Er bedeutete Abu Dun, vorsichtig loszugehen, und der Nubier machte einen ersten, zögernden Schritt in Richtung der offen stehenden Klappe, hinter der die Treppe nach unten führte.
Wider Erwarten versuchten die Tiere immer noch nicht, näher zu kommen, sondern sie schienen sogar instinktiv vor Abu Dun zurückweichen zu wollen, nur konnten sie dies nicht, weil es dafür einfach keinen Platz mehr gab.
Abu Dun machte einen zweiten Schritt und blieb wieder stehen. Er war jetzt nur noch ein winziges Stück von der Treppe entfernt, aber zwischen ihm und der ersten Stufe wuselten gut zwei Dutzend Ratten umeinander. Der Nubier zögerte, nahm dann aber allen Mut zusammen und machte einen weiteren Schritt. Dabei hob er den Fuß nicht an, sondern schleifte ihn über den Boden und versuchte so, die Ratten behutsam mit der Stiefelspitze zur Seite zu schieben. Einige der Tiere protestierten quiekend, andere versuchten gar, nach seinem Fuß zu schnappen, aber es war kein Angriff, sondern lediglich ein Reflex auf die Berührung.
Und dann, langsam, widerwillig, aber doch stetig, teilte sich die quirlige, braun-graue Masse, und Abu Dun atmete erleichtert auf. Mit dem nächsten Schritt stand er auf der obersten Treppenstufe, dann auf der nächsten, und die Ratten griffen noch immer nicht an.
»Komm!«, raunte der Nubier.
Die Aufforderung wäre nicht nötig gewesen. Andrej folgte ihm in zwei Schritten Abstand und ebenso vorsichtig. Er konnte kaum noch atmen. Der Rattengestank war übermächtig, und er spürte die Mischung aus Verwirrung, Angst und uralter unstillbarer Gier, die die Armee der geistlosen kleinen Räuber ausstrahlte wie ein schleichendes Gift, das sich in seine Seele fraß und seine Gedanken verpestete. Und da war noch etwas. Etwas, das ebenso böse und ebenso unstillbar war, aber das nicht hierher gehörte.
Trotzdem erreichte er die Treppe so unbehelligt wie Abu Dun vor ihm. Der Nubier hatte mittlerweile gut die Hälfte der Stufen hinter sich gebracht, blieb dann jedoch plötzlich stehen und richtete sich erschrocken auf, soweit die niedrige Decke über ihm dies zuließ.
Auch der Raum im Erdgeschoss war voller Ratten. Die schmutzig-graue Schicht aus festgetretenem Mehl war unter einem zweiten, lebenden Boden verschwunden. Doch sie bedeckten nicht nur den Boden, sondern wuselten über die Möbel, Fenstersimse und Deckenbalken und krochen hier und da in ihrer Not sogar an den nackten Wänden empor, bevor sie den Halt verloren und wieder in die brodelnde Masse aus grau-braunen Körpern zurückstürzten. Kurzum: Der Weg zur Tür war ihnen versperrt.
Abu Dun warf Andrej einen, fragenden Blick zu, den dieser ebenso stumm beantwortete. Sie hatten keine Wahl - sie mussten da durch. Vielleicht wiederholt sich das Wunder ja, dachte Andrej, und die Tiere lassen uns auch jetzt unbehelligt passieren ...
Das Wunder wiederholte sich nicht.
Zwar wichen auch hier die Tiere zunächst vor ihnen zurück und versuchten, eine Gasse zu bilden, aber ihre Zahl war einfach zu groß.
Andrej, der Abu Dun in vier oder Stufen Abstand folgte, bot sich ein schauderhafter Anblick, als der Nubier fast bis in Wadenhöhe in der wirbelnden, braun-grauen Masse verschwand, in der er sich quälend langsam auf die Tür zu bewegte. Mehrere Ratten versuchten, an seinem Gewand empor zuklettern. Etliche gaben es wieder auf oder verloren den Halt und fielen herunter, doch eines der Tiere schaffte es bis auf seine Schulter und blieb dort hocken - aufgeregt schnüffelnd und aus kleinen, tückischen Augen gierig in Abu Duns Antlitz starrend. Erstaunlicherweise widerstand Abu Dun dem nur zu menschlichen Impuls, das Tier abzuschütteln, aber Andrej konnte sehen, wie sich seine Haltung noch mehr verspannte. Der Nubier litt Todesangst.
Und auch ihm selbst erging es nicht anders, als er das Ende der Treppe erreichte. Wie Abu Dun versuchte er - unendlich langsam, um die Tiere nicht durch eine überhastete Bewegung zum Angriff zu provozieren - in Richtung Tür zu schlurfen, und wie dem Nubier vor ihm gelang es ihm, einen Teil des Weges zurückzulegen. Auch an seinen Beinen kletterten Ratten empor, gruben sich Krallen in seine Hosenbeine und sein Hemd, berührten bebende Barthaare seine Haut...
