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Sie waren auf dem schnellsten Weg zurück ins Lager geritten, und zu Andrejs Erleichterung - aber auch Überraschung - hatte Abu Dun während der gesamten Strecke kaum ein Wort mit ihm gewechselt und vor allem das, was in der Mühle passiert war, mit keiner Silbe erwähnt. Nach allem, was sie bisher miteinander erlebt hatten, kam das Andrej so ungewöhnlich vor, dass er Abu Dun beinahe von sich aus darauf angesprochen hätte, aber dann kam er zu dem Schluss, dass der Nubier vermutlich all seine Kraft brauchte, um sich überhaupt noch im Sattel, und dies einigermaßen würdevoll, halten zu können. Auch wenn Abu Dun nicht den geringsten Schmerzenslaut hatte hören lassen und kein Wort der Klage über seine Lippen kam, so war Andrej doch klar, dass der Freund erhebliche Schmerzen leiden musste. Obwohl der grässliche Angriff nur wenige Augenblicke gedauert hatte, musste er Dutzende von Bissen und Kratzwunden davongetragen haben, und vermutlich hatten sich etliche bereits entzündet. Mit großer Sicherheit würde Abu Dun fiebern, noch bevor der Tag zu Ende war, und Andrej beneidete ihn nicht um die Nacht, die vor ihm lag. Basons neuer Hauptdarsteller würde gleich am Abend der Premiere ausfallen. Erst kurz bevor sie das Lager erreichten, sprach Andrej Abu Dun von sich aus auf den Zwischenfall in der Mühle an, und sie einigten sich im Großen und Ganzen auf die gleiche Version, die sie auch schon Schulz und den beiden anderen erzählt hatten.

Trotz Abu Duns Zustand machten sie einen kleinen Umweg, um einen Bogen um Honsen zu schlagen und sich dem Sinti-Lager aus der entgegen gesetzten Richtung zu nähern. Es begann bereits zu dunkeln, und im Schein der zahlreichen Feuer, die das Lager erhellten, konnte Andrej sehen, dass eine Menge Fremde gekommen waren - Männer, Frauen und Kinder aus Honsen, aber sicher auch etliche aus der nahe gelegenen Stadt, und niemand musste ihn und den Nubier sehen, wie sie blutüberströmt und vor Erschöpfung im Sattel wankend zurückkamen. Musik schlug ihnen entgegen, der Duft von gebratenem Fleisch und Gelächter, und auf der hell erleuchteten Bühne im Zentrum des Lagers war einer der Sinti dabei, mit einem halben Dutzend blitzender Messer gleichzeitig zu jonglieren. Zweifellos wartete der Großteil der Zuschauer, die er damit angezogen hatte, nur darauf, dass er daneben griff und sich eines der Messer in seinen Fuß, seine Hand oder besser gleich in seinen Hals bohrte, aber Andrej war diese Ablenkung nur Recht. Sorgsam den Schein der größten Feuer vermeidend, lenkte er ihre beiden Pferde zur Koppel, stieg ab und streckte die Hand aus, um auch Abu Dun beim Absteigen behilflich zu sein. Er hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass der Nubier seine Hilfe annahm, aber Abu Dun griff nicht nur dankbar nach seinem Arm, sondern stützte sich auch so schwer auf seine Schulter, dass Andrej unter seinem Gewicht ächzte und halbwegs in die Knie brach. Er erschrak, als er spürte, wie heiß und trocken sich Abu Duns Haut anfühlte, und wie schlecht sein Atem roch. Was, dachte er schaudernd, wenn die Geschichte, die sie sich ausgedacht hatten, gar keine Geschichte war, sondern vielleicht die Wahrheit? Möglicherweise waren diese Ratten ja doch krank gewesen, von der Tollwut oder einer ähnlich gefährlichen Pestilenz befallen, die sich nun auch in Abu Duns Körper grub und ihn von innen heraus verzehrte?

»Andreas! Abu Dun! Wo seid Ihr -« Der Rest des Satzes ging in einem erschrockenen Keuchen unter, dann trat Bason mit einem hastigen Schritt an Andrejs Seite und griff wortlos nach Abu Duns anderem Arm, um ihn sich um die Schulter zu legen. Der Nubier sackte endgültig in sich zusammen, und nicht nur Andrej, sondern auch Bason wankten, als plötzlich sein ganzes gewaltiges Gewicht auf ihren Schultern lastete.

»Was ist passiert?«, fragte Bason erschrocken.

