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Dennoch ritt er nur noch ein kleines Stück weiter, bevor er ganz abstieg, das Tier wenige Schritte weit in den Wald hineinführte und seine Zügel an einem Ast festband. Er glaubte jetzt, Schreie zu hören, vielleicht auch Kampflärm, aