger Flock als ihm gegolten hatte.
»Nichts ist passiert«, sagte Andrej. »Elena und ich sind wieder zurückgeritten, das ist alles.«
Laurus maß ihn mit einem durchdringenden, auf unangenehme Weise wissenden Blick, dem Stand zu halten Andrej ausgesprochen schwer fiel. Wenngleich er in gewissem Sinne die Wahrheit gesagt hatte - zumindest, was den Müller anging... »Ihr habt Andreas gehört, Vater«, sagte Laurus kühl. Er maß den jungen Geistlichen mit einem langen, doch mitleidlosen Blick, der vor allem seinen diversen Verbänden zu gelten schien. Flock war nackt bis auf einen Lendenschurz und eine dünne Halskette mit einem silbernen Kreuz, zugleich aber mit so vielen Bandagen umwickelt, dass er fast schon wieder angezogen wirkte.
»Ihr wisst es nicht?«, fragte Flock.
»Dann würde ich nicht fragen«, antwortete Laurus. Sein Gesicht umwölkte sich. »Vater, wenn Ihr etwas zu sagen habt, dann sagt es. Wenn nicht, dann verzeiht, aber wir haben noch viel zu tun. Ich habe einen Wagen vorbereiten lassen, der Euch in die Stadt bringt. Dort kann man Euch besser versorgen als hier.«
Selbst für einen Mann wie Laurus waren das Worte von ausgesuchter Unhöflichkeit. Und sie waren zudem nicht besonders klug. Flock war zwar kein Kardinal, vielleicht nicht einmal ein richtiger Priester, und er war jung genug, um Laurus' Enkel sein zu können - aber sie lebten in einer Zeit und in einem Land, in dem das Gewand eines Mannes oft mehr zählte als der Mann selbst. Andrej konnte nicht verstehen, warum Laurus den Geistlichen so brüskierte.
»Handmann war heute Morgen bei mir, noch vor Sonnenaufgang«, begann Flock. »Ihm ist ein großes Unglück widerfahren. Fast seine gesamten Mehlvorräte und alles Korn wurden vernichtet.«
»Was ist passiert?«, fragte Laurus. »Ein Brand?«
»Ratten«, antwortete Flock. »Ratten sind über seine Mühle hergefallen.«
Andrej starrte ihn überrascht und erschrocken zugleich an, und er erschrak ein weiteres Mal, als er sah, dass Flock bei diesen Worten nicht Laurus sondern ihn angesehen hatte. Ratten?
»Das ist bedauerlich«, sagte Laurus. »Aber nach allem, was mir mein Weib über diesen Müller erzählt hat, war er wohl ein ziemlich unbeherrschter Mann und nicht sehr klug. Vielleicht war er zudem auch nicht sehr reinlich. Wenn man sein Haus nicht in Ordnung hält, dann kommen die Ratten gern.«
»So etwas ist aber noch nie passiert«, sagte Flock.
»Irgendwann ist immer das erste Mal«, erwiderte Laurus kühl. »Worauf wollt Ihr hinaus? Dass wir diesen Dummkopf von Müller verhext haben? Sagt es ruhig.«
Andrej sog scharf die Luft ein Hatte Laurus den Verstand verloren?
»Nun, ich war dabei«, sagte Flock. »Gestern Nacht, als Andreas dem Handmann mehr Geld geboten hat, damit er ihm Mehl verkauft. Der Müller hat gesagt, eher würde er seine Vorräte an die Ratten verfüttern, bevor er Euch auch nur einen Scheffel davon überlässt.«
»Nun, dann ist sein Wunsch ja wohl in Erfüllung gegangen«, meinte Laurus. »Manchmal sollte man seine Wünsche eben mit Bedacht äußern.«
»Aber ich bitte Euch, Bruder Flock«, mischte sich Andrej hastig ein und eigentlich nur, um zu verhindern, dass Laurus sich um Kopf und Kragen redete »Ihr seid doch ein vernünftiger Mann. Ihr wart dabei, genau wie ich. Ihr könnt doch nicht allen Ernstes an diesen Unsinn von Hexen und Flüchen glauben, den Handmann von sich gegeben hat.«
»Natürlich nicht«, sagte Flock. »Ich denke nicht so wie dieser Müller und die vielen anderen. Wäre es so, dann wäre ich nicht hier.«
»Und warum seid Ihr dann hier?«, fragte Laurus.
