Er löste sich aus seinem Versteck, betrat den Wagen, zog die Tür hinter sich zu und wollte einen Moment stehen bleiben, damit sich seine Augen an das praktisch nicht vorhandene Licht hier drinnen gewöhnten. Noch ehe das Geräusch der Tür hinter ihm ganz verklungen war, sagte eine Stimme in der Dunkelheit irgendwo links von ihm:
»Du brauchst nicht zu schleichen, Unsterblicher. Wir sind allein. Und so leise, dass eine blinde Frau dich nicht hört, kannst nicht einmal du auftreten.«
Ein wenig verlegen drehte sich Andrej in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Trotz seiner scharfen Augen konnte er nur verschwommene Umrisse erkennen.
»Warum hast du so lange draußen gestanden und gewartet?«, fragte Anka. »Du musst keine Angst haben, dass uns jemand stört. Meine beiden Urenkel sind längst fort, und außer ihnen und Elena kommt selten jemand hierher.«
»Urenkel?«, wiederholte Andrej - hauptsächlich, um überhaupt irgendetwas zu sagen.
»Vielleicht sind es auch schon meine Ur-ur-ur-Enkel.« Anka lachte leise und meckernd. »Wenn man einmal so alt geworden ist wie ich, dann verliert man leicht den Überblick. Und eigentlich spielt es auch keine Rolle, oder? Aber du bist sicherlich nicht gekommen, um dich über meine Familie zu unterhalten.«
»Nein«, antwortete Andrej. »Ich bin -«
»Du warst vorhin bei Laurus' Wagen«, unterbrach ihn Anka.
»Woher weißt du das?«
»Ich bin vielleicht blind, aber nicht taub«, erwiderte Anka. »Laurus und die anderen scheinen es gottlob aber zu sein, sonst hätten sie dich zweifellos gehört. Ich sollte enttäuscht sein. Ich dachte immer, dass sich Menschen deiner Art lautloser zu bewegen imstande sind.«
»Menschen meiner Art?«
»Ich bin auch nicht dumm«, sagte Anka, eine Spur schärfer. »Aber du scheinst es zu sein. Oder du hast ein kurzes Gedächtnis - oder hast du schon vergessen, was wir bei deinem letzten Besuch besprochen haben?«
»Nein«, antwortete Andrej. »Ich habe vor allem nicht vergessen, dass du mir mehr Fragen gestellt als du Antworten gegeben hast.«
»Und deshalb bist du jetzt hier«, vermutete Anka. Wieder lachte sie, aber diesmal klang es eher wie ein Meckern. Sonderbarerweise war Andrej immer noch nicht in der Lage, sie genau zu erkennen. Seine Augen hatten sich längst an das schwache Dämmerlicht gewöhnt, aber er sah in der Richtung, aus der ihre Stimme kam, trotzdem nur verschwommene Schatten. Einer davon schien sich dann und wann zu bewegen, aber er war nicht sicher, welcher. »Und was willst du jetzt tun? Die Antworten, die du hören willst, aus mir herausprügeln?«
»Bestimmt nicht«, antwortete Andrej. »Ich glaube auch nicht, dass das nötig ist.«
»Dann stell' deine Fragen«, sagte Anka. »Aber tu' es schnell. Ich bin alt. Und alte Menschen brauchen viel Schlaf.«
»Ich dachte immer, alte Menschen brauchen besonders wenig Schlaf.«
»Nicht, wenn sie so alt sind wie ich«, erwiderte Anka, nun vollends in ungeduldigem, fast mürrischem Tonfall. »Wenn du wissen willst, ob dein trinkfester Freund die Nacht überleben wird, kann ich dich beruhigen. Er ist stark wie ein Ochse. Es gehört schon etwas mehr dazu als ein paar Rattenbisse, ihn umzubringen.«
»Du weißt, was passiert ist?«
»Laurus hat es mir erzählt«, antwortete Anka. »Und dein Freund auch. Redet er nur im Fieber, oder manchmal auch im Schlaf?«
Andrej überging die Frage. Er fühlte sich immer verwirrter, und aus dieser Verwirrung erwuchsen allmählich Ungeduld und Zorn. Er war mit dem festen Vorsatz hierher gekommen, sich diesmal nicht wieder abspeisen zu lassen, sondern nicht eher zu gehen, bis er Antworten auf wenigstens einige seiner Fragen erhalten hatte, aber er spürte bereits jetzt, dass ihm das Gespräch auch diesmal wieder zu entgleiten drohte. Die Puuri Dan hatte etwas an sich, dem er einfach nicht gewachsen war. »Ich will wissen, was heute in der Mühle passiert ist«, sagte er. »Und komm' mir nicht damit, dass du es nicht weißt. Diese Ratten waren keine normalen Ratten.«
»Sie waren krank«, antwortete Anka. »Das hast du doch selbst erzählt.«
»Und du weißt genau, dass es nicht stimmt!«, rief Andrej. Ein Teil von ihm war entsetzt über den Ton, in dem er mit der alten Frau redete, aber als er weiter sprach, da klang seine Stimme sogar noch schärfer, fordernder und fast ein wenig drohend. Er war sicher, dass Anka sich davon nicht beeindrucken ließ, aber sein aufgesetzter Zorn half ihm, das Gespräch wieder in die gewünschte Richtung zu bringen. »Was immer mit diesen Ratten war, sie waren nicht krank.«
»Und jetzt willst du wissen, ob es wirklich Elena war, die sie geschickt hat.«
»Unsinn!«, behauptete Andrej.
