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Mit einem Mal erinnerte er sich an das Unwohlsein, mit dem er aufgewacht war, den Kopfschmerz und das Gefühl von überstandenem Fieber und Albträumen, dieser völlig neuen und erschreckenden Erfahrungen, die dieser Morgen gebracht hatte. Er war niemals zuvor krank gewesen - er konnte nicht krank werden! -, aber er hatte diesen Dingen vielleicht nicht die Bedeutung zugemessen, die ihnen zustand. Was, wenn mit ihm wirklich etwas geschah? Was, wenn nicht nur die Bestie in ihm stärker wurde, sondern die andere, hellere Seite seiner Seele begann, ihre Kräfte einzubüßen? Andrej verscheuchte diesen Gedanken, versuchte trotzig, sich noch einmal aufzurichten und stellte überrascht fest, dass es ihm tatsächlich gelang - wenn auch erst beim dritten Versuch und mit zittrigen Bewegungen, die von Schmerzen und gelegentlichen Muskelkrämpfen begleitet wurden.

Nach etwa einer Minute hatte er es geschafft, sich auf die Füße zu kämpfen, machte einen taumelnden Schritt und hob dann sein Schwert auf. Die Klinge war blutig. Er wischte sie an seiner zerfetzten Hose ab, versuchte sie in seinen Gürtel zu schieben und musste die zweite Hand zu Hilfe nehmen, um diese einfache Aufgabe zu bewältigen. Dabei zitterte er so heftig, dass er sich an der rasiermesserscharfen Schneide des Damaszenerschwertes verletzte. Er blutete stark. Andrej hob die linke Hand, betrachtete seine Finger und wartete darauf, dass sich die feinen, aber bis zu den Knochen reichenden Schnitte schlossen. Sie taten es, aber sehr viel langsamer als sie sollten, und erst, als er sich bewusst auf diese Aufgabe konzentrierte und einen Gutteil seiner ohnehin kaum vorhandenen Kräfte darauf verwandte, Gefäße, Nerven und das verletzte Fleisch sich wieder zusammenfügen zu lassen. Ein eisiger Schauer lief ihm über den Rücken. Irgendetwas ging vor. Mit ihm.

Fast erschrocken verdrängte er den Gedanken, drehte sich mühsam herum und schlurfte durch die leblosen Rattenkörper zur Tür. Ihr Öffnen bereitete ihm ungeahnte Mühe, und das Sonnenlicht traf seine an das in der Mühle herrschende Halbdunkel gewöhnten Augen mit solcher Wucht, dass er im ersten Moment fast blind war.

Immerhin konnte er hören. Da waren Abu Duns Stimme und die von zwei anderen Männern, die er nicht kannte, und auch, wenn er die Worte nicht sofort verstand, so sprach ihr Ton doch Bände: Er lauschte keiner freundschaftlichen Unterhaltung.

Andrej blinzelte, fuhr sich mit der Hand über das Gesicht - es war blutüberströmt wie das Abu Duns, aber es war nur das Blut der Ratten, die er erschlagen hatte, nicht mehr sein eigenes -, und als er die Augen wieder öffnete, fügten sich die flackernden Schemen langsam zu Bildern zusammen.

Er hatte sich nicht getäuscht. Es waren nicht die unheimlichen Kinder, die er gehört hatte, sondern drei Männer zu Pferde, die sich der Mühle aus der gleichen Richtung genähert hatten wie Abu Dun und er. Zwei von ihnen waren abgestiegen, während der Dritte hoch oben im Sattel saß und sowohl Abu Dun als auch ihn misstrauisch beäugte. Andrej kannte weder ihn noch den zweiten Mann, mit dem der Nubier sprach, den dritten dafür kannte er umso besser. Es war Handmann.

Im gleichen Moment, in dem Andrej den Müller erkannte, erkannte Handmann ihn. Er unterbrach sein Gespräch mit Abu Dun, fuhr zornig herum und machte einige Schritte in Andrejs Richtung, blieb aber dann ebenso abrupt wieder stehen, als Abu Dun den Arm ausstreckte.

»Da ist ja einer von diesen verdammten Hexenmeistern!«, sagte er. Seine Augen flammten vor Hass. »Seid Ihr zurückgekommen, um Euch davon zu überzeugen, dass Eure Zauberei zum Erfolg geführt hat?«

Andrej konnte sehen, dass Abu Dun zu einer wütenden Antwort ansetzte, aber der Mann auf dem Pferd kam ihm zuvor. »Gib Acht, was du sagst, Handmann«, sagte er, in einem Tonfall, der Andrej sofort klar machte, dass dieser kein Freund des Müllers war. Wenn er allerdings den Blick, mit dem der Reiter ihn und Abu Dun maß, richtig deutete, war der Fremde aber ihr Freund auch nicht. »Voreilige Anschuldigungen haben schon großes Unheil angerichtet.«

Andrej atmete tief und langsam ein, bevor er weiterging. Seine Kräfte kehrten jetzt rasch zurück; zumindest seine körperlichen Kräfte, dennoch ging er langsamer, als notwendig gewesen wäre. Seine Knie schlotterten noch immer, und er hatte die rechte Hand hauptsächlich deshalb auf dem Schwertgriff liegen, damit niemand sah, wie stark sie zitterte. Die Genugtuung, wortwörtlich vor Handmann auf die Knie zu fallen, wollte er diesem Fanatiker ganz bestimmt nicht verschaffen.

