Der grauhaarige Mann im Sattel wiegte nachdenklich den Kopf. »Vater Flock sagt etwas anderes über ihn«, sagte er. »Er hält ihn für vertrauenswürdig.«
»Ja, und jetzt ist er mehr tot als lebendig«, knurrte Handmann. Er deutete anklagend auf die Mühle. »Was haben sie dort gesucht, wenn nicht den Beweis dafür, dass ihr Plan aufgegangen ist?«
»Wie gesagt«, sagte Andrej. »Wir wollten uns mit eigenen Augen überzeugen, was geschehen ist. Zumindest, was die Ratten angeht, scheinst du ja die Wahrheit gesagt zu haben.« Handmann runzelte die Stirn, und auch auf dem Gesicht des Grauhaarigen erschien ein fragender Ausdruck. Der dritte Mann, der bisher schweigend neben Handmann gestanden und abwechselnd Abu Dun und Andrej angeblickt hatte, machte sich plötzlich mit schnellen Schritten in Richtung Mühle auf. Fast instinktiv wollte Andrej ihn zurückhalten, erkannte aber im letzten Moment, dass das keine kluge Idee gewesen wäre. Ganz egal, was sie sagten oder nicht, die Männer waren misstrauisch. Und von ihrem Standpunkt aus betrachtet, vermutlich sogar zu Recht.
»Ratten tun so etwas aber normalerweise nicht«, sagte der Berittene.
»Das stimmt«, sagte Andrej. Er machte eine unschlüssige Handbewegung. »Deswegen sind wir ja auch hier. Um ehrlich zu sein, haben wir die Geschichte nicht geglaubt. Aber wir konnten uns mit eigenen Augen davon überzeugen, dass der Müller die Wahrheit gesagt hat. Aber das hat nichts mit Zauberei zu tun. Ich vermute, die Tiere waren krank.«
»Krank?«, fragte Handmann. »Gestern Abend kamen sie mir höchstlebendig vor!«
»Ja, und jetzt sind sie höchsttot«, antwortete Andrej.
Handmann riss die Augen auf, und auch der Mann auf dem Pferd sah überrascht und ein wenig ungläubig drein.
»Sie sind alle tot«, sagte Andrej noch einmal. »Sie sind da drinnen im Haus. Wir haben sie gefunden.«
Der Grauhaarige musterte erst ihn, dann und deutlich länger Abu Dun, sein misshandeltes Gesicht, seine zerrissenen Kleider und all das Blut auf seinem Mantel und an seinen Händen. Dann sagte er: »Eurem Aussehen nach zu schließen, vielleicht nicht alle.«
»Das stimmt«, sagte Andrej. »Einige waren noch am leben. Wir haben sie erschlagen.« Er lachte leise. »Ich bin froh, dass es nicht mehr sehr viele waren. Sie haben mehr wie Wölfe gekämpft, als wie Ratten.«
Hinter ihm fiel die Tür der Mühle ins Schloss, und der dritte Mann kam zurück. »Er sagt die Wahrheit«, sagte er, an den Mann im Sattel gewandt. »Der ganze Raum ist voller toter Ratten. Es müssen Tausende sein.«
»Und woran sind sie gestorben?«
Der Mann hob die Schultern. »Etliche sind erschlagen worden, so wie es aussieht. Aber die meisten sind ... einfach tot.« Er wirkte ein bisschen hilflos, und auf seinem Gesicht war deutlich Furcht zu erkennen. »Vielleicht waren sie ja ... krank.«
»Krank?«, fragte Handmann.
»Das nehme ich auch an«, sagte Andrej, ohne dem gehässigen Ton in Handmanns Stimme auch nur die geringste Beachtung zu schenken. »Ich habe niemals gehört, dass sich Ratten so benehmen. Sie fressen normalerweise alles auf, was sie finden, das ist richtig, aber sie überfallen keine Mühlen, und sie vertreiben schon gar nicht deren Bewohner.«
Handmann sog scharf die Luft zwischen den Zähnen ein. »Was willst du damit andeuten?«
»Nicht, wenn sie gesund und nicht gerade halb wahnsinnig vor Hunger sind«, fuhr Andrej unbeirrt und noch immer an den Mann im Sattel gewandt, fort. »Die Tiere dort drinnen sehen gut genährt aus, und zumindest die, die Abu Dun und mich angegriffen haben, waren auch ziemlich kräftig.«
»Das ist doch Unsinn!«, sagte Handmann. »Du wirst diesem dahergelaufenen ... Zigeuner doch nicht etwa glauben, Schulz?!«
Der grauhaarige Mann im Sattel warf Handmann einen Blick zu, mit dem man vielleicht einen kläffenden Köter mustern mochte und dem man nur aus dem Grund keinen Tritt versetzte, weil man es sich mit seinem Besitzer nicht verderben wollte. Er deutete ein Achselzucken an und wandte sich wieder an Andrej. »Dennoch ist es eine sehr ... seltsame Geschichte. Dergleichen ist noch nie vorgekommen.«
»Ich habe so etwas auch noch nie erlebt«, antwortete Andrej. »Ich verstehe nicht viel davon, aber ich bin sicher, dass die Ratten krank waren. Vielleicht hatten sie die Tollwut oder irgendetwas Ähnliches. Aber was immer es war, es scheint seine Wirkung ziemlich schnell zu tun. Die allermeisten Tiere waren schon tot, als Abu Dun und ich eintrafen.«
»Vielleicht hatten sie ja zuviel von deinem guten Korn gefressen«, sagte Abu Dun mit einem höhnischen Grinsen in Handmanns Richtung. Der Müller wollte auffahren, aber Schulz brachte ihn mit einer herrischen Geste zum Verstummen.
