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Alles in Andrej schrie danach, aus seinem Versteck herauszutreten und Elena zu fragen, was passiert war und ob sie Hilfe benötigte. Stattdessen zog er sich jedoch ein winziges Stückchen tiefer in die Schatten zurück und beobachtete aufmerksam, was weiter geschah. Elena rief etwas zu jemandem, der sich noch im Wagen aufhalten musste, bekam eine Antwort in der gleichen, unverständlichen Sprache, und nur einen Herzschlag später erschien einer ihrer Brüder unter der Tür - ob Rason oder Bason, konnte Andrej bei dem schlechten Licht nicht sagen; die beiden waren ja schon im hellen Sonnenschein so gut wie nicht auseinander zu halten. Zusammen mit einer zweiten, deutlich kleineren und gebückt gehenden Gestalt, die sich so unsicher bewegte, dass er sie auf jeder Stufe stützen musste, verließ auch Elenas Bruder den Wagen, und dicht hinter ihm und seiner Begleitung tauchte ein dritter, fast identischer Umriss unter der Tür auf; der andere Zwilling.

Bei der Gestalt, die er und sein Bruder zwischen sich führten, handelte es sich um niemand anderes als Anka. Das Licht, das aus dem Wagen nach draußen fiel, war zu schwach, um ihr Gesicht zu erkennen, aber Andrej identifizierte eindeutig ihre schmale, gebückte Gestalt, das strähnige Haar, und er konnte sogar schwach ihre Ausdünstung wahrnehmen; jener typische Geruch, der nur wirklich alten Menschen anhaftet und die Lebenden daran erinnert, wie kurz die Spanne ist, die ihnen noch bleibt. Nun, wenigstens wusste er jetzt, warum die Puuri Dan nicht in ihrem Wagen gewesen war.

Elena und Anka wechselten noch einige Worte in jener Andrej unverständlichen Sprache: Elena sprach laut, erregt, fast aggressiv, Anka in einem vollkommen anderen, zugleich besänftigenden wie gebieterischen Tonfall. Schließlich machte Elena eine zornige Kopfbewegung, und ihre beiden Brüder nahmen die alte Zigeunerin in die Mitte und führten sie langsam in Richtung ihres Wagens davon. Elena blieb reglos und hoch aufgerichtet stehen und sah ihnen nach. Sie machte keine Anstalten, in den Wagen zurückzugehen oder sich vielleicht in die entgegengesetzte Richtung zu wenden, um Laurus zu folgen.

Andrej wartete, bis die Schritte in der Dunkelheit verklungen waren, dann trat er lautlos aus seinem Versteck hervor und ging auf Elena zu. Die Sinti blickte immer noch in die Richtung, in der ihre Brüder und die Puuri Dan verschwunden waren, und obwohl sich Andrej keine Mühe gab, leise zu sein, bemerkte sie ihn erst, als er gerade noch zwei Schritte von ihr entfernt war. Sie fuhr deutlich zusammen und prallte einen Schritt zurück, und für die winzige Zeitspanne, die sie für diese Bewegung brauchte, breitete sich ein Ausdruck von Erschrecken auf ihrem Gesicht aus, den Andrej nicht mehr verstand, und der fast an Entsetzen grenzte. Dann hatte sie sich wieder in der Gewalt.

»Andreas?«, murmelte sie mit gespielter Überraschung. »Was ... wie lange bist du schon hier?« Andrej machte noch einen weiteren Schritt auf sie zu und blieb dann abrupt wieder stehen. Er war jetzt nahe genug, um Elenas Gesicht deutlich erkennen zu können - zumindest nahe genug, um zu sehen, dass dessen linke Hälfte gerötet war und ihr Auge und der Wangenknochen darunter bereits anzuschwellen begannen.

»Lange genug«, sagte er. »Das war Laurus, habe ich Recht?« Elena machte eine erschrockene Bewegung, wie, um die Hand vor das Gesicht zu heben, führte sie aber nicht zu Ende, sondern ließ den Arm auf eine sonderbar schuldbewusste Art wieder sinken. »Wieso ... was?«

»Hör mit dem Theater auf«, sagte Andrej grob. »Ich bin weder blind noch taub. Hat er dich geschlagen, oder war es einer deiner Brüder?«

Die Art, in der er das Wort Brüder betonte, erschreckte ihn beinahe selbst.

