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»Lektion Nummer drei«, sagte er ruhig. »Du solltest dich entscheiden, ob du mit einem Mann reden oder kämpfen willst.«

Bason ächzte. Andrej hatte seinen Kopf so weit zurückgebogen, dass er Mühe hatte, zu sprechen, und auch wenn die hölzerne Klinge keine wirkliche Schneide besaß, so drückte sie ihm doch nahezu die Luft ab. Andrej hielt den jungen Sinti eine gute Sekunde länger in dieser entwürdigenden Stellung, als nötig gewesen wäre, dann trat er rasch zwei Schritte zurück, wartete, bis Bason sich aufgerichtet hatte und wieder halbwegs zu Atem gekommen war und machte schließlich eine Kopfbewegung auf das zweite Holzschwert. »Heb's auf!«

Bason gehorchte, und Andrej wartete gerade lange genug ab, dass er sich wieder aufrichten und mit gespreizten Beinen in Verteidigungsstellung gehen konnte, ehe er mit seinem eigenen Schwert eine blitzschnelle, kreiselnde Bewegung machte, die Bason die Waffe aus der Hand riss und sie in hohem Bogen davonfliegen ließ.

Und so ging es weiter. Sie alberten eine gute Stunde herum - die Bason allerdings mehr auf Bauch und Rücken liegend auf dem Boden zubrachte, als stehend oder gar kämpfend - und Andrej legte nach und nach immer mehr Kraft in seine Angriffe, aber auch in die Hiebe, mit denen er immer wieder Basons praktisch nicht vorhandene Deckung durchbrach und ihn traf. Er wollte ihm wehtun, nicht aus Grausamkeit, sondern, um ihm vielleicht auf diese Weise beizubringen, dass ein Schwert kein Spielzeug und das Kämpfen kein Spaß war, ein wenig aber auch aus dem ganz egoistischen Grund, dass er hoffte, diesen unwürdigen Auftritt auf diese Weise abkürzen zu können. Bason erwies sich jedoch als weitaus zäher, als er erwartet hatte - und auch als weitaus gelehrigerer Schüler. Es gelang ihm nicht ein einziges Mal, Andrej zu treffen, aber er brachte ihn doch zwei oder drei Mal in Bedrängnis, und das war schon mehr, als den meisten anderen gelungen wäre, vor allem nach kaum einer Stunde. Schließlich aber erfüllte Andrejs Zermürbungstaktik ihren Zweck. Basons Atem begann im gleichen Maße schwerer zu werden wie Seine Bewegungen langsamer wurden. Er griff Andrej jetzt nicht mehr an, sondern hatte alle Mühe, Attacken zu widerstehen, die er vor zehn Minuten noch ohne Probleme pariert hätte, und Andrej musste sich ganz im Gegenteil immer mehr darauf konzentrieren, den Sinti nicht aus Versehen zu treffen und möglicherweise zu verletzen.

»Ich glaube, für heute ist es genug«, sagte er. Er ließ das Schwert sinken und trat zwei Schritte zurück, doch Bason schüttelte nur den Kopf und hob mit gespielt drohendem Gesichtsausdruck seine Waffe.

»So leicht kommst du mir nicht davon, Schurke«, grollte er.

»Lass es gut sein«, sagte Andrej lächelnd. Er nickte anerkennend. »Du hast dich wirklich gut geschlagen, und das meine ich Ernst. Aber es nutzt nichts, es zu übertreiben. Schon gar nicht am ersten Tag.«

»Das sagst du doch nur, weil du Angst vor mir hast«, behauptete Bason lachend, riss das Schwert mit beiden Händen über den Kopf und sprang mit einem spitzen Kampfschrei los.

Andrej seufzte. Bason war ein Kind. Vielleicht war es Zeit, dass er anfing, ihn wie ein solches zu behandeln.

Er wich zur Seite aus, ließ Bason an sich vorüberstürmen und wollte ihm mit der flachen Seite der Klinge einen herzhaften Schlag auf das Hinterteil versetzen, aber Bason überraschte ihn. Er schien genau damit gerechnet zu haben, denn er stürmte keineswegs an ihm vorbei, sondern warf sich mitten in der Bewegung herum. Natürlich verlor er dadurch das Gleichgewicht und fiel, aber er beendete seine Drehung noch im Sturz, und das Holzschwert hackte schräg aufwärts nach Andrejs Knien.

Er reagierte ganz instinktiv, indem er ansatzlos in die Höhe sprang und die Knie anzog und gleichzeitig selbst zurückschlug. Sein Schwert traf das Basons dicht über dem Griff und zerschmetterte es. Bason schrie vor Überraschung, aber auch Schmerz auf, warf sich herum und presste die rechte Hand gegen den Körper.

