»Aufhören!«, schrie er.
Die Faust mit dem zweischneidigen Dolch und mehrere mit Steinen bewaffnete Hände, die bereits zum entscheidenden Schlag erhoben waren, erstarrten mitten in der Bewegung. Die Kinder wandten sich in seine Richtung.
»Ich dachte, du bist tot«, entfuhr es dem älteren Jungen.
»Das dachte ich auch«, pflichtete ihm seine Schwester bei. »Ich war sogar sicher, dass er tot ist ... Er ist zäh, das muss man ihm lassen.«
»Ihr solltet jetzt wirklich damit aufhören«, sagte Andrej ernst. »Ihr könnt mich nicht töten, aber ich euch schon. Zwingt mich nicht, es zu tun.«
»Uns töten?« Der Junge deutete auf Andrejs Schwert. »Damit?«
Während er sprach, kamen er und seine Schwester langsam näher, und plötzlich blitzte auch in seiner Hand ein kurzer, gefährlich scharfer Dolch. Die beiden jüngeren Brüder, noch immer mit faustgroßen Steinen bewaffnet, rührten sich nicht von der Stelle.
»Nein, nicht damit«, erwiderte Andrej und zielte weiter mit dem Schwert auf den Jungen. Das vertraute Gewicht der Klinge aus hundertfach gefaltetem Damaszener-Stahl gab ihm Sicherheit. Er wollte es nicht tun. Großer Gott, er konnte doch keine Kinder töten, ganz egal, wie bösartig und gefährlich sie auch waren. Aber er hatte keine Wahl. Wenn er es nicht tat, starb Abu Dun.
Andrej presste die Kiefer so fest aufeinander, dass seine Zähne knirschten, schloss die Augen und griff mit seinen Vampyrkräften nach der Seele des Jungen, um dessen Lebensenergie auszusaugen und sie seiner eigenen hinzuzufügen.
Nichts geschah. Ungläubig riss Andrej die Augen wieder auf. Die beiden Angreifer kamen immer näher, die Dolche zum Zustoßen bereit erhoben, aber sie bewegten sich mit äußerster Vorsicht. Zumindest das Mädchen schien zu spüren, dass Andrej tatsächlich nicht war wie all die anderen, die sie möglicherweise schon getötet hatten.
Er konzentrierte sich und versuchte es noch einmal. Doch wo seine tastenden Fühler nach der Seele des Jungen suchten war nichts. Nur Leere. Und eine unvorstellbar grausame Kälte.
Andrej wich einen halben Schritt zurück, löste den Blick vom Gesicht des Jungen und konzentrierte sich auf dessen Schwester.
Auch diesmal geschah nichts. Seine Gedanken griffen ins Leere, landeten im Nichts, weil es in diesen Kindern nichts gab. Es war, als hätten sie keine Seele, sondern ...
Der Stein, den der Junge schleuderte, traf ihn zielsicher und mit solch verheerender Wucht am Schädel, dass er spürte, wie der dünne Schläfenknochen über seinem rechten Auge brach. Andrej ließ das Schwert fallen, brach mit einem erstickten Keuchen in die Knie und hob die Hände an den Kopf. Die beiden Älteren sprangen gleichzeitig vor und stießen zu. Der Dolch des Mädchens bohrte sich in seine Kehle, der des Jungen tief in sein Herz.
Andrej kippte zur Seite. Der Schmerz war nicht so schlimm, wie er erwartet hätte, aber sein Herz schlug nicht mehr, und sein Rachen füllte sich rasch mit seinem eigenen Blut.
Während Andrej das letzte bisschen Kraft, das er noch in seinem Körper fand, darauf verwandte, sich zusammenzukrümmen und schützend die Arme über den Kopf zu heben, sausten die Messerklingen wieder auf ihn herab, dann Steine und wieder beißender, glatter Stahl und dann nichts mehr.
Es dauerte lange, bis er wieder zu sich kam.
Kälte und Dunkelheit hüllten ihn ein, und die rechte Seite seines Gesichts glühte vor Hitze. Er hörte das Knistern von Holz und aus der Entfernung das Schnauben und Hufscharren von Pferden, die unruhig zu sein schienen, Stimmen, ab und an Gelächter ... Selbst seine normalen menschlichen Sinne hätten ihm verraten, dass er sich in einer Art Lager befand und dicht bei einem Feuer lag. Als er versuchte, sich zu bewegen, stellte er fest, dass er an Händen und Füßen gefesselt war. Er öffnete die Augen und starrte direkt auf die Spitze eines Dolches, die auf sein Gesicht zielte. Darüber blickte ihn ein dunkles, sehr misstrauisches Augenpaar an.