»Was sucht Ihr hier?«, fragte Handmann zornig, als Andrej bei ihm angelangt war.

»Wenn wir einen verrückten Verleumder suchen würden, hätten wir ihn jetzt gefunden«, sagte Abu Dun lächelnd. Handmann funkelte ihn an, aber er sagte nichts, was möglicherweise daran liegen mochte, dass Abu Dun gerade einen Schritt vor ihm stand und ihn um gut zwei Köpfe überragte; und dass sein ohnehin nicht besonders Vertrauen erweckendes Gesicht im Moment eine Maske aus Verletzungen, Schorf und Blut - vor allem Blut - war.

Bevor Handmann antworten konnte, sagte der Reiter: »Du sprichst unsere Sprache gut, Muselmann. Verstehst du sie auch ebenso gut? Wenn ja, dann solltest du die Frage besser beantworten.«

»Wir wollten nachsehen, was hier geschehen ist«, sagte Andrej rasch.

»Nachsehen?«

Andrej machte eine Kopfbewegung zur Mühle, dann in die Richtung, aus der die Reiter gekommen waren. »Pater Flock ist heute Morgen in unser Lager gekommen. Er hat uns erzählt, was hier angeblich vorgefallen ist. Wir wollten uns mit eigenen Augen davon überzeugen.«

»Wovon?«, fragte Handmann aufgebracht. »Dass Eure Hexerei gewirkt hat? Wie Ihr seht, ist Euer Plan nicht ganz aufgegangen. Eure Ratten haben vielleicht all mein Korn aufgefressen, aber ich und meine Familie sind noch immer am Leben.«

Andrej maß ihn nur mit einem fast mitleidigen, zugleich aber auch verächtlichen Blick und wandte sich dann wieder an den Reiter. Er wusste nicht, wer der Mann war, aber er strahlte eine so spürbare Aura von Autorität und Ruhe aus, dass es sich mit Sicherheit um einen der Amtsträger der Stadt handelte. »Euer Pfarrer ist ein sehr vernünftiger Mann«, sagte er. »Er hat uns erzählt, was Handmann gesagt hat.« Er deutete in Richtung Mühle. »Offenbar scheint es wirklich die Wahrheit zu sein. Aber ich kann Euch versichern, dass weder Elena noch ich noch einer der anderen etwas damit zu tun haben.«

»Handmann behauptet, das Zigeunerweib hätte ihm gedroht, dass er und seine Familie von Ratten aufgefressen würden, wenn er Euch keine Ware verkauft.«

»Ganz so war es nicht«, erwiderte Andrej und gab dann wahrheitsgemäß und wörtlich den kurzen Disput zwischen Elena und Handmann wieder. »Ein Wort ergab das andere«, schloss er seinen Bericht. »Elena mag sich vielleicht nicht besonders klug verhalten haben, das will ich gern eingestehen, aber ich gebe Euch mein Wort, dass sie weder eine Hexe ist, noch irgendetwas mit Zauberei zu tun hat.«

»Das Wort eines Zigeuners!«, sagte Handmann verächtlich.

»Seid Ihr das?«, fragte der Berittene. »Ein Zigeuner?« Andrej schüttelte den Kopf. »Wir gehören nicht zu Elenas Familie«, sagte er. »Wir sind erst vor einigen Tagen zu ihnen gestoßen und werden bald wieder unserer Wege gehen.«

»Warum sollte ich Euch glauben, Andreas?«, fragte der Reiter.

Andrej konnte sich nicht erinnern, ihm seinen Namen genannt zu haben, weder seinen wirklichen, noch den angenommenen, unter dem er in diesem Teil der Welt reiste. Also hatte der Mann schon mit jemandem über ihn und vermutlich auch Abu Dun und die anderen gesprochen. »Vielleicht gerade, weil ich nicht zu ihnen gehöre«, sagte er. »Warum sollte ich für Leute lügen, die ich kaum kenne?«

»Glaub' ihm kein Wort!«, rief Handmann. »Gestern Nacht hat er ganz anders geredet! Er gehört zu ihnen! Er ist ein Hexer wie sie! Vielleicht der schlimmste überhaupt!«