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»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, sagte er. »Schlägt er dich oft?«

»Nein«, antwortete Elena. Sie schürzte die Lippen. »Vermutlich nicht öfter, als andere Männer ihre Frauen schlagen.« Sie hob die Stimme, als sie sah, dass er antworten wollte. »Wie gesagt: Es war meine eigene Schuld. Ich habe ihn gereizt. Und ich wusste, was passiert, wenn ich es übertreibe.«

»Es ging um mich, habe ich Recht?«, fragte Andrej. »Gestern Nacht im Wald, da wollte ich nicht -«

»Um dich?« Die Überraschung in Elenas Stimme war so echt, dass Andrej mitten im Satz abbrach und sie nur verständnislos ansah. Plötzlich hatte er das Gefühl, etwas ziemlich Dummes gesagt zu haben. »Ich glaube, du nimmst dich zu wichtig, Andreas. Laurus weiß nichts von gestern Nacht, aber selbst wenn er es wüsste wäre das kein Grund für ihn, wütend zu werden, weder auf dich noch auf mich. Und schon gar nicht, mich zu schlagen.«

»Warum war Anka dann in eurem Wagen?« Elena hob die Schultern. »Ich muss gestehen, es fällt mir ein wenig schwer, deinem Gedankengang zu folgen, Andreas - aber in diesem Fall kommst du der Wahrheit wenigstens nahe. Ich hatte Rason geschickt, um Anka zu holen, damit sie nach deinem Freund sieht.«

»Abu Dun?«, fragte Andrej erschrocken. »Was ist mit

»Sein Fieber ist gestiegen.« Elena hob rasch und beruhigend die Hand. »Keine Sorge - es ist nicht so schlimm, wie ich im ersten Moment befürchtet habe. Aber ich hielt es für besser, Anka zu rufen. Sie hat ihm einen Trank gegeben, der ihm helfen wird. Spätestens morgen Abend wird er das Fieber überwunden haben; vielleicht sogar schon früher.«

»Und das ist Grund genug für Laurus, dich zu schlagen?« Andrej warf einen unsicheren Blick zum Wagen hin. Am liebsten wäre er hineingegangen, um nach Abu Dun zu sehen, aber aus irgendeinem Grund wagte er es nicht, den Wagen zu betreten, ohne von Elena dazu aufgefordert zu werden.

»Laurus sieht es nicht gern, wenn Anka ihren Wagen verlässt«, antwortete Elena. »Schon gar nicht, wenn Fremde im Lager sind. Er hat mir Vorhaltungen gemacht, ein Wort ergab das andere ...« Sie zuckte mit den Schultern. »Laurus ist nervös, wie wir alle. Das, was dein Freund und du von der Mühle erzählt habt, hat ihn nicht unbedingt beruhigt. Vor allem, weil es nicht die Wahrheit war.«

»Wie kommst du darauf ?«, fragte Andrej.

»Das war wirklich nicht schwer zu erraten.« Elenas Lippen verzogen sich zu einem angedeuteten, spöttischen Lächeln. »Ich weiß nicht, was du wirklich bist, Andreas, aber eines bist du ganz gewiss nicht: Ein guter Lügner. Außerdem spricht dein Freund im Fieber. Was ist wirklich dort passiert?«

»Nichts, was ich nicht schon erzählt hätte«, beharrte Andrej stur. Elenas Blick wurde bohrender, und er rettete sich in ein Achselzucken und ein leicht verunglücktes Grinsen. »Jedenfalls nichts, was ich verstehen würde. Ich muss darüber nachdenken.«

Er hatte fest damit gerechnet, dass Elena sich nicht mit dieser Antwort zufrieden geben würde, aber sie sah ihn nur noch einen Moment lang durchdringend an, dann zuckte sie erneut die Schultern und drehte sich mit einem Seufzen weg, mit dem sie das Thema wohl für beendet erklärte. Vermutlich ohne es selbst zu merken, hob sie wieder die linke Hand und strich mit den Fingerspitzen über ihre Wangenknochen und das weiche Fleisch unter den Augen. In den wenigen Augenblicken, die sie miteinander geredet hatten, war die Schwellung deutlich größer geworden, und ihr äußerer Augenwinkel und das Lid begannen sich bereits dunkel zu verfärben. Der Anblick weckte wieder den gleichen Zorn wie vorhin in Andrej, aber er biss sich auf die Lippe und sagte nichts. Er war ganz und gar nicht Elenas Meinung, was das Schlagen von Frauen anging, aber letzten Endes war sie Laurus' Frau, nicht seine, und es war ihre Entscheidung, wie sie leben wollte oder nicht. Auch, wenn Andrej Elena kaum kannte, so war er doch sicher, dass sie zumindest über eine längere Zeit, nichts hinnehmen würde, was sie nicht wirklich wollte.