»Natürlich willst du das wissen!«, behauptete Anka. »Du belügst dich selbst, Unsterblicher. Du sagst, dass es Unsinn ist, und du versuchst dir selbst einzureden, dass du nicht an das glaubst, was dieser närrische Müller erzählt. Aber du bist nicht ganz sicher, so ist es doch? Vielleicht willst du ja sogar, dass sie eine Hexe ist.«
»Warum sollte ich so etwas wollen?«, fragte Andrej unsicher.
»Weil es dir dann leichter fiele, ihrem Zauber zu widerstehen. Was denkst du? Warum verbrennen Männer Frauen, die sie als Hexen bezeichnen? Nicht, weil sie wirklich glauben, dass sie mit dem Teufel im Bunde sind. Niemand glaubt das. Sie verbrennen sie, weil sie genau wissen, dass sie ihrem Zauber sonst erliegen würden. Weil es der einzige Weg ist, sie vor sich selbst zu schützen. So wie auch du weißt, dass du Elena nicht widerstehen wirst.«
»Ich bin nicht wegen Elena hierher gekommen«, erwiderte Andrej lahm. Doch er wusste längst: Die alte Frau, die da in der fast vollkommenen Dunkelheit vor ihm saß, mochte zwar blind sein, aber auf ihre Art konnte sie besser sehen als die meisten anderen Menschen.
Anka ließ ein schmatzendes Geräusch hören. »Vielleicht nicht. Aber sie ist nun einmal hier. Glaubst du denn, du wärest der Erste, dem es so erginge, du junger Narr? Ich kann sie nicht sehen, aber ich habe Ohren, um zu hören, was die anderen sagen - und manchmal auch, um das zu hören, was sie nicht sagen. Willst du einen Rat von mir, Unsterblicher? Warte meinetwegen, bis dein Freund wieder zu Kräften gekommen ist, aber dann geh. Du wirst die Antworten, nach denen du suchst, hier nicht bekommen, aber du könntest etwas finden, an dem du zerbrichst.«
»Warum sollte ich dir glauben?«, fragte Andrej. »Bisher hast du keine meiner Fragen beantwortet, und wenn, so nur in Rätseln.«
»Dann finde ihre Lösung«, riet ihm Anka. »Ich habe dir geantwortet, aber du hörst ja nicht zu. Wie die meisten. Und nun geh. Lass mich allein. Ich bin müde und möchte schlafen.«
»Aber du -«
»Geh!«, wiederholte Anka. »Bason hat dir versprochen, dass du mit mir reden kannst, und du hast mit mir geredet. Ich kann dir nicht antworten, wenn du mir nicht einmal die richtigen Fragen stellst. Du kannst ja zurückkommen, wenn sie dir eingefallen sind.«
Mehr verwirrt denn enttäuscht oder zornig war Andrej in seinen Wagen zurückgekehrt, und zu seiner eigenen Überraschung war er nach einer Weile in einen unruhigen Schlaf gesunken. Ein Schlaf, aus dem er erst lange nach Sonnenaufgang wieder erwachte; so wie am Vortag mit einem schlechten Geschmack im Mund, mit Kopfschmerzen, schweißgebadet und mit der Erinnerung an sinnlose Bilder und Albträume, die ihn gequält hatten. Obwohl er nicht unter einer dünnen Zeltbahn sondern unter dem hölzernen Dach eines Wagens erwacht war, erschien ihm die Luft noch stickiger und heißer als gestern, und es fiel ihm deutlich schwerer, die Nachwirkungen des Schlafs abzuschütteln und aufzustehen.
Als er den Wagen verließ, war das Sinti-Lager schon seit mehr als einer Stunde zum Leben erwacht, und er war so betäubt, dass er fast wie ein Betrunkener taumelte, während er sich auf den Weg zum Bach machte, um sich zu waschen.