Dafür fiel ihm etwas anderes auf. Abu Dun hatte nicht nur den Wagen für den Transport des Verletzten vorbereitet, sondern auch sein und Andrejs Pferd am Ende des Gefährts festgebunden. Auf seine entsprechende Frage hin lachte der Schwarze nur und sah ihn fast mitleidig an. »Willst du etwa den Leuten in der Stadt erklären, was hier passiert ist?«, fragte er spöttisch. »Nur zu! Aber dann nimm auch gleich das Reisig für den Scheiterhaufen mit. Das verkürzt die Sache.«
Vermutlich übertrieb Abu Dun, aber wohl nicht so sehr, wie Andrej sich in diesem Moment einredete. Er war auch aus anderen Gründen nicht sicher, ob es eine gute Idee war, wenn sie beide zusammen aufbrachen, um Flock in die Stadt zu bringen - Abu Dun schien nicht in Stimmung für einen freundlichen Plausch, und Andrej seinerseits hatte gehofft, auf dem Rückweg noch einmal allein mit Flock reden und möglicherweise mehr über die Ereignisse der vergangenen Nacht erfahren zu können. Aber er sprach nichts von alledem aus, sondern kletterte zu Abu Dun auf den Kutschbock. »Wenn du schon so sehr um mein Wohl besorgt bist«, sagte er, »dann wird es dir sicherlich nichts ausmachen, unseren Gast aus dem Zelt zu tragen. Immerhin hatte ich ihn das ganze Stück vom Wald bis ins Lager am Hals. Jetzt bist du an der Reihe. Das ist nur gerecht.«
Abu Dun starrte ihn einen Moment lang verblüfft an, dann zog er eine Grimasse, sprang wortlos vom Wagen und verschwand mit weit ausgreifenden Schritten in dem Zelt, in dem der junge Geistliche lag. In der gleichen Sekunde wurde Andrej klar, dass er abermals einen Fehler begangen hatte. Der Nubier war nicht unbedingt für seine Rücksicht bekannt, und in der Stimmung, in der er sich augenblicklich befand, war es gut möglich, dass er seinen Zorn an Flock ausließ und ihn unsanfter auf den Wagen beförderte als nötig.
Seine Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Vielleicht hatte Abu Dun seinen kühlen Verstand zurückerlangt, den Andrej in den letzten Tagen zu oft bei ihm vermisst hatte; vielleicht verbot es ihm aber auch der Stolz, seine Wut an einem Hilflosen auszulassen: Überaus vorsichtig trug der Araber den Geistlichen aus dem Zelt, bettete ihn auf die Ladefläche des Wagens und deckte ihn sogar zu, damit die erbarmungslose Sonne seine geschundene Haut nicht auch noch verbrannte. Andrej ergriff die Zügel und ließ den Wagen anrollen, sodass Abu Dun gezwungen war, einen kurzen Spurt einzulegen, um dann mit einer alles andere als eleganten Bewegung zu ihm auf den Bock zu springen - was Andrej einen wütenden Blick des Nubiers einbrachte. Und damit war es dann auch gut mit den kleinen Schikanen. In eisigem Schweigen legten sie den Weg in die Stadt zurück. Und auch Andrejs Enttäuschung, nun doch nicht mehr mit Flock reden zu können, erwies sich im Nachhinein als grundlos. Der junge Prediger verlor zwar nicht das Bewusstsein, versank aber in einen Dämmerzustand, in dem er bisweilen den Kopf hin und her warf und unverständliche Worte stammelte. Als die ersten Häuser der Stadt in Sichtweite kamen, brachte Andrej den Wagen zum Stehen, reichte die Zügel wortlos an Abu Dun weiter und stieg nach hinten auf die Ladefläche, um Flock sanft wachzurütteln.
Er brauchte eine Weile, um den Geistlichen aus seinem Fieberwahn zu reißen. »Wir sind fast da«, sagte er. »Wie geht es Euch?«
Flock blinzelte. Seine Augen waren trüb, und jetzt, wo das Blut von seinem Gesicht gewaschen und die schlimmsten Wunden versorgt waren, sah er fast noch schrecklicher aus. Und dieser Anblick ist nichts gegen den, den er morgen oder gar in zwei oder drei Tagen bieten wird, dachte Andrej schaudernd. Die kreuzförmigen Schnitte auf Flocks Wangen waren dick angeschwollen und begannen sich offensichtlich zu entzünden. Er fieberte stark, und als Andrej nach seinem Handgelenk griff, registrierte er erschrocken, wie schnell sein Puls ging.
