Das eiskalte Wasser half, die Benommenheit und auch die Kopfschmerzen zu vertreiben, aber der üble Geschmack in seinem Mund blieb, und auch die Erinnerung an die Albträume, die ihn geplagt hatten, verschwand nicht völlig. Irgendetwas stimmte tatsächlich nicht mit ihm.
Er ließ sich deutlich mehr Zeit als nötig, ehe er die Richtung zu Laurus' Wagen einschlug. Er wollte nach Abu Dun sehen. Vielleicht war es besser, dass er zugegen war, wenn der Nubier aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte.
Die Tür des Wagens stand offen. Andrej klopfte an den Rahmen, wartete einen Moment vergeblich auf eine Antwort und trat schließlich ein. Nach der schon jetzt fast unerträglichen Hitze, die draußen herrschte, und hinter den vorgelegten Läden, war es hier drinnen angenehm kühl und schattig, aber nicht so dunkel, dass er nicht sah, dass das Bett, auf dem er Abu Dun am vergangenen Abend zurückgelassen hatte, jetzt leer war. Im ersten Moment erschrak Andrej bis ins Mark, aber dann rief er sich in Gedanken selbst zur Ordnung. Für ein Gefährt seiner Art war dieser Wagen recht groß, aber auch ein großer Wagen war letztendlich klein, und immerhin diente er schon als Unterkunft für zwei Menschen. Wahrscheinlich hatte Laurus dem Nubier einfach ein anderes Krankenlager zugewiesen.
»Was tust du hier?«
Andrej fuhr erschrocken herum und sah in Laurus' Gesicht. Der grauhaarige Sinti stand draußen vor dem Wagen, hatte den Kopf in den Nacken gelegt und blickte aus misstrauisch zusammengekniffenen Augen zu ihm hoch, und für den Bruchteil einer Sekunde erinnerte der Anblick Andrej an ein anderes Bild, das er gestern gesehen hatte, andere, kleinere Gestalten, die fast in der gleichen Haltung dagestanden und Abu Dun und ihn angestarrt hatten. Dann verging die absurde Furcht, und Andrej sagte sich selbst, wie lächerlich dieser Vergleich war. »Ich wollte nach Abu Dun sehen«, sagte er. »Entschuldige. Aber die Tür stand offen.«
Er sprang mit einem einzigen Satz zu Laurus hinunter und machte eine entschuldigende Handbewegung. »Ich wollte dir nicht zu nahe treten. Wo ist Abu Dun?«
»Ich habe ihn in einen anderen Wagen bringen lassen«, antwortete Laurus unfreundlich. »Schließlich ist das kein Krankenlager.«
»Dann werde ich nach ihm sehen«, sagte Andrej. Er wollte sich umdrehen, aber Laurus hielt ihn mit einer entsprechenden Geste zurück.
»Warte! Ich wollte sowieso mit dir sprechen.«
»Ja? Worüber?«
»Du warst gestern Abend bei Anka«, sagte Laurus. Er hob befehlend die Hand. »Streite es nicht ab. Man hat dich gesehen.«
Das hatte Andrej gar nicht vorgehabt. Aber er war überrascht. Er war sehr sicher gewesen, dass niemand ihn gesehen hatte. Wer auch immer ihm nahe genug gekommen wäre, um ihn beim Betreten oder Verlassen von Ankas Wagen zu beobachten, hätte ihm eigentlich nicht verborgen bleiben können.
Er machte eine Bewegung, die irgendwo zwischen einem Achselzucken und einem Nicken lag. »Ich habe mich lediglich bei ihr bedankt, dass sich sie um Abu Dun gekümmert hat.«
»Ich will nicht, dass du mit ihr sprichst, ohne mich vorher gefragt zu haben«, sagte Laurus. »Anka ist eine närrische alte Frau, die nur Unsinn redet. Aber sie ist vor allem eine alte Frau. Sie darf nicht unnötig aufgeregt werden. Schon ein falsches Wort könnte sie umbringen.«
»Seltsam, aber ich hatte bisher nicht das Gefühl, dass dir Ankas Tod das Herz brechen würde«, antwortete Andrej kühl. Er wunderte sich selbst ein wenig, dass er das sagte, aber er war es Leid, ständig vor Laurus zu katzbuckeln. Vielleicht war dieser Vorstoß ein Fehler, aber vielleicht lockte er ihn auch endlich aus der Reserve.