»Und wenn?« Elena hatte ihre Selbstbeherrschung jetzt endgültig zurückgewonnen. Sie sah nicht mehr erschrocken oder verlegen aus. Ganz im Gegenteil blitzten ihre Augen zornig, und der einzige Ausdruck, den er jetzt noch auf ihren Zügen las, war eine Mischung aus Trotz und gespielter Herablassung. »Und wenn es so wäre? Würdest du ihm nacheilen und ihm die Kehle durchschneiden?«

»Nein«, antwortete Andrej ehrlich. »Aber vielleicht würde ich dafür sorgen, dass sie morgen früh wissen, wie du dich jetzt fühlst.«

Elena blinzelte. Im ersten Moment schien sie mit dieser Antwort nichts anfangen zu können, dann aber lachte sie ganz leise. »Das ist eine interessante Formulierung. Ich werde sie mir merken und bei Gelegenheit selbst benutzen - wenn du gestattest.«

»Das ist keine Antwort auf meine Frage«, sagte Andrej. »Wer war das?«

»Ich wüsste nicht, was dich das angeht, Andreas«, sagte Elena. Ihre Stimme klang spröde, aber das Flackern in ihren Augen strafte diesen Ausdruck Lügen. Ihre Sicherheit war nur aufgesetzt, und das nicht einmal besonders überzeugend. Andrej spürte, welches Chaos hinter ihrer Stirn tobte.

»Laurus«, sagte er.

Elena antwortete nicht, aber ihr Schweigen war auch schon Antwort genug.

»War es meine Schuld?«, fragte er.

Elena zögerte gerade lange genug, um ihrem Kopfschüttelnd endgültig die Glaubwürdigkeit zu nehmen. »Nein«, sagte sie.

»Du brauchst keine Rücksicht auf mich zu nehmen«, sagte er. »Und du musst auch keine Angst haben. Ich werde ihn nicht zur Rede stellen, oder sonst irgendetwas Dummes tun. Nicht, wenn du es nicht willst.«

»Warum sollte ich wollen, dass du etwas Dummes tust?«

»Erwarten Frauen das nicht immer von Männern?«

»Nein«, antwortete Elena. »Wir erwarten es keineswegs. Aber wir sind es gewohnt.«

Andrej starrte sie eine Sekunde lang verwirrt an, dann musste er gegen seinen Willen lachen, und nach einem weiteren Augenblick stimmte auch Elena in dieses Lachen ein, auch wenn es nicht sehr laut war und nicht besonders lange anhielt. Aber der peinliche Moment war vorüber; der Punkt, an dem einer von ihnen eine Grenze überschreiten würde, die er im Grunde nicht überschreiten wollte, vermieden. »Du hast Recht«, gestand sie, während sie nun doch die Hand hob und mit spitzen Fingern ihr Gesicht betastete, wenn auch auf eine Art, die die Bewegung eher aussehen ließ, als würde sie ihre geschwollene Wange verbergen. »Es war Laurus. Aber es ist nicht schlimm.«

»Und es war meine Schuld«, vermutete Andrej. Erst, als er die Worte ausgesprochen hatte, wurde ihm klar, dass er die Frage aus dem einzigen Grund stellte, ein eindeutiges Nein als Antwort hören zu wollen. Elena tat ihm diesen Gefallen jedoch nicht, sondern schwieg eine quälende, kurze Ewigkeit lang und zuckte schließlich nur mit den Schultern.

»Nein«, sagte sie. »Ja ... es ist eben passiert.«

»Was?«

»Er war wütend, weil dein Freund und du zur Mühle geritten seid. Er sagt, ihr wäret schlecht für uns, würdet nur Ärger bringen ...« Sie zuckte mit den Schultern. »Und ich habe den Fehler gemacht, ihm zu widersprechen.«

»Und das gibt ihm das Recht, dich zu schlagen?« Die Frage schien Elena zu verwirren. Sie sah ihn verständnislos an. »Laurus ist nicht schlecht«, sagte sie schließlich. »Das darfst du nicht glauben.«

»Natürlich nicht«, sagte Andrej sarkastisch. »Ich nehme an, er schlägt dich nicht oft. Und wenn, dann hast du es wahrscheinlich auch verdient.«

Das kurze Aufblitzen in Elenas Augen sagte ihm nicht nur, dass sie seinen Sarkasmus nicht verstanden hatte, sondern auch, dass sie seine Bemerkung wohl genau anders herum aufnahm, als sie gemeint war. »Ihr habe ihn gereizt«, sagte sie, eine Spur, aber doch eine hörbare Spur, kühler.

»Das ist kein Grund, dich zu schlagen.«

»Wenn ein Mann dich reizt, schlägst du ihn dann nicht, Andreas?«

»Das ist ein Unterschied«, erwiderte Andrej verärgert. »Ich würde niemals eine Frau schlagen. Ein Mann kann sich wehren.«

»Und wer sagt dir, dass eine Frau das nicht kann?« In Elenas Augen blitzte es spöttisch auf, und Andrej schluckte die Antwort, die ihm auf der Zunge lag, herunter. Das Gespräch begann sich in eine Richtung zu entwickeln, die ihm nicht behagte. Nicht jetzt, und nicht hier.