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Diesmal näherte er sich Ankas Wagen nicht direkt, sondern blieb im Schutze eines der anderen Karren stehen und tastete die nähere Umgebung sowohl mit seinen Blicken als auch mit seinen anderen Sinnen ab. Er hatte die schattenhafte Gestalt nicht vergessen, die am ersten Abend, als Abu Dun und er hier gewesen waren, in einer Ecke gestanden hatte und den Wagen beobachtete. Heute aber gab es eindeutig niemanden, der Ankas Wagen bewachte.

Hinter den unter der Last der Jahre schon halb auseinander gebrochenen Fensterläden brannte kein Licht, und auch als Andrej vorsichtig näher ging, hörte er nicht das mindeste Geräusch. Aber wozu brauchte eine blinde Frau Licht? Vermutlich schlief die Puuri Dan längst, und Andrej erinnerte sich jetzt auch an mehr als nur eine Bemerkung Basons, wonach die Hundertjährige dem Wein offensichtlich mehr zugetan war, als man bei einer Frau ihres Alters erwarten mochte. Er zögerte, als er die drei Stufen zur Treppe hinaufstieg, schob dann aber die letzten Bedenken beiseite und öffnete die Tür.

Dahinter war es vollkommen dunkel. Andrej blieb einen Moment reglos stehen und lauschte auf Ankas Atemzüge oder irgendein anderes Lebenszeichen, aber die Stille war ebenso vollkommen wie die Dunkelheit, die ihn umgab. Vorsichtig, mit tastend vorgestreckten Händen, um nicht in der Dunkelheit gegen ein Hindernis zu stoßen oder ein verräterisches Geräusch zu verursachen, suchte er sich seinen Weg zur jenseitigen Wand des Raumes und der Tür, die er darin gesehen hatte, öffnete auch sie und blieb noch einmal stehen, um erneut und noch konzentrierter zu lauschen. Aber auch hier war niemand. Selbst wenn er die Anwesenheit der alten Frau nicht gespürt hätte, so hätte er doch wenigstens ihre Atemzüge hören müssen, in der vollkommenen Stille, die hier drinnen herrschte. Aber er hörte nichts, er fühlte nichts. Anka war nicht da.

Irritiert blieb Andrej noch eine Weile genau da stehen, wo er sich befand, und versuchte, diese Entdeckung richtig zu bewerten. Dass die alte Frau ihren Wagen verlassen hatte, war an sich nichts Ungewöhnliches, wohl aber, dass sie es zu dieser Zeit tat. Und noch dazu an einem Abend wie heute, an dem es im Lager von Fremden nur so wimmelte. Auch jemand, der nicht über Andrejs besondere Sinne verfügte, konnte unmöglich übersehen, dass es sich bei der Puuri Dan vermutlich um den ältesten Menschen handelte, der jemals gelebt hatte - und wenn Laurus im Moment an einem gelegen sein musste, dann daran, kein Aufsehen zu erregen und vor allem keinen Anlass zu neugierigen Fragen zu geben. Ein weiterer Mosaikstein in dem Bild, das Andrej allmählich sah, ohne dass es indes bisher irgendeinen Sinn zu ergeben schien.

Andrej blieb eine geraume Weile unter der geöffneten Tür stehen und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Schließlich aber verließ er den Wagen wieder und sah sich draußen unschlüssig um. Gegen Laurus' ausgesprochenen Willen hierher zu kommen, um mit der Puuri Dan zu reden, war eine riskante Idee gewesen, denn spätestens Laurus' Auftritt von vorhin hatte ihm klar gemacht, dass der Sinti nur noch nach einem Vorwand suchte, um Abu Dun und ihn davonzujagen. Aber es widerstrebte ihm, so einfach aufzugeben, gerade weil er so viel riskiert hatte. Er überlegte einen Moment, sich an Bason oder seinen Bruder zu wenden, entschied sich aber dann dagegen und machte sich wieder auf den Weg zu Laurus' Wagen. Wenn Elena und Abu Dun allein waren, dann würde er diesmal darauf bestehen, von Elena gewisse Antworten zu bekommen, und sollte Laurus wieder zurückgekehrt sein, würde er einfach behaupten, er wäre noch einmal gekommen, um nach Abu Dun zu sehen.

