Laurus schenkte ihm nur einen finsteren Blick, und nachdem er einen Moment lang vergeblich auf eine Antwort gewartet hatte, verließ Schulz endgültig den Wagen. Andrej folgte ihm zur Tür und sah, wie er und seine beiden Begleiter aufsaßen und davon ritten.
Ohne die Tür zu schließen, drehte er sich zu Laurus herum. »Das war nicht besonders klug von Euch.«
»Was? Mir die Unverschämtheiten dieses Kerls nicht gefallen zu lassen?«
»Ihn zu reizen«, antwortete Andrej. »Ich weiß, es geht mich nichts an, aber er hat Recht: Die Menschen sind schnell damit bei der Hand, Fremde für alles Übel verantwortlich zu machen, das ihnen widerfährt.«
Laurus schnaubte. »Vielen Dank für diesen guten Rat, Andreas! Aber stell' dir vor, das habe ich auch schon gemerkt. Zum ersten Mal vor ungefähr vierzig Jahren.« Er stand mit einem so zornigen Ruck auf, dass sein Stuhl zurückflog und umgestürzt wäre, wäre er nicht gegen die Wand geprallt. »Und wo wir schon einmal dabei sind, was habt Ihr und Euer schwarzgesichtiger Freund bei der Mühle getan?«
»Nur das, was ich Euch gestern erzählt habe«, sagte Andrej.
»So?«, schnaubte Laurus. »Und deshalb kommt dieser Narr hierher und bezichtigt meine Frau der Hexerei und uns der Wegelagerei?«
»Laurus, begeht jetzt nicht den gleichen Fehler wie Schulz«, sagte Andrej. »Oder sind Abu Dun und ich nun unweigerlich Schuld an dem, was passiert ist, nur, weil wir für Euch Fremde sind? Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich habe zu tun.«
Auch die Vorstellung an diesem Abend fand ohne Abu Dun und Andrej statt. Er war noch zwei Mal im Zelt des Nubiers gewesen und hatte sich nach seinem Befinden erkundigt, war aber nie nicht lange geblieben, obwohl er gespürt hatte, wie sehr es Abu Dun danach drängte, mit ihm zu reden. Er würde um dieses Gespräch nicht herumkommen, vielleicht noch heute, spätestens aber morgen, aber solange es ihm möglich war, ging er ihm aus dem Weg. Vielleicht, weil er im Grunde schon wusste, wie ihre Unterhaltung enden würde. Es kam selten vor, aber Andrej hatte dem Freund insgeheim schon längst Recht gegeben. Sie konnten nicht hier bleiben. Ja, sie hätten gar nicht erst hierher kommen sollen.
Er beschäftigte sich den ganzen Tag über mit allen möglichen Aufgaben - einige wurden ihm zugewiesen, andere suchte er sich selbst -, und als es dämmerte, die ersten Feuer angezündet wurden und die ersten Gäste ins Lager zu strömen begannen, zog er sich wieder in seinen Wagen zurück. Er war nicht dazu gekommen, weiter Ordnung zu machen, und wollte den letzten Rest vom Tageslicht ausnutzen, um dies nachzuholen.
Natürlich schaffte er es nicht. Er war unkonzentriert, nervös und mit den Gedanken nicht bei der Sache, und als das Licht verblasste und er in dem heruntergekommenen Wagen nur noch Schatten wahrnahm, war er beinahe dankbar dafür. Immerhin hatte er sein Bett hergerichtet und den gröbsten Schmutz und die zerbrochenen Möbel entfernt, und für die ein oder zwei Tage, die sie wahrscheinlich nur noch bleiben würden, reichte diese Unterkunft vollkommen aus.
Jemand klopfte an seine Tür. Andrej war im ersten Moment irritiert, fast erschrocken. Die Auswahl derjenigen, die ihn besuchen würden, war nicht besonders groß, und keinen davon wollte er im Moment wirklich sehen. Dennoch öffnete er und blinzelte einen Moment lang verständnislos in das Gesicht Elenas, die draußen stand und eine brennende Sturmlaterne in der Hand hielt. »Elena?«
»Ja. Jedenfalls war das bis eben mein Name«, antwortete sie lächelnd. »Komme ich ungelegen?« Sie wartete seine Antwort nicht ab, sondern raffte mit der freien Hand ihr Kleid, um die Treppe hinaufzusteigen und drängte sich einfach an ihm vorbei in den Wagen. Das Licht der Sturmlaterne vertrieb die barmherzige Dämmerung, die die Unordnung gnädig eingehüllt hatte, und erfüllte das Wageninnere mit bleicher Helligkeit und harten Schatten. Elena ging bis zur Mitte des Wagens, drehte sich, die Lampe immer noch haltend, einmal um sich selbst und sagte dann: »Oh.«
»Ich bin ... nicht sonderlich gut in solchen Dingen«, sagte Andrej mit einem verlegenen Lächeln.
»Ja, mir scheint auch, hier fehlt die Hand einer Frau«, meinte Elena. Sie sah sich nach einem Platz um, an dem sie die Lampe abstellen konnte, setzte sie schließlich einfach auf den Boden und sah sich noch einmal um. »Ich habe mich immer gefragt, warum Laurus den Wagen nicht schon längst ausrangiert hat, aber ich glaube, jetzt weiß ich es.«
»Er ist besser als ein Zelt«, antwortete Andrej, »und für die kurze Zeit wird es schon reichen. Warum bist du hier?«
Unbemerkt war er so weit von Elena zurückgewichen, wie es in dem kleinen Wagen überhaupt möglich war. Sie neigte den Kopf und schien über seine Frage nachzudenken. »Eigentlich wollte ich dir nur eine Lampe bringen - und dich fragen, wo du bleibst. Wir sind alle draußen am Feuer und feiern.«
»Mir ist nicht nach Feiern zumute«, antwortete Andrej.
»Und nicht danach, Laurus zu begegnen«, sagte Elena mit einem Nicken, das aus der Frage eine Feststellung machte. »Ich kann dich beruhigen. Er ist nicht im Lager.«
»Ist das klug?«, fragte Andrej. »Nach dem, was Schulz heute Morgen gesagt hat?«
»Nur aus diesem Grund ist Laurus in die Stadt geritten«, erwiderte Elena. »Er will sich bei ihm entschuldigen und noch einmal in Ruhe mit ihm reden.«
»Entschuldigen? Laurus?« Die Worte waren ihm in einem fast ungläubigen Ton herausgerutscht, aber Elena lachte nur laut auf.
»Auch wenn man es nicht für möglich hält, aber Laurus weiß tatsächlich, was dieses Wort bedeutet«, sagte sie. »Er ist kein schlechter Mensch. Ganz im Gegenteil. Nur ist er manchmal ein wenig aufbrausend.«
Andrej schwieg dazu und betrachtete ein paar Sekunden lang aufmerksam ihr Gesicht. Wie allen anderen war er auch ihr den ganzen Tag über aus dem Weg gegangen und hatte sie seit gestern nicht mehr gesehen. Er hatte befürchtet, dass ihr Auge angeschwollen oder zumindest verfärbt war, aber er entdeckte nicht mehr die mindeste Spur des Schlages, den Laurus ihr gestern Abend versetzt hatte. Offensichtlich war er doch nicht so heftig gewesen, wie es im ersten Moment schien.
Schließlich schüttelte er den Kopf. »Ich bleibe heute lieber hier. Ich muss über eine Menge nachdenken.«
»Du warst gestern Abend noch einmal bei Anka«, sagte Elena plötzlich.
Andrej seufzte. »Und ich dachte, ich wäre leise gewesen.«
»Das warst du«, beruhigte ihn Elena. »Aber dieses Lager ist zu klein für jedes noch so gut gehütete Geheimnis. Es sei denn«, fügte sie leise hinzu, »ich will es anders.« Andrej wollte diese Bemerkung lieber nicht verstehen. Er hielt ihrem Blick noch einen Moment lang Stand, dann räusperte er sich unbehaglich und verschränkte die Arme vor der Brust. Elena sagte nichts, aber er hatte das Gefühl, dass das amüsierte Funkeln in ihren Augen heller glomm.
»Ich ... danke dir, dass du mir die Lampe gebracht hast«, sagte er. »Aber jetzt...«
»Ja?«
»Man ... wird dich sicher schon vermissen«, sagte er nervös und ohne Elena direkt ins Gesicht zu sehen. »Wenn so viele Gäste kommen, wird doch sicher jede Hand gebraucht.«
»Ich habe gesagt, dass ich nach Anka sehe«, antwortete Elena. Sie kam näher. Ganz plötzlich fiel Andrej auf, dass ihr Duft den engen Wagen erfüllte wie ein schweres, fast schon betäubendes Duftwasser, und wie enervierend das leise Knistern war, mit dem ihr Haar über den Stoff ihres Kleides strich.
»Elena«, sagte er, »wir sollten -«
»Was?«
Ihre Lippen berührten sacht sein Gesicht. Es war nur ein Hauch, aber selbst der war schon zu viel. Da war noch immer ein winziger Rest von Verstand in Andrej, der ihm zuschrie, dass er dabei war, einen gewaltigen, vielleicht nicht wieder gutzumachenden Fehler zu begehen, aber die schiere Explosion von sinnlicher Energie, die die flüchtige Berührung ihrer Lippen in ihm auslöste, fegte die Stimme der Vernunft davon. Statt sich zu wehren oder sie von sich zu stoßen, schloss er die Frau in seine Arme und presste seine Lippen so fest auf die ihren, dass es schon fast wehtat.