»Wäre es anders gewesen, hättet Ihr diese Begegnung vermutlich auch nicht überlebt«, sagte er. »Ihr seht schlimm aus. Wir haben einen Arzt in der Stadt - Ihr solltet uns begleiten und Eure Wunden von ihm versorgen lassen. Mit Rattenbissen ist nicht zu spaßen.«
Andrej konnte musste sich zwingen, um nicht einen Schritt zurückzutreten und hastig den Blick zu senken. Falls Schulz oder einer der anderen zu genau hinsah, dann würde ihnen auffallen, dass seine Kleider zwar ebenso zerrissen und Gesicht und Arme ebenso mit Blut besudelt waren wie die Abu Duns, die Haut darunter jedoch nicht einen einzigen Kratzer aufwies. Doch offensichtlich hatte der Anblick des Nubiers Schulz und die beiden anderen vom Wahrheitsgehalt ihrer Behauptung überzeugt. »Wir haben jemandem im Lager, der sich um unsere Verletzungen kümmern kann«, sagte Andrej hastig. »Aber ich danke Euch für Euer Angebot. Wo wir schon einmal dabei sind: Wie geht es Vater Flock?«
»Das solltet Ihr doch am besten wissen«, sagte Handmann gehässig, noch bevor Schulz darauf antworten konnte.
»Seine Verletzungen sind nicht so schlimm, wie es im ersten Moment den Anschein hatte«, sagte Schulz. »Immerhin war er noch genug bei Kräften, um mich davon zu überzeugen, dass Ihr und Eure Zigeunerfreunde nichts mit dem heimtückischen Überfall auf ihn zu tun habt.«
»Wahrscheinlich haben sie ihn genau so verhext wie die Ratten, damit er das sagt«, geiferte Handmann.
»Das reicht!«, sagte Schulz in einem Ton, der keinen Zweifel daran ließ, dass seine Geduld nun endgültig erschöpft war. Andrej sah sich in seiner Einschätzung bestätigt, dass der Grauhaarige wohl nicht nur irgendein Bekannter des Müllers war, der ihn begleitet hatte, sondern ein einflussreicher und mächtiger Mann. An Andrej gewandt und in sachlicherem, aber keineswegs versöhnlichem Tonfall fuhr Schulz fort: »Dennoch werden wir den Vorfall natürlich untersuchen müssen. Bisher war dies eine Gegend, in der sich ein Mann auch unbewaffnet und allein sicher fühlen konnte und keine Angst haben musste, grundlos überfallen oder gar umgebracht zu werden. Ich nehme an, ihr bleibt noch ein paar Tage in der Nähe von Honsen?«
»Vielleicht eine Woche«, sagte Andrej. »Aber das habe ich nicht zu entscheiden. Das müsstet Ihr schon Laurus fragen.«
»Laurus ist Euer Anführer?«
»Der Anführer der Sinti, ja«, bestätigte Andrej.
Schulz lächelte flüchtig, aber kalt. »Dann werde ich das tun«, sagte er. »Ich nehme an, Ihr reitet jetzt in Euer Lager zurück. Dann richtet diesem Laurus aus, dass ich morgen Abend zu ihm kommen werde, um mit ihm zu reden.«
Andrej nickte nur.
»Und was diese Ratten angeht«, fuhr Schulz fort, »so glaubt Ihr also, sie wären krank gewesen?«
»Krank oder von Tobsucht und Raserei befallen, ja«, sagte Abu Dun.
Schulz wandte sich im Sattel um und sah mit besorgtem Gesicht zur Mühle hoch. »Wenn das wirklich stimmt, dann müssen wir den ganzen Wald durchsuchen, um sicher zu sein, dass keines der Tiere mehr am Leben ist. Wenn es wirklich eine Krankheit ist, so könnten sie andere damit anstecken. Vielleicht nicht nur Ratten.«
»Vielleicht wäre es das Beste, die Mühle niederzubrennen«, sagte Abu Dun.
Handmann schnappte keuchend nach Luft, und Andrej musste sich beherrschen, um ein Grinsen zu unterdrücken. »Ich werde darüber nachdenken«, sagte Schulz. »Nun geht. Und vergesst nicht, diesem Laurus auszurichten, dass ich ihm morgen einen Besuch abstatten werde.«