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»Was ist passiert?«, wollte Laurus wissen. »Wenn du nicht verletzt bist, dann wirst du ja wenigstens die Kraft haben, mir jetzt auf diese Frage zu antworten.«

Andrej schluckte die scharfe Antwort herunter, die ihm auf der Zunge lag. Stattdessen erzählte er Laurus die Geschichte, auf die Abu Dun und er sich geeinigt hatten. Laurus musste dazu nichts sagen, damit Andrej erkannte, dass er ihm kein Wort glaubte. Als er von ihrer Begegnung mit Handmann und den beiden anderen berichtete, umwölkte sich die Stirn des Sinti noch mehr.

»Wer war dieser ... Schulz?«

»Mehr als seinen Namen weiß ich auch nicht«, antwortete Andrej wahrheitsgemäß. »Aber ich hatte das Gefühl, dass er ein Mann von großem Einfluss ist.«

»Ja, das fürchte ich auch«, murmelte Laurus. »Das hätte nicht passieren dürfen. Ihr hättet nicht dorthin gehen sollen.«

»Wäre es dir lieber gewesen, dieser Narr hätte seine Geschichte überall in der Stadt herum erzählt?«, fragte Elena.

»Du weißt es selbst«, antwortete Laurus kühl. »Er ist ein Narr. Und nach dem, was Andreas erzählt, scheinen das auch alle zu wissen.« Er wandte sich wieder an Andrej. »Du meinst also, diese Ratten waren irgendwie krank?«

»Eine andere Erklärung für ein so sonderbares Verhalten fällt mir nicht ein«, antwortete Andrej. Für einen kurzen Moment tauchte der Anblick vierer, schlanker, kleinwüchsiger Gestalten vor seinem geistigen Auge auf, die reglos vor dem schwarz-grünen Hintergrund des Waldes standen und zu ihnen heraufblickten. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. »Wenn die meisten nicht schon tot gewesen wären, dann hätten wir keine Chance gehabt. Sie haben sich wie toll gebärdet und uns völlig grundlos angegriffen.«

»Dann hat dieser Narr von Müller also sogar die Wahrheit gesagt«, murmelte Laurus besorgt. »Das ist nicht gut. Ich hoffe, dieser Schulz ist wirklich ein so vernünftiger Mann, wie du behauptest.«

»Du kannst dich selbst davon überzeugen«, sagte Andrej. »Ich soll dir ausrichten, dass er morgen Abend hierher kommt, um mit dir zu reden.«

»Was für eine Überraschung«, sagte Laurus halblaut. Er atmete hörbar ein. »Gut. Der Schaden ist einmal angerichtet, und nicht rückgängig zu machen. Versuchen wir, ihn so gering wie möglich zu halten. Dein Freund kann heute Nacht hier bleiben. Es ist besser, wenn Elena in seiner Nähe ist, um sich um ihn zu kümmern, falls sein Fieber steigen sollte. Und was dich angeht, Andreas, ich sage es dir nur einmaclass="underline" Wenn ihr bei uns bleiben wollt, dann tust du in Zukunft das, was ich dir sage, nicht weniger, aber auch nicht mehr.« Er drehte sich auf dem Absatz herum und stürmte aus dem Wagen, noch bevor Andrej etwas darauf erwidern konnte.

Er war noch eine Weile geblieben, vorgeblich, um sich davon zu überzeugen, dass es Abu Dun den Umständen entsprechend gut ging und dass es nichts mehr gab, was er im Moment für ihn tun konnte. In Wahrheit aber blieb er wohl eher, weil ein Teil von ihm gehofft hatte, mit Elena zu sprechen und von ihr vielleicht zu erfahren, was an diesem Tag wirklich geschehen war. Elena bemühte sich jedoch nach Kräften, seine Anwesenheit zu ignorieren, und bevor die Situation noch peinlicher werden konnte, ging auch Andrej und kehrte in den heruntergekommenen Wagen zurück, den Laurus ihm zur Verfügung gestellt hatte.

Da die Sonne schon vor Stunden untergegangen war und seine Unterkunft nicht über einen Luxus wie eine Lampe verfügte, hatte sich barmherzige Dunkelheit über das schäbige Innere des Wagens gelegt. Selbst Andrejs scharfe Augen nahmen nur Umrisse und vage, verschwommene Schatten wahr, die aber ausreichten, dass er sich zum Bett vortasten und darauf ausstrecken konnte, ohne dass er sich die Mühe gemacht hätte, seine zerrissenen Kleider auszuziehen.

Natürlich fand er keinen Schlaf. Er war nach wie vor in Sorge um Abu Dun. Elena hatte Recht: Der Nubier war stark, aber er war letzten Endes nur ein Mensch aus Fleisch und Blut, dessen Kräfte begrenzt waren, und der verwundet und getötet werden konnte wie jeder andere auch. Und es war erst zwei Tage her, dass er schon einmal schwer verletzt worden war.

Und dazu kam das, was er, Andrej, ihm angetan hatte.

Andrej schauderte, als ihm wieder und diesmal mit voller Wucht zu Bewusstsein kam, was er um ein Haar getan hätte. Er lauschte in sich hinein, tastete vorsichtig nach der Bestie, die irgendwo tief in ihm verborgen lauerte. Er fand, keine Spur von ihr, aber er wusste, dass sie noch da war, geduldig wie eine Spinne in ihrem unsichtbaren Netz auf den Moment lauernd, in dem sie über ihn herfallen und vielleicht endgültig die Macht über sein Denken und Handeln erringen konnte. Noch vor wenigen Stunden war Andrej sicher gewesen, dass dies niemals geschehen würde, aber die Geschehnisse in der Mühle hatten ihn eines Besseren belehrt. Der Vampyr war da, längst begriffen hatte, dass es die einzig mögliche Alternative war.