Laurus reagierte jedenfalls anders, als er erwartet hatte. Er wurde weder wütend, noch stritt er Andrejs Unterstellung empört ab; er hob nur flüchtig die linke Augenbraue, als hätten ihn diese Worte überrascht, aber nicht wirklich verärgert. Er wechselte mit einem Achselzucken das Thema. »Bason hat bereits nach dir gefragt. Du hast lange geschlafen und nach dem, was euch gestern zugestoßen ist, hast du dir das wohl auch verdient. Aber ich denke, jetzt bist du gut genug erholt, um ihm zur Hand zu gehen.«
»Wobei?«
»Das wird er dir erklären. Er ist hinten bei der Bühne. Später erwarten wir diesen Schulz. Jemand aus dem Dorf hat mir erzählt, er wäre der einflussreichste und wohlhabendste Mann der Stadt. Nicht der Bürgermeister oder Richter, aber letztendlich der, der das Sagen hat. Ich möchte nicht, dass du dich einmischst, wenn ich mit ihm rede.«
»Aber das -«, begann Andrej, wurde aber sofort wieder Von Laurus unterbrochen.
»Du und dein Freund, ihr habt genug Schaden angerichtet.«
»Was soll das heißen?«, fragte Andrej.
»Ich habe dir gesagt, dass ich darüber nachdenke, ob ihr bei uns bleiben dürft oder nicht« antwortete Laurus. »Das habe ich getan. Elena sagt, dass den Freund noch zwei oder drei Tage braucht, um sich zu erholen. Solange könnt ihr hier bleiben. Aber danach verlasst ihr uns.«
»Aber warum?«, fragte Andrej.
»Es gibt keinen Grund für euch, länger zu bleiben«, antwortete Laurus. »Du bist hierher gekommen, um mit unserer Puuri Dan zu sprechen und ihr gewisse Fragen zu stellen. Du hast mit ihr gesprochen, und ich nehme an, du hast deine Fragen gestellt. Also gibt es keinen Grund mehr, länger zu bleiben.«
»Vielleicht habe ich noch nicht alle Antworten bekommen«, sagte Andrej.
»Du wirst von Anka nicht mehr hören, als du bereits gehört hast«, erwiderte Laurus. »Denn du wirst nicht mehr mit ihr reden. Und jetzt geh und arbeite für dein Essen und deine Unterkunft.«
Natürlich war Andrej nicht sofort zu Bason gegangen, sondern hatte zuerst nach Abu Dun gesucht und ihn in dem kleinen Zelt am Rande des Lagers gefunden, in dem sie gemeinsam die beiden ersten Nächte verbracht hatten. Zu seiner Überraschung war der Nubier bereits erwacht, und, zwar noch müde und schwach vom Fieber, das ihm die ganze Nacht über zugesetzt hatte, zugleich aber doch in deutlich besserer Verfassung, als er erwartet hätte. Sie waren nicht allein. Eine der beiden Sinti-Frauen, die sich bereits am Vortag um Pater Flock gekümmert hatten, saß jetzt an Abu Duns Lager, und sie machte auch keine Anstalten, zu gehen, als Andrej ins Zelt kam. Andrej war das im Moment sogar Recht. Abu Dun war noch schwach, zugleich aber auch schon wieder wach genug, um reden und ihn mit finsteren Blicken geradezu aufspießen zu können, und er konnte sich lebhaft vorstellen, was der Nubier ihm zu sagen hatte. Und auch, wenn er mit dem Meisten davon zweifellos Recht haben würde, so fühlte sich Andrej im Moment einer weiteren, sinnlosen Auseinandersetzung mit dem Nubier nicht gewachsen. Er erkundigte sich nach seinem Befinden, und sie tauschten noch einige Belanglosigkeiten aus, dann verließ er das Zelt wieder und machte sich auf die Suche nach Bason.
Der junge Sinti kam ihm auf halbem Wege entgegen, während er sich der Mitte des Lagers näherte. Schon von weitem winkte er Andrej aufgeregt zu. »Andreas!«, rief er. »Ich sehe, es geht dir wieder besser. Das ist gut. Laurus hat mir gesagt, dass ich dich suchen soll.«
»Er sagt, du hättest Arbeit für mich«, antwortete Andrej bewusst unfreundlich.
»Das bist du mir schuldig, oder? Immerhin habe ich meinen Teil der Abmachung eingehalten. Du hast doch mit Anka gesprochen?«
»Jemand hat Laurus verraten, dass ich bei ihr war«, sagte Andrej.
»Ich war es jedenfalls nicht«, versicherte Bason, hörte aber nicht auf, ihn dabei anzustrahlen. »Das wäre auch ziemlich dumm von mir, findet du nicht? Immerhin könnte er fragen, wer dieses Treffen arrangiert hat.«
»Arrangiert kam es mir eigentlich nicht vor«, erwiderte Andrej, aber Bason schüttelte nur heftig den Kopf.
»Glaub' mir, Andreas, Anka mag ein bisschen wunderlich sein, aber sie spricht mit niemandem, mit dem sie nicht sprechen will. Und es gibt nicht mehr viele Menschen, mit denen sie sprechen will. Es war nicht einmal einfach, sie zu überreden.«