»Vielleicht solltest du in deinen Wagen zurückgehen«, sagte Elena nach einer Weile, leise, und ohne ihn anzusehen. »Wenn Laurus zurückkommt und dich hier findet, dann wird das seine Laune nicht unbedingt verbessern. Was tust du überhaupt hier?«

»Ich wollte nach Abu Dun sehen«, antwortete Andrej, was ihm im Moment die glaubhafteste Ausrede erschien.

»Er schläft«, antwortete Elena. Sie drehte sich wieder zu ihm um und sah ihm ins Gesicht, und plötzlich, von einem Lidschlag auf den nächsten, fiel es Andrej schwer, ihrem Blick Stand zu halten. Wie schon mehrmals, seit er Elena kennen gelernt hatte, schien eine sonderbare Veränderung mit ihr vonstatten zu gehen. Vielleicht lag es am Licht, an ihrer beider Erregung, oder an der außergewöhnlichen Situation, in der sie zusammen waren, aber mit einem Male kam sie ihm vor wie eine ganz andere, äußerlich unverändert, und doch so verschieden von der Elena, die gerade noch vor ihm gestanden hatte, wie es nur möglich war. Sein Herz klopfte ein wenig schneller. »Ich kann es dir nicht verbieten, aber es wäre besser, wenn du nicht zu ihm gehst. Ich möchte nicht -«

»- dass Laurus mich in deinem Wagen findet«, führte Andrej den Satz zu Ende.

Elena schwieg, aber sie tat es auf eine ganz besondere Art, die ihn begreifen ließ, wie nahe er mit dieser Vermutung der Wahrheit gekommen war und wie unangenehm ihr dieses Wissen sein musste. Plötzlich fehlten ihm die Worte, weiter zu sprechen.

»Geh jetzt zurück«, sagte Elena. »Ich werde nach Laurus sehen. Es hat keinen Sinn, ihn noch wütender zu machen. Und mach' dir keine Sorgen. Er ist manchmal etwas jähzornig, aber er beruhigt sich meistens auch genauso schnell wieder. Morgen früh reden wir in Ruhe über alles.«

Sie wartete einen Moment lang vergeblich darauf, dass er ihrer Aufforderung nachkam und ging, dann hob sie die Achseln, drehte sich rasch herum und stieg die dreistufige Treppe zum Wagen hinauf. Andrej blieb weiter reglos stehen, wo er war, von der völlig unsinnigen Hoffnung erfüllt, dass sie sich doch noch einmal herumdrehen oder wieder zu ihm herauskommen würde, und er ließ selbst dann noch etliche Sekunden verstreichen, als sie die Tür schon längst hinter sich geschlossen hatte.

Was war nur mit ihm los? Nicht zum ersten Mal - aber zum ersten Mal ganz bewusst - fragte er sich, ob er sich möglicherweise in diese verwirrende Frau verliebt hatte. Aber die Antwort war und blieb ein eindeutiges Nein. Elena hatte zweifellos etwas, das jeden Mann um den Verstand bringen konnte, vor allem in Momenten wie dem, den er gerade erlebt hatte, aber dieses Gefühl hatte nichts mit Liebe zu tun. Er hatte viele Frauen getroffen, die ihn anzogen, etliche, die er gemocht und mit denen er eine Weile zusammengeblieben war, und die eine oder andere, von der er sich hätte vorstellen können, auch den Rest seines Lebens mit ihr zu teilen. Aber Liebe, wirkliche Liebe, hatte er nur ein einziges Mal in seinem Leben gefunden, und die war ihm auf eine so grausame und endgültige Art genommen worden, dass er nicht sicher war, ob er jemals wieder einen anderen Menschen wirklich lieben konnte. Er war nicht einmal sicher, ob er es noch einmal wollte. Vielleicht war er zu tief verletzt worden, als dass er sich der Gefahr noch einmal aussetzen konnte, diesen grässlichen Schmerz erneut zu spüren.

Endlich drehte er sich herum und ging, aber er kehrte nicht zu seinem Wagen zurück, wie Elena ihm geraten hatte, sondern ging noch einmal dorthin, wo er gerade hergekommen war. Diesmal machte er einen noch größeren Umweg und bewegte sich noch vorsichtiger, und er ließ etliche Minuten verstreichen, in denen er reglos im Schatten stand und Ankas Wagen beobachtete, bis er ganz sicher war, dass die beiden Brüder nicht mehr hier waren und sich auch sonst niemand in seiner unmittelbaren Nähe aufhielt. Der Lärm hinter ihm im Lager hatte eher noch zugenommen, obwohl es mittlerweile schon spät war, aber das war Andrej im Moment nur Recht. Solange die Sinti damit beschäftigt waren, ihre Gäste zu unterhalten und ihnen das Geld aus den Taschen zu ziehen, bestand wohl kaum die Gefahr, dass jemand hierher kam und ihn überraschte.