»Bason! Ach verdammt, das wollte ich nicht!« Andrej schleuderte das Holzschwert fort, fiel neben Bason auf die Knie und drehte ihn mit einem Ruck herum.

Und erstarrte.

Bason lag auf der Seite, hatte die Knie an den Leib gezogen, und presste wimmernd die rechte Hand gegen den Körper. Ein mehr als fingerlanger Holzsplitter hatte sich durch das empfindliche Fleisch zwischen Zeigefinger und Daumen gebohrt und auch die Hälfte des Handballens darunter aufgerissen, bevor er die Haut auf der anderen Seite wieder durchstoßen hatte. Keine gefährliche Wunde. Aber mit Sicherheit eine Verletzung, die sehr schmerzhaft war. Und die heftig blutete.

Die Attacke kam zu schnell, als dass Andrej noch irgendetwas dagegen tun konnte. Er hatte ganz automatisch die Hand ausgestreckt, um nach Basons Arm zu greifen und den Splitter herauszuziehen, aber das Ding in ihm war schneller. Auf Basons Hand war Blut. Warmes, süßes, unendlich verlockendes Blut, eine Essenz, nach der es gierte wie nach nichts anderem in seiner unheiligen Existenz. Und wie am Tag zuvor bei Abu Dun, war es Andrej auch jetzt unmöglich, die unsichtbare Kralle zurückzuhalten, mit der es nun die Lebensflamme des jungen Sinti umklammerte, um sie herauszureißen, seine Seele zu verzehren und seine Lebenskraft der ihren hinzuzufügen.

Basons Augen weiteten sich in ungläubigem Entsetzen, während Andrej innerlich gellend aufschrie und mit verzweifelter Kraft versuchte, das Ungeheuer in sein finsteres Gefängnis auf dem Grund seiner Seele zurückzudrängen. Sein Gesicht verzerrte sich. Krämpfe schüttelten seinen Körper, und für einen winzigen Moment wurde aus dem verwirrten Entsetzen in Basons Augen etwas anderes, schlimmeres, als Andrej sich vorbeugte, zitternd, stöhnend, den Mund halb geöffnet, wie um die Lippen auf die Wunde in seiner Hand zu pressen und den pulsierenden roten Lebenssaft aus ihm herauszusaugen.

Dann war es vorbei. Plötzlich, von einem Lidschlag auf den anderen, hatte er gewonnen. Das Toben des Vampyrs erlosch, und die Bestie zog sich zurück in ihr Versteck in den lichtlosen Tiefen seines Unterbewusstseins. Andrej richtete auf, schloss die Augen und ballte die Hände so heftig zu Fäusten, dass es weh tat. Alles drehte sich um ihn. Der leise Kopfschmerz, der ihn seit dem Erwachen begleitet hatte, steigerte sich fast zur Agonie, und mit einem Mal fühlte er sich so schwach und ausgelaugt, dass er Mühe hatte, sich aufrecht zu halten und nicht auf der Stelle zusammenzubrechen.

Auch dieser Anfall verging so schnell, wie er gekommen war, und zurück blieb ein Gefühl sonderbarer Leere und Enttäuschung; Gefühle, die nicht seine eigenen waren, sondern die des Vampyrs, der sich um seine Beute betrogen sah, und die doch plötzlich zu ihm gehörten wie ein Stück glühender Kohle, das er angefasst und das sich unverrückbar in seine Haut eingebrannt hatte.

»Andreas?«, fragte Bason. »Ist alles in Ordnung mit dir?« Langsam nickte Andrej. Er konnte nicht sofort antworten, ihm war plötzlich klar, wie absurd Basons Frage war. Er sollte sich nach seinem Befinden erkundigen, nicht umgekehrt. Trotzdem nickte er noch einmal, zwang sich zu einem Lächeln und schüttelte dann so heftig den Kopf, dass ihm schon wieder leicht schwindelig wurde. »Ich war nur erschrocken. Entschuldige. Das wollte ich nicht.«

In Basons Augen stand ganz deutlich die Frage geschrieben, was er nicht wollte, aber der Sinti sprach sie nicht laut aus, sondern setzte sich stöhnend auf und betastete seine rechte Hand mit der unverletzten linken. Seine Mundwinkel zuckten, und auf seiner Stirn perlte plötzlich Schweiß. »Lass das«, sagte Andrej. »Halt einfach still.« Bason sah nicht so aus, als ob ihn diese Aufforderung in irgendeiner Art beruhigen könnte, streckte aber gehorsam den rechten Arm aus und umklammerte das Handgelenk mit der Linken. Jetzt, als Andrej die Wunde nicht mit den Augen eines ausgehungerten Raubtieres sah, erkannte er, dass sie weniger schlimm war als es im ersten Moment den Anschein gehabt hatte. Mit einem Ruck zog er den Holzsplitter heraus. Bason zog scharf die Luft ein; Tränen traten ihm in die Augen.