»Das ist nicht notwendig«, sagte Andrej. »Ich bin nicht dein Feind.«
»Das wird sich zeigen.« Die Messerklinge hob sich lediglich ein Stück, aber das misstrauische Flackern in den Augen blieb. Andrej dachte daran, sich aufzusetzen - er lag so nahe beim Feuer, dass sich eine unangenehme Hitze auf seinen Wangen ausbreitete, zudem in sehr unbequemer Haltung -, blieb aber dann doch liegen. Das Gesicht, das auf ihn herabsah, wirkte trotz aller Vorsicht durchaus freundlich, aber er wollte keine unbedachte Reaktion hervorrufen.
»Wer bist du?«, fragte er.
Die Messerklinge entfernte sich noch ein bisschen weiter von seinem Gesicht. »Niemand, den du zum Feind haben willst, glaube mir.«
Andrej unterdrückte ein Lächeln. Er erkannte jetzt, dass der Bursche, der neben ihm kniete, sehr jung, ja, fast noch ein Kind war. Der grimmige Ausdruck, den er auf sein Gesicht gezwungen hatte, ließ ihn sonderbarerweise noch jünger erscheinen, und alles Misstrauen in seinen Augen konnte nicht über den freundlichen Ausdruck hinwegtäuschen, der normalerweise darin wohnte. Wer oder was auch immer dieser Bursche war - er war Andrej auf Anhieb sympathisch.
»Nein, das will ich wirklich nicht«, antwortete er. »Ich möchte eigentlich niemanden zum Feind haben, wenn ich es mir recht überlege, weißt du?« Er bewegte sich ein wenig. »Hast du etwas dagegen, wenn ich mich aufsetze? Es ist nicht sehr bequem so.«
Zögernd ließ der Junge die Hand mit dem Messer sinken, dann nickte er. »Meinetwegen, aber mach keine Dummheiten. Und frag erst gar nicht - ich werde dich ganz bestimmt nicht losbinden.«
Das war auch nicht nötig. Andrej hatte längst mit den Fingerspitzen über seine Fesseln getastet und festgestellt, dass die Stricke zwar fest, aber mit einem herkömmlichen Knoten zusammengebunden waren. Abu Dun hatte ihm schon vor Jahren gezeigt, wie man eine solche Fessel mit ein paar geschickten Bewegungen und einem entschlossenen Ruck abstreifen konnte. Andrej spielte den Enttäuschten, während er sich - umständlicher als nötig - aufsetzte und ein kleines Stück vom Feuer wegrutschte. Zugleich sah er sich verstohlen um.
Wie erwartet befand er sich in einem Lager, in dem gleich mehrere Feuer brannten. Die flackernden roten Inseln aus Licht vertieften die Dunkelheit noch, sodass selbst er nur Schatten und vage Umrisse wahrnehmen konnte. Immerhin erkannte er, dass das Lager deutlich größer war, als er im ersten Moment angenommen hatte. Er sah eine Anzahl von Zelten und einige schwere, hohe Wagen mit fast mannsgroßen Rädern. In einigen wenigen brannte Licht, die meisten aber waren dunkel. Der Himmel war bewölkt, sodass der Mond nicht zu erkennen war, aber Andrej spürte, dass Mitternacht längst vorüber sein musste. Weit entfernt gewahrte er eine improvisierte Pferdekoppel, auf der mindestens zwei Dutzend Tiere untergebracht waren.
»Wo bin ich hier?«, fragte er. »Abgesehen davon, dass ich bei Leuten bin, die ich nicht zu Feinden haben möchte?«
Er konnte sehen, wie schwer es seinem Gegenüber fiel, ihn weiter grimmig anzustarren. »In unserem Lager.«
»Und wer seid Ihr?«, präzisierte Andrej seine Frage. »Bin ich unter Freunden oder Feinden?«
»Das kommt ganz auf dich an«, erwiderte sein Gegenüber. Anscheinend liebte er es, sich kryptisch auszudrücken.
»Also, wenn ich die Wahl habe, fällt mir die Entscheidung nicht schwer.« Andrej zog eine Grimasse und rückte ein kleines Stückchen weiter vom Feuer weg. Die Hitze begann allmählich wirklich unangenehm zu werden. »Verrätst du mir wenigstens deinen Namen?«, fragte er.
»Ich bin Rason«, antwortete der Bursche. »Und jetzt hör auf, so viele Fragen zu stellen. Ich bringe dich gleich zu jemandem, der dir alles sagen wird, was du wissen musst.« Er beugte sich so überraschend vor, dass Andrej die Bewegung um ein Haar als Angriff missverstanden und entsprechend reagiert hätte. Ein Dolch blitzte auf, und Andrejs Füße waren frei. »Komm.«