»Später«, antwortete Andrej. »Jetzt müssen wir uns um Abu Dun kümmern.«

Er wollte sich nach links wenden, in Richtung des Zeltes, in dem sie schon am Mittag die Wunden des jungen Geistlichen versorgt hatten, aber Bason schüttelte rasch den Kopf und deutete in die entgegengesetzte Richtung. »Das sieht schlimm aus«, sagte er. »Elena wird sich um ihn kümmern.«

Elena? Andrej sah den jungen Sinti überrascht an. Er konnte sich Elena bei einer Menge verschiedener und unerwarteter Tätigkeiten vorstellen, aber kaum dabei, einen Verwundeten zu pflegen. Dennoch widersprach er natürlich nicht, sondern legte sich Abu Duns Arm unauffällig so um die Schulter, dass er den Großteil seines Gewichtes trug, und ging dann gehorsam neben Bason her in Richtung des großen Wagens, in dem Elena und Laurus wohnten. Unterwegs begegneten ihnen zwei weitere Sinti, denen Bason knapp und in einer Andrej unbekannten Sprache Befehle erteilte, woraufhin sie hastig wieder davon eilten. Er fragte nicht danach, und die Bedeutung von Basons Worten wurde ihm auch klar, als sie den Wagen erreichten. Sie waren noch nicht einmal ganz angelangt, da tauchten auch Elena und einen Herzschlag später Laurus aus verschiedenen Richtungen aus der Dunkelheit auf und kamen ihnen entgegen.

»Was ist passiert?«, fragte Laurus.

Elena verschwendete weniger Zeit. Sie maß Abu Duns Gesicht nur mit einem einzigen, knappen Blick, machte dann eine Kopfbewegung zum Wagen und sagte: »Bringt ihn hinein. Und ich brauche heißes Wasser und Verbandszeug.«

Sie gehorchten. Laurus stellte seine Frage ein zweites Mal, und auch jetzt, ohne eine Antwort zu bekommen, und die nächste halbe Stunde verbrachten Elena und er gemeinsam damit, Abu Duns Wunden zu reinigen und zu verbinden, nachdem sie ihn die kurze Leiter in den Wagen hinauf bugsiert und aus seinen zerrissenen Gewändern gewickelt hatten. Andrej musste seine Meinung über Elena revidieren; sie ging vielleicht nicht so besonders sanft mit ihrem Patienten um, aber was sie tat, zeugte von großer Sachkunde. Es war ganz eindeutig nicht das erste Mal, dass sie sich um einen Verwundeten kümmerte.

Als sie endlich fertig waren, wollte sich Andrej erschöpft zurücklehnen, aber Elena drehte sich mit einem befehlenden Kopfschütteln in seine Richtung und sagte: »Jetzt du!«

»Mir fehlt nichts«, sagte Andrej. »Vielleicht ein paar Stunden Schlaf, aber das ist auch alles.«

»Mach' dich nicht lächerlich«, antwortete Elena. »Oder gehörst du auch zu denjenigen, die Dummheit mit Tapferkeit verwechseln?«

»Mir ist wirklich nichts passiert«, versicherte Andrej. Da er in Elenas Augen las, dass sie ihm kein Wort glaubte, tauchte er die Hände in die Schale mit warmem Wasser, die neben Abu Duns Bett stand, wusch sich die Finger und benutzte anschließend einen der überzähligen Verbände, um sich auch das Gesicht sauber zu wischen.

Elena riss überrascht die Augen auf. »Du hast nicht einen Kratzer!«

»Ich hatte Glück«, antwortete Andrej. Leiser und mit einem stirnrunzelnden Blick in Abu Duns Richtung fügte er hinzu: »Jedenfalls mehr als er. Wird er es überleben?«

»Rattenbisse sind nicht ungefährlich«, erwiderte Elena. »Ich fürchte, er wird ein paar Tage Fieber haben, vielleicht sogar länger. Aber er ist stark.«

»Und du bist wirklich unverletzt?«, fragte Laurus. Er hatte die ganze Zeit schweigend dabeigestanden und ohne ein Wort oder irgendeine Frage zu stellen zugesehen, aber sein Gesichtsausdruck hatte sich mehr und mehr verfinstert. Vermutlich war es auch nicht besonders schwer gewesen, zu raten, was geschehen war; sie hatten zahlreiche abgebrochene Krallen und Fellbüschel aus Abu Duns Wunden entfernt, aus einer sogar einen abgebrochenen Rattenzahn, und als sie ihn ausgezogen hatten, war der abgerissene Hinterlauf eines der kleinen Ungeheuer aus den Fetzen seiner Kleidung gefallen.

»Ich hätte weniger Glück gehabt, wenn Abu Dun mich nicht beschützt hätte«, antwortete Andrej - eine erbärmliche Lüge, aber das Erste, was ihm einfiel, und darüber hinaus vermutlich das, was einer glaubhaften Ausrede noch am nächsten kam.