»Weil etwas vorgeht«, antwortete Flock. »Weil etwas Schlimmes passiert ist, und weil ich nicht will, dass noch Schlimmeres passiert, weder den Menschen in der Stadt noch Euch.«
»Wir können ganz gut auf uns selbst aufpassen«, sagte Laurus eisig. »Und für das Wohl Eurer Schäfchen seid ja wohl Ihr verantwortlich.« Er wies auf Andrej. »Andreas wird Euch zurück in die Stadt bringen. Doch zuerst muss ich mit ihm sprechen. Ihr entschuldigt uns.«
Er fuhr auf dem Absatz herum und bedeutete Andrej, ihm nach draußen zu folgen. Kaum hatten sie das Zelt verlassen und sich ein paar Schritte außer Hörweite begeben, da riss Andrej Laurus derb an der Schulter herum.
»Seid Ihr von Sinnen?«, herrschte er den Sinti an. »Habt Ihr nicht gehört, was der Priester erzählt hat?«
»Mich würde viel mehr interessieren, was du zu erzählen hast, Andreas«, antwortete Laurus. »Was ist gestern Abend wirklich passiert?«
»Nichts, was ich Euch nicht schon berichtet hätte«, erwiderte Andrej. »Es war alles genau so, wie ich gesagt habe. Und Euer Weib Elena vermutlich auch.«
»Von der Geschichte mit den Ratten, an die der Müller sein Mehl lieber verfüttern wollte, habt Ihr nichts gesagt.«
»Weil das alles Unsinn ist«, antwortete Andrej. »Dieser Handmann ist ein Dummkopf. Er hat einfach irgendwas gesagt, um Elena und mich zu verletzen.«
»Und danach?«, fragte Laurus. »Seid ihr wirklich sofort und auf dem kürzesten Weg nach Hause geritten?« Es wäre ein Einfaches gewesen, zu lügen. Andrej war davon überzeugt, dass Elena ihrem Mann die bekannte Version der Geschichte erzählt hatte, und auch, dass es genau das war, was Laurus in diesem Moment von ihm hören wollte. Aber es wäre falsch gewesen, jetzt die Unwahrheit zu sagen. »Vielleicht nicht auf dem kürzesten Weg und auch nicht sofort«, sagte er daher.
Laurus' Gesicht zeigte keinerlei Regung. »Sondern?«
»Elena ist in den Wald gelaufen. Sie war wütend über das, was Handmann gesagt hatte. Ich habe eine Weile gebraucht, um sie zu finden und zu beruhigen.«
»Und?«
»Nichts, und«, erwiderte Andrej gereizt. »Wir haben geredet und am Schluss hat sie sich beruhigt, und wir sind zurückgeritten.«
»Und sie hat mit niemandem sonst gesprochen?«
»Nur mit den Bäumen.« Andrej lachte auf. »Nein. Außer uns war niemand da.«
»Dann gibt es ja auch nichts, worüber wir uns den Kopf zerbrechen müssten«, meinte Laurus. »Und jetzt geh und bring diesen Pfaffen zurück in die Stadt. Nicht, dass er uns am Ende noch hier verblutet und man uns die Schuld dafür gibt. Und beeil dich. Wir haben heute Abend viel Arbeit.«
Während der guten Stunde, die er im Lager gewesen war, hatte sich Abu Dun nicht ein einziges Mal blicken lassen. Dafür kam er Andrej nun entgegen, kaum, da dieser sein Gespräch mit Laurus beendet und sich auf die Suche nach irgendeinem Wagen machen wollte, mit dem er Flock zurück in die Stadt bringen konnte. Doch mehr noch; der Nubier präsentierte ihm just den dafür vorgesehenen Wagen, auf dessen Ladefläche bereits ein behelfsmäßiges Bett aus Decken und mit Stroh gefüllten Säcken hergerichtet worden war.
Laurus' Entschluss, Flock möglichst rasch loszuwerden, war offensichtlich doch nicht so plötzlich gefasst worden wie er angenommen hatte. Vielleicht war es nicht einmal sein Entschluss gewesen. Andrej bedachte Abu Dun mit einem erstaunten Blick, aber es war ihm ebenso wenig möglich, in seinem Gesicht zu lesen wie in dem des Sinti-Oberhauptes.