Ein Gefühl unbeschreiblichen Ekels ergriff von ihm Besitz, und es fiel ihm immer schwerer, den Impuls zu unterdrücken, sich einfach mit dem Schwert den Weg zur Tür freizuhacken. Abu Dun vor ihm zitterte mittlerweile am ganzen Leib und hatte den Krummsäbel so fest mit beiden Händen ergriffen, dass Andrej hören konnte, wie das Leder, mit dem der Griff der Waffe umwickelt war, knirschte.
Aber es war nicht der Muselman, der die Katastrophe auslöste.
Die meisten Ratten, die an Andrej hochgeklettert waren, hatten längst das Interesse an ihm verloren und waren wieder zu Boden gefallen oder gesprungen. Nur eines der Tiere blieb auf seinem Unterarm sitzen und schnüffelte neugierig an seiner Hand. Dann biss es zu.
Es tat nicht einmal besonders weh. Die winzigen scharfen Zähnchen ritzten seine Haut kaum, und aus der nicht einmal Fingernagel breiten Wunde quoll nur ein einziger, glitzernder Blutstropfen.
Doch dann versagten seine Nerven. Andrej schrie markerschütternd auf, warf sich zurück und schlug mit der linken Hand nach dem Nager. Plötzlich war er erfüllt von Angst, die stärker war als jede Vernunft oder Beherrschung. Seine Faust traf die Ratte und zerschmetterte ihr Rückgrat, sodass sie mit einem jämmerlichen Quieken davon flog und irgendwo in der wirbelnden Masse ihrer Artgenossen verschwand. Bestürzt sah Andrej mit an, wie die Tiere sogleich über den verletzten Bruder herfielen und ihn bei lebendigem Leibe zu zerreißen begannen.
Und dann, als ihm klar wurde, was er getan hatte, wich seine Bestürzung dem blanken Entsetzen.
Die Zeit schien stehen zu bleiben. Andrej taumelte zurück, während Abu Dun mit einem entsetzten Keuchen herumfuhr und dann noch einmal aufstöhnte, als er sah, was geschehen war, aber ihre Bewegungen schienen hundertfach langsamer abzulaufen als sie sollten. Es war, als hätte ein böser Zauber die Zeit gedehnt - vielleicht war es aber auch nur, weil Andrejs Gedanken rasten. Er wusste weder, warum er das getan hatte, noch, was sie jetzt tun sollten. Und für einen unendlich kurzen und doch zugleich scheinbar endlosen Moment klammerte er sich noch an die widersinnige Hoffnung, dass nichts geschehen würde, dass der Blutdurst der Ratten vielleicht bereits gestillt war.
Aber diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Ein dünner, aber tief gehender Schmerz schoss durch seinen linken Fußknöchel, und dann spürte er zahllose, harte Krallen, die sich durch den Stoff seiner Hose in seine Haut bohrten, an seinen Waden und Schienbeinen hochzuklettern begannen und an seinen Kleidern zerrten, spürte rasiermesserscharfe Zähne, die sich in seine Haut und das Fleisch darunter vergruben ... Und dann nahm er aus den Augenwinkeln eine Bewegung, so etwas wie eine träge Welle wahr, die sich in der schier ungeheuerlichen Masse auf sie zubewegte. In einer Mischung aus Panik und blinder Wut schüttelte Andrej die Tiere, die an ihm hochzuklettern versuchten, ab, trat um sich und verschaffte sich auf diese Weise tatsächlich eine Sekunde Luft; eine zweite, indem er sein Schwert schwang und die Klinge wie eine Sense durch die brodelnde, braun-graue Masse vor sich pfeifen ließ und dabei Glieder abtrennte, Rückgrate zerschlug, ganze Körper zerteilte und Dutzende grausamer Wunden hinterließ.
Durchdringender Blutgestank erfüllte den Raum, und plötzlich begannen die Ratten zu quieken - schrill, zornig, ängstlich, wie aus einem einzigen, gewaltigen Maul.
Andrej sah, dass auch Abu Dun seinen Säbel schwang und wie besessen um sich schlug, und er hörte, dass der Freund ihm irgendetwas zuschrie, konnte die Worte aber nicht verstehen, denn das Pfeifen und Quieken wurde immer lauter. Zugleich nahm die wellenförmige Bewegung in der Masse aus pelzigen Körpern zu, als türme sich hinter ihnen eine Flutwelle auf - eine Flutwelle aus Fell, Zähnen und Krallen, die sie zu überrollen und verschlingen drohte.
Längst blutete er aus einem Dutzend tiefer Wunden, und seine Hosenbeine hingen in Fetzen. Das Blut, das er roch, war schon längst nicht mehr nur das der Ratten, und immer mehr Tiere versuchten, an ihm hochzuklettern oder sprangen ihm auf Brust, Schultern und Rücken. Wie durch ein Wunder gelang es Andrej noch einmal, sich der tobenden Nager zu entledigen und sich mit einem gewaltigen Hieb ein wenig Raum zu verschaffen - wobei es weniger die Verheerung war, die sein Schwert anrichtete, als vielmehr die Tatsache, dass die Ratten wie besessen über ihre eigenen verwundeten Brüder und Schwestern herfielen, um sie bei lebendigem Leib aufzufressen.