Er verscheuchte auch diesen Gedanken - der im Grunde nichts anderes war als die Fortsetzung des ersten, nur, dass er sich jetzt durch die Hintertür hatte einzuschleichen versucht - richtete sich wieder auf und blieb eine Weile nach vorne gebeugt und mit hängen Schultern auf der Bettkante sitzen. Er war müde und erschöpft, aber ihm war auch klar, dass er keinen Schlaf finden würde - und, dass er im Grunde Angst davor hatte, einzuschlafen. Zugleich aber war ihm auch der Gedanke, jetzt wieder hinauszugehen und sich wieder unter all diese lachenden, fröhlichen Menschen zu mischen und so zu tun, als wäre nichts geschehen, zutiefst zuwider. Irgendwie wäre es ihm wie Verrat an Abu Dun vorgekommen.

Nun, ganz plötzlich, wusste er, was er zu tun hatte. Es gab nur einen Menschen hier, der ihm sagen konnte, ob es einen Ausweg für ihn gab und ob das, was er Abu Dun um ein Haar angetan hätte, die Antworten wert war, derentwegen er hergekommen war.

Er stand auf, tastete im Halbdunkel nach den Satteltaschen, die er am Morgen aus dem Zelt geholt und achtlos in eine Ecke geworfen hatte, und suchte mit einiger Mühe sein zweites Paar Kleider heraus, das genau genommen jetzt sein einziges war, denn das, was die Ratten übrig gelassen hatten, waren im Grunde nicht mehr als Fetzen. Aus einem unerfindlichen Grund zögernd, schnallte er sein Schwert ab, lehnte es neben dem Bett an die Wand und verließ dann den Wagen.

Wie vorhin, als Abu Dun und er gekommen waren, nahm er einen Umweg in Kauf, um nicht mitten durch das Lager hindurchmarschieren zu müssen. Unweit der Pferdekoppel gab es einen schmalen, aber kristallklaren Bach, in dem er sich ausgiebig wusch, um das eingetrocknete Blut zu entfernen, aber auch, weil er sich noch immer auf eine schwer greifbare Art besudelt und beschmutzt fühlte, von etwas berührt, von dem kein lebendes Geschöpf auf dieser Welt berührt werden sollte.

Der Bach war nicht nur klar und reißend, sein Wasser war auch eiskalt, trotz der seit Wochen anhaltenden Hitzewelle. Als Andrej endlich das Gefühl hatte, sich zumindest den körperlichen Schmutz vom Leib gewaschen zu haben und nackt und frierend wieder aus dem Wasser trat, da zitterten seine Hände vor Kälte und sein Atem dampfte. Er blieb lange genug reglos in der Dunkelheit stehen, bis der warme Nachtwind seine Haut getrocknet hatte. Dann zog er seine sauberen Kleider an und durchsuchte noch einmal die Fetzen seiner alten Hose und des Hemdes, um sich davon zu überzeugen, dass nichts in den Taschen zurückgeblieben war. Er fand nichts, abgesehen von etwas, das er im ersten Moment für ein Fellbüschel hielt, das sich jedoch als abgerissenes Rattenohr entpuppte. Angewidert schleuderte er es in die Dunkelheit.

Die Fetzen seiner Kleidung schienen des Mitnehmens mehr wert, aber Andrej wollte auch nicht, dass sie irgendjemand fand und überflüssige Fragen stellte und sich vielleicht noch ein paar Gedanken machte. Seine Behauptung, wie durch ein Wunder ohne einen einzigen Kratzer davongekommen zu sein, während Abu Dun dem Tod näher war als dem Leben, war ohnehin dünn genug. Also nahm er die Kleider auf, rollte sie zu einem Ball zusammen und ging mit gesenktem Blick und möglichst beiläufig wieder zum Lager zurück, um das Bündel in eines der zahlreichen Feuer zu werfen, die weniger brannten, um die Dunkelheit zu vertreiben, als mehr, um die Stimmung unter den Gästen anzuheizen und dafür zu sorgen, dass sie Wein und Bier ausreichend zusprachen und ihre Geldbörsen entsprechend locker saßen. Zu seiner Erleichterung sprach ihn niemand an. Elena war vermutlich noch im Wagen und bei Abu Dun, von Laurus war keine Spur zu sehen, und Bason und Rason entdeckte er oben auf der Bühne, wo sie ihr Bestes taten, um sich zum Narren zu machen. Natürlich kannte ihn jeder hier im Lager, auch wenn er, abgesehen von den vier Vorgenannten, mit keinem der Sinti bisher mehr als ein paar belanglose Worte gewechselt hatte, aber die Zigeuner schienen ausnahmslos beschäftigt, und er baute darauf, dass er, noch dazu mit veränderter Kleidung, einfach in der Menge der Besucher untergehen würde, sodass ihm niemand einen zweiten Blick schenkte. Rasch, aber ohne sichtbare und verräterische Hast, zog er sich wieder aus dem Lichtkreis des Feuers zurück und ging zum anderen Ende des Lagers.