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Andrej sah sein schlankes Gegenüber nachdenklich an. Er war ziemlich sicher, dass Bason die Wahrheit sagte, was Laurus anging - so unfreundlich, wie er mit ihm, einem Fremden, gesprochen hatte, würde er seinem Adoptivsohn wahrscheinlich den Kopf abreißen, wenn er erführe, dass er das Treffen zwischen der Puuri Dan und Andrej arrangiert hatte. Trotzdem hatte er das vage Gefühl, dass irgendetwas an Basons Worten nicht stimmte. Allerdings nur für einen Moment. Dann gewann Basons strahlendes Lächeln die Oberhand, und Andrej schalt sich in Gedanken selbst einen Narren. Er war einfach zu misstrauisch. Bason mochte ein wenig naiv sein, aber er war einfach niemand, der einen anderen hintergehen würde.

»Also, was soll ich tun?«, fragte er. »Fünfzig Klafter Holz hacken, hundert Fässer Wasser vom Bach heraufholen, oder zwanzig Wildpferde zureiten?«

Basons Grinsen wurde breiter. »Mir das Schwertfechten beibringen«, sagte er.

»Wie?« Andrej blinzelte.

Bason nickte heftig. »Du hast vorgestern nicht viel gesagt, als du unsere Probe zugesehen hast, aber du hast auf eine ganz bestimmte Art nichts gesagt, weiß du? Ich hätte schon blind sein müssen, um nicht zu sehen, was du von unserer Aufführung hältst.«

Andrej war höflich genug, nicht darauf zu antworten.

»Du hast Recht«, gestand Bason. »Am Anfang wollte ich es nicht wahrhaben, aber ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht. Vor allem, nachdem ich deinem Freund, dem Muselmanen, zugesehen habe. Meine beiden sogenannten Schwertkämpfer sind erbärmlich.« Er machte eine Kopfbewegung auf die Stelle, an der Andrejs Schwert gehangen hätte, hätte er den Waffengurt umgebunden. »Bring' mir bei, wie man mit einem Schwert umgeht.«

»Wie kommst du darauf, dass ich das könnte?«

»Habe ich schon gesagt, dass ich ein guter Beobachter bin?«, grinste Bason. Er schüttelte den Kopf. »Außerdem hast du es mir selbst verraten, gestern.«

»Das mag sein«, antwortete Andrej. »Ich verstehe tatsächlich ein wenig von der Kunst des Fechtens. Aber es dauert Jahre, sie zu erlernen. Und ein Schwert ist auch kein Spielzeug.«

»Ich habe auch nicht gesagt, dass ich von dir erwarte, mich in drei Tagen zu einem Schwertmeister auszubilden«, antwortete Bason. »Ich will nicht wirklich das Kämpfen lernen. Um ehrlich zu sein: Ich liebe Waffen nicht besonders. Ich will nicht wissen, wie man tötet, und ich will es auch nicht lernen.«

»Was soll ich dir dann beibringen?«

»Zeig' mir nur genug, damit ich auch den anderen beibringen kann, wie man nicht ganz so unbeholfen herumstolpert und sich zum Narren macht. Mehr wollen die Leute ja auch nicht sehen.«

Andrej zögerte. Basons Bitte klang nur logisch, und natürlich sprach aus ihr auch die Begeisterung eines jungen Mannes für Waffen und Kämpfe, ganz egal, was Bason auch behauptete. Aber auch seine Antwort war nicht nur so dahin gesagt gewesen. Ein Schwert war kein Spielzeug. Nicht einmal, wenn es aus Holz war und der, der es führte, von sich behauptete, das Kämpfen eigentlich nicht zu mögen. Er suchte nach einer möglichst unverfänglichen Antwort, mit der er Basons Bitte abschlagen konnte, aber dann sah er wieder in die Augen des jungen Sinti, und darin standen ein so strahlendes Lächeln und ein so unerschütterliches Vertrauen geschrieben, dass er es einfach nicht übers Herz brachte. So war das nun einmal mit Bason: Er war ihm einfach zu sympathisch, um ihm irgendeine Bitte abzuschlagen.

»Also gut«, sagte er. »Aber erwarte keine Wunder. Wir werden nicht mehr lange bei euch bleiben. Wenige Tage reichen nicht, um dir wirklich etwas beizubringen.«

Bason strahlte noch breiter. »Zeig' mir einfach, an welchem Ende man ein Schwert anfasst«, sagte er. »Das wäre vielleicht schon ein Fortschritt.«

Gegen seinen Willen musste Andrej lachen. Er machte eine auffordernde Geste zur Bühne hin.

»Willst du nicht erst in deinen Wagen, um dein Schwert zu holen?«, fragte Bason.

»Eure Holzschwerter werden reichen, für den Anfang«, sagte Andrej. »Aber nur, damit es klar ist: Damit ist mein Teil der Abmachung erledigt. Ich werde nicht heute Abend dort oben stehen und mich zum Narren machen.«

»Das werden wir sehen«, antwortete Bason. Er lachte, drehte sich herum und lief mit schnellen, weit ausgreifenden Schritten voraus, jetzt wirklich ein Kind, das sich auf eine Überraschung freute und es vor Ungeduld kaum noch aushalten konnte.

Während Andrej ihm etwas langsamer folgte, sah er sich unauffällig nach rechts und links um. Das Lager bot den gleichen Anblick wie am vergangenen Morgen, und es dauerte eine Weile, bis Andrej selbst klar wurde, dass er nach Elena ... suchte. Warum eigentlich? Wenn schon nicht Anka, so hatten ihm doch spätestens Laurus' Worte vorhin klar gemacht, dass es besser war, sie nicht wieder zu sehen. Und auch er selbst hatte sich noch am vergangenen Abend vorgenommen, auf den Rat der Puuri Dan zu hören, die sicherlich nicht in ihrer haarsträubenden Begründung, in der Sache aber Recht hatte. Irgendetwas in ihm spürte ganz genau, wie gefährlich Elena ihm werden konnte, und Andrej hatte schon vor sehr langer Zeit gelernt, dass es besser war, auf seine innere Stimme zu hören. Und trotzdem musste er immer wieder an Elena denken.

Es kostete ihn spürbare Mühe, den Gedanken zu verscheuchen. Er schritt schneller aus, erreichte die Bühne fast gleichzeitig mit Bason und sprang mit einem federnden Satz hinauf, während der junge Sinti einen Umweg über die Treppe nahm. Bason schenkte ihm ein anerkennendes Nicken, verschwand für einen Moment hinter den bunt bemalten Tüchern, die die Rückwand der Bühne bildeten, und kam mit zwei gut meterlangen Holzschwertern in der Hand zurück. Er nahm eine der Waffen in die rechte Hand und wollte die anderen an Andrej weiterreichen, aber Andrej schüttelte den Kopf.

»Aber ich dachte, du wolltest mich unterrichten«, sagte Bason enttäuscht.

»Das werde ich«, antwortete Andrej. »Greif mich an!«

Bason sah einen Moment lang verständnislos auf die beiden Holzschwerter in seinen Händen herab, dann zuckte er mit den Schultern - und machte einen blitzschnellen Ausfallschritt, indem er mit beiden Klingen zugleich nach Andrejs Leib und Gesicht stieß. Für jemanden, der angeblich nicht wusste, an welchem Ende man ein Schwert anfasste, war er erstaunlich schnell, fand Andrej.

Trotzdem nutzte es natürlich nichts. Andrej trat fast gemächlich zur Seite, ließ Bason an sich vorüberstolpern und versetzte ihm einen Fußtritt in die Kniekehle. Bason keuchte, taumelte noch einen hilflosen halben Schritt weiter und fiel dann der Länge nach hin.

»Das war schon die erste Lektion«, sagte Andrej. »Unterschätze niemals einen Gegner, nur weil er keine Waffe in der Hand hat.«

Der junge Sinti rappelte sich mühsam auf. Er hatte beide Schwerter fallen gelassen. Eine der Waffen ließ er liegen, die andere ergriff er mit grimmigem Gesichtsausdruck mit beiden Händen, baute sich breitbeinig vor Andrej auf und meinte: »Noch einmal wird mir das auch nicht passieren.«

Sein zweiter, beidhändig geführter Hieb war womöglich noch schneller als der erste Angriff, und hätte er ein richtiges Schwert in der Hand gehabt und wäre einem normalen Gegner gegenüber gestanden, dann hätte er diesem möglicherweise glatt den Kopf von den Schultern getrennt. Andrej fiel es jedoch nicht besonders schwer, sich unter dem Schwerthieb zu ducken und Bason zugleich einen Schlag mit der flachen Hand vor die Brust zu versetzen, der ihn keuchend nach Luft schnappen und diesmal der Länge nach rücklings zu Boden stürzen ließ.

»Hätte ich mit der Faust zugeschlagen, hätte ich dir eine Rippe gebrochen, vielleicht sogar das Brustbein«, sagte Andrej kopfschüttelnd. »Lektion Nummer zwei.«

Bason brauchte deutlich länger als beim ersten Mal, um sich wieder aufzurappeln und das Schwert aufzuheben. Seine Mundwinkel zuckten, sein Atem ging stoßweise und unregelmäßig. »Ich dachte, wir hätten uns geeinigt, dass du mir das Schwertkämpfen beibringst, nicht, mich verprügelst«, maulte er. Er hob sein Schwert, und Andrej trat mit einer fast gemächlichen Bewegung neben ihn, entrang ihm die Waffe fast schneller, als Basons Blicke seiner Hand folgen konnten, und setzte ihm die stumpfe Holzklinge an die Kehle.