Trotzdem schüttelte Flock auf seine Frage hin den Kopf und setzte sich mühsam auf. »Es geht«, sagte er. »Ihr und Euer Freund habt gut für mich gesorgt.«
»Glaubt Ihr, Ihr schafft den Rest des Weges allein?«, fragte Andrej. Bevor Flock antwortete, drehte er mühsam den Kopf und fuhr sich mit seiner dick bandagierten Linken über die Augen, als könne er nicht klar sehen. Schließlich nickte er, aber es wirkte nicht besonders überzeugend. Vielleicht war Abu Duns Idee, so einleuchtend sie im ersten Moment geklungen hatte, doch nicht so gut gewesen. Wenn sie den schwer verwundeten Geistlichen persönlich in die Stadt brachten, würden sie eine Menge unangenehmer Fragen beantworten müssen - bestenfalls. Aber es war auch keinen Deut besser, ihn allein auf den Kutschbock zu setzen, wenn die Pferde hernach erst am Ende der Stadt zum Stehen kamen, weil die Zügel in den Händen eines Toten lagen.
»Vielleicht sollten wir Euch doch bis in die Stadt begleiten«, sagte er.
Diesmal wirkte Flocks Kopfschütteln fast panisch, und es kam auch deutlich schneller. »Nein!«, sagte er. »Macht Euch keine Sorgen. Ich werde allen erklären, was passiert ist. Aber im Augenblick ist es besser, wenn Ihr nicht in meiner Nähe seid.«
So unwohl sich Andrej dabei fühlte, er musste zugeben, dass Flock Recht hatte. Während Abu Dun bereits vom Wagen sprang und nach hinten eilte, um ihre Pferde loszubinden, half er Flock, sich umständlich aufzurichten und noch umständlicher auf den Kutschbock zu klettern. Die Hände des Geistlichen waren so dick bandagiert und angeschwollen, dass er Mühe hatte, die Zügel zu halten, und Andrej kamen erneut Zweifel an ihrem Vorhaben. Aber Flock ließ die Pferde antraben, noch bevor Andrej eine entsprechende Bemerkung machen konnte. Langsam setzte sich der Wagen in Bewegung. Obwohl die Straße hier bereits gut gepflastert war, schwankte der Priester auf dem ungepolsterten Kutschbock heftig hin und her. Andrej trat einen Schritt zurück und blieb dann reglos am Straßenrand stehen, bis sich das Fuhrwerk den ersten Häusern näherte. Erst, als er ganz sicher war, daß Flock die Stadt aus einer Kraft erreichen würde, ging er zu Abu Dun zurück und schwang sich in den Sattel. Der Nubier wollte sein Pferd auf der Stelle wenden und losreiten, aber Andrej verharrte abermals auf der Stelle.
»Worauf wartest du?«, fragte Abu Dun. »Mach dir keine Sorgen um deinen neunen Freund. Seine Schäfchen werden sich schon um ihn kümmern.«
Andrej dachte nicht daran, auf Abu Duns spöttische Worte einzugehen. Er warte erneut einige Minuten bis das Fuhrwerk mit seinem in sich zusammengesunkenen Lenker zwischen den ersten Gebäuden verschwunden war, dann griff auch er nach den Zügeln, dirigierte sein Pferd aber nicht in die Gegenrichtung, sondern herunter von der Straße, nach Osten.
»Was hast du vor?«, wollte Abu Dun wissen.
Andrej hatte wenig Lust zu antworten, aber das wäre nur Öl aufs Feuer gewesen, und schließlich hatte er sich fest vorgenommen, dieses kindliche Hickhack zu beenden - oder die Sache zumindest nicht noch weiter anzufachen. »Ich reite noch mal zur Mühle«, sagte er. »Ich will wissen, was da passiert ist.«
»Welche Mühle?«
»Lass den Unsinn, Sklavenhändler«, sagte Andrej entnervt. »Und erzähl mir nicht, du hättest nicht gelauscht. Das wäre das erste Mal seit wir zusammen reiten.«
»Nicht das allererste Mal«, widersprach Abu Dun. Aber plötzlich lachte er. »Außerdem war es nicht nötig zu lauschen. Dein Christenfreund hat laut genug gesprochen. Ich hätte mir schon die Ohren verstopfen müssen, um ihn nicht zu verstehen.«
»Dann wirst du auch verstehen, warum ich dorthin will.«
»Vielleicht fiele es mir leichter, wenn ich wüsste, was gestern Abend wirklich passiert ist«, antwortete Abu Dun.
»Nichts«, sagte Andrej zum tausendsten Male. »Elena und ich haben geredet, das ist alles.«
»Ihre Brüder schienen da anderer Meinung zu sein.«
Andrej zuckte mit den Schultern und ließ sein Pferd weitertraben. »Dann haben sich ihre Brüder eben getäuscht«, sagte er. »Und jetzt komm. Beeilen wir uns lieber. Es ist ein ziemlicher Umweg, wenn wir an der Mühle vorbei reiten, und wie ich unseren Gastgeber kenne, fällt unser Abendessen aus, wenn wir nicht pünktlich zur Vorstellung kommen und unseren Auftritt verpassen ... Ganz davon abgesehen, dass Basons empfindliche Künstlerseele nicht wieder gut zu machenden Schaden erleiden könnte.«