Er musste diesmal keinen Umweg machen, um das Lager zu umgehen, denn der Wagen, den Laurus und Elena bewohnten, befand sich nur ein knappes Dutzend Schritte entfernt. Trotzdem ging Andrej nicht auf direktem Wege dorthin, sondern huschte lautlos von Schatten zu Schatten und nutzte die Deckung der anderen Wagen aus, um sich ungesehen zu nähern. Ihm war klar, welches Misstrauen dieses Benehmen wecken musste, sollte ihn jemand zufällig beobachten, aber er hatte dennoch das sichere Gefühl, dass es besser war, nicht gesehen zu werden.

Und dieses Gefühl sollte ihn nicht täuschen. Wie zuvor blieb er auch diesmal im Schlagschatten seines Wagens stehen, um den bunt bemalten, vierrädrigen Karren zu beobachten, bevor er sich ihm endgültig näherte. Auch vor seinen Fenstern waren die Läden vorgelegt, aber durch die dünnen Ritzen schimmerte gelbes Licht, und nachdem er einen kurzen Moment gelauscht hatte, vernahm er Stimmen. Sie waren zu leise, um sie eindeutig zu identifizieren, aber er glaubte, zumindest die Elenas zu erkennen, und dazu noch zwei, vielleicht sogar drei andere, die aufgeregt miteinander diskutierten, sich möglicherweise sogar stritten.

Andrej war unschlüssig, was er nun tun sollte. Sein Gespräch mit Laurus heute Mittag und die Blicke, die der Sinti vorhin Elena zugeworfen hatte, erzählten eine eigene und eindeutige Geschichte, und je länger er lauschte, desto sicherer war er, Zeuge eines heftiges Streites zu werden, auch wenn er die Worte immer noch nicht verstand. Die Vorstellung, dass Elena und Laurus miteinander stritten, machte ihn nervöser als sie sollte. Was immer zwischen diesen beiden vorging, ging ihn nichts an. Trotzdem hatte er das absurde Gefühl, Elena gegenüber in der Pflicht zu sein, sie immer und unter allen Umständen zu verteidigen, ganz egal, ob sie im Recht war oder nicht.

Er war gerade zu dem Entschluss gekommen, näher an den Wagen heranzugehen, um vielleicht besser verstehen zu können, was hinter der geschlossenen Tür gesprochen wurde, als er einen wütenden Schrei hörte und gleich darauf das typische Klatschen eines Schlages. Nur einen Augenblick später wurde die Tür aufgerissen, und Laurus stürmte heraus. Mit einem einzigen Satz überwand er die paar Stufen bis zum Boden und entfernte sich mit weit ausgreifenden, zornigen Schritten. Andrej sah ihm verwirrt und alarmiert zugleich nach, wandte sich dann aber wieder dem Wagen zu. Die Tür hatte sich hinter Laurus nicht geschlossen, und er sah flackerndes, gelbes Licht und Schatten, die sich hektisch zu bewegen schienen. Die Stimmen waren nun deutlicher, aber er konnte sie immer noch nicht verstehen, denn sie sprachen wieder in jenem fremden und zugleich doch so sonderbar vertraut erscheinenden Dialekt, den er schon ein paar Mal in diesem Lager gehört hatte und der vermutlich die Muttersprache dieser Sinti-Familie war. Dann erschien Elena unter der Tür. Obwohl er sie nur als schwarzen Umriss vor dem hell erleuchteten Hintergrund erkennen konnte, war nicht zu übersehen, wie aufgelöst und zornig sie war. Sie sprang nicht die Stufen hinab wie Laurus vor ihr, überwand sie aber genauso schnell, sodass es kaum einen Unterschied machte, und obwohl sie nach zwei Schritten bereits wieder stehen blieb und sich zum Wagen herumdrehte, machte es im ersten Moment trotzdem den Anschein, als ob sie hinter ihrem Mann herstürmen und ihn aufgebracht zur Rede stellen wollte. Er hatte sich nicht getäuscht. Er war Zeuge eines Streites geworden. Eines sehr heftigen Streites offensichtlich.