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Aber all das würde sie nicht retten. So deutlich, wie Andrej spürte, dass der Vampyr in ihm zu erwachen begann und die uralte Gier aus ihrem Gefängnis am Grunde seiner Seele ausbrach, so deutlich spürte er den animalischen Blutdurst, den er geweckt hatte, und der nun von all diesen ungezählten Ratten Besitz zu ergreifen begann. Nein, sie würden sich nicht damit zufrieden geben, ihre verwundeten Artgenossen aufzufressen, solange reichere Beute in der Nähe war ... Keuchend fuhr er herum, schlug eine Ratte beiseite, die sich in seinem Hals verbissen hatte und deren Zähne nach dem warmen Blut gruben, das sie unter seiner Haut witterte, schwang seine Klinge erneut und taumelte auf Abu Dun zu. Der Nubier stand wie durch ein Wunder noch immer aufrecht neben ihm, hackte, schlug und stieß mit dem Krummsäbel um sich und versuchte mit der anderen Hand, die Ratten abzuwehren, die in immer größerer Zahl und immer wütender an ihm empor zuklettern trachteten. Hände und Gesicht waren blutüberströmt, und auch der schwarze Mantel hing in Fetzen. Aus den Augenwinkeln sah Andrej, wie sich plötzlich auch die Treppe mit hastenden, struppigen kleinen Körpern füllte, als sich eine braun-graue Welle durch die Klappe in der Zimmerdecke zu ergießen begann.

»Abu Dun!«, schrie er. »Zu mir!«

Er war nicht sicher, dass der Nubier ihn verstand, ja, er war nicht einmal sicher, ob er die Worte überhaupt gerufen hatte. Dann aber trat der Nubier mit einem taumelnden Schritt hinter ihn, stellte sich Rücken an Rücken zu ihm, eine Position, in der sie unzählige Male gekämpft und überlebt hatten, und schwang mit wütenden Schreien den Krummsäbel nach der heranwogenden pelzigen Flut, doch selbst auf diese Weise würden sie diesen Wahnsinn nur noch wenige Augenblicke überleben.

Es gab nur noch eines, was er tun konnte. Andrej ließ das Schwert sinken, schloss die Augen und entfesselte die Bestie in sich.

Nie zuvor war es ihm so leicht gefallen, der tobenden Gier seiner dunklen Seite nachzugeben. Und nie zuvor war er so wenig sicher gewesen, ob er sie noch einmal bezwingen konnte, wenn es vorbei war.

Mit einem lautlosen Kreischen vor Wut und unstillbarer Gier brach sich das Ding in ihm schließlich Bahn, griff nach der Lebenskraft einer Ratte, die sich in Andrejs Gesicht verbissen hatte, und verschlang sie. Das Tier erstarrte mitten in der Bewegung und fiel von seiner Schulter wie von einem unsichtbaren Blitz getroffen. Es war nun nicht mehr als ein weicher, blutloser Klumpen, der den gierig schnappenden Klauen und Zähnen seiner Artgenossen entgegenstürzte, einen Sekundenbruchteil später gefolgt von einer zweiten, dann dritten, vierten, fünften - nur einen Moment, nachdem Andrej die Augen geschlossen und sofort wieder geöffnet hatte, waren sämtliche Ratten, die sich an ihm festgeklammert und - gebissen hatten, tot. Und nur einen halben Atemzug später auch jene, die an Abu Dun hingen, auf seinen Schultern hockten und an seinem Turban oder seinem Gesicht zerrten.

Und das war erst der Anfang.

Andrej war nicht immer ganz sicher gewesen, ob es ihm gelingen würde, die Seelen von Geschöpfen auszusaugen, die möglicherweise keine hatten. Er hatte bereits die Lebenskraft von Tieren genommen, eines Wolfes, der halb wahnsinnig vor Hunger über Abu Dun und ihn hergefallen war, eines Bären, in dessen Höhle sie leichtsinniger Weise zu übernachten versucht hatten - aber noch niemals die Essenz so niedriger Wesen, Geschöpfe, die nicht zu bewusstem Denken und Handeln, sondern nur zu instinktivem Töten und Vernichten im Stande waren. Doch er konnte es. Noch bevor die letzte Ratte zu Boden fiel, begannen die ersten Tiere zu seinen und Abu Duns Füßen zusammenzubrechen, dann immer mehr und mehr und mehr. Wie Kreise eines ins Wasser geworfenen Steins brach sich der Tod durch die grauen Nager, lautlos und rasend schnell. Nur einen Moment später standen sie bereits im Zentrum eines perfekten Kreises aus Rattenkadavern, der bereits das halbe Zimmer einnahm, und sich mit unheimlicher Lautlosigkeit weiter ausdehnte. Noch während Abu Dun mit einem unendlich erleichterten Seufzer sein Schwert fallen ließ und im nächsten Moment auf die Knie sank, erreichte er die Tür und auch die gegenüberliegende Seite des Zimmers, begann nach oben zu suchen und dort die Ratten auszulöschen, die auf die Möbel und Fenstersimse hinaufgesprungen waren, dann die Treppe, raste die Stufen hinauf, und obwohl sie weder etwas sahen noch hörten, spürte Andrej, dass das Töten auch dort oben seinen Fortgang nahm.

Alles in allem verging nicht einmal eine Minute, bis es in der gesamten Mühle kein Leben mehr gab. Andrej ließ sein Schwert fallen, brach in die Knie, und begann mit einem gequälten Stöhnen zur Seite zu kippen. Er wäre mit dem Gesicht voran in der Masse der toten Ratten gelandet, hätte Abu Dun sich nicht hastig herumgedreht und ihn aufgefangen. Der Nubier sagte irgendetwas. Seine Stimme zitterte und war voller Panik, aber Andrej verstand ihn nicht. Alles drehte sich um ihn. In seinen Ohren war ein dumpfes, an- und abschwellendes Dröhnen, nichts anderes als das Geräusch seines eigenen, rasenden Herzschlages, und er spürte noch immer das Nagen dieser grässlichen, roten Gier. Einen Hunger, der durch all das Blut und all das unreine Leben, das er gerade in sich aufgenommen hatte, nicht gestillt, sondern nur noch weiter angefacht worden zu sein schien. Etwas griff nach seinen Gedanken und begann sie zu verwirren. Plötzlich war es ihm unmöglich, den Worten, die Abu Dun von sich gab, irgendeinen Sinn abzugewinnen, wirklich zu begreifen, wer es war, der da hinter ihm stand und ihn festhielt und zugleich mit immer schriller werdender Stimme auf ihn einschrie und ihn an den Schultern rüttelte. Er hatte nicht nur das Leben der Ratten genommen, nicht nur ihre Lebenskraft der seinen hinzu gefügt, sondern auch etwas von dem, was das Wesen dieser Geschöpfe ausmachte. Plötzlich war sein Bewusstsein erfüllt von dunklen Instinkten, der Gier nach warmem Fleisch und salzigem Blut, nach Fortpflanzung und einem dunklen Ort, an dem er sich verbergen konnte, nach sinnloser Zerstörung und rasender Gewalt.

Mehr. Die Bestie in ihm hatte getrunken, aber ihr Durst war nicht gestillt. Sie verlangte nach mehr, unendlich viel mehr. Aber da war nichts. In einem einzigen Akt der Raserei hatte er jedes Leben in dieser Mühle ausgelöscht, eine brodelnde weiße Sonne, die die ruhig flackernde Kerze seiner eigenen Lebenskraft um ein Hundertfaches überstrahlte und zu verzehren drohte, aber die Gier war nicht gelöscht. Er brauchte mehr. Mehr Lebenskraft. Mehr Blut. Aber da war nichts mehr. Das einzige Leben, das es noch in dieser Mühle gab, war sein eigenes.

Und das Abu Duns.

Mit einem Ruck richtete er sich auf, fuhr in der gleichen Bewegung herum und schlug Abu Duns Arm zur Seite. Er sah, wie sich das Gesicht des Nubiers vor Überraschung und Schrecken verzerrte, aber auch das war nur ein Bild, ein Anblick ohne Bedeutung. Beute.

»Andrej! Was tust du?«

Auch Abu Duns Worte ergaben keinen Sinn mehr. Geräusche, Laute, die etwas Lebendes von sich gaben. Leben bedeutete Beute. Fressen bedeutete Überleben.

Andrej stöhnte hörbar. Irgendwo tief in ihm, unendlich schwach und hilflos, war noch ein winziger Rest seiner Menschlichkeit geblieben, ein Funke, der gegen den lodernden Weltenbrand der fremden Lebenskraft anzukämpfen versuchte, und dieser Funke klammerte sich verzweifelt fest, kämpfte mit übermenschlicher Gewalt und Willenskraft darum, der Gier nicht nachzugeben, dieses warme, pulsierende Leben da vor ihm nicht zu nehmen. Aber er war zu schwach. Der Vampyr triumphierte, erlebte den Moment, auf den er all die Jahre unendlich geduldig gewartet und hingearbeitet hatte. Erfüllt von einem unendlichen Entsetzen und einem Grauen, das die Grenze körperlichen Schmerzes erreichte und überschritt, spürte Andrej, wie das Ding in ihm abermals hinausgriff und mit eisigen Spinnenfingern nach Abu Duns Seele tastete, einer Mahlzeit, die so unendlich viel köstlicher und zufriedenstellender war als die Ratten zuvor. Abu Duns Augen weiteten sich. Er öffnete den Mund, wie um zu schreien, aber kein Laut kam über seine Lippen. Er stand wie erstarrt da, dann füllten sich seine Augen mit einer unvorstellbaren Angst - und mit einem Gefühl der Verwirrung und Enttäuschung, das vielleicht noch größer war. Und das ihm vielleicht das Leben rettete. So wie Andrej. Er wäre der Bestie nicht mehr Herr geworden. Wenn er jemals stärker als sein uraltes Erbe gewesen war, dann hatte er diesen Vorteil aufgegeben, als er zuließ, dass sich das Ding in ihm an einer Beute weidete, die ebenso düster und grausam war wie er selbst. Es war nicht mehr sein Wille, nicht mehr sein Gewissen, nicht mehr sein logisches, menschliches Denken, das ihm die Kraft gab, den Vampyr zu besiegen. Es war das, was er in Abu Duns Augen las. Andrej schrie wie unter unerträglicher körperlicher Pein auf, warf sich zurück und schlug beide Hände vor das Gesicht. Die unsichtbare Kralle, die nach Abu Duns Seele gegriffen und sich ihrer schon fast bemächtigt hatte, erstarrte, und dann ertönte in seinem Kopf ein zweiter, noch viel lauterer zorniger Schrei, das Brüllen der Bestie, die sich um ihr Opfer betrogen sah und sich in ihrer Wut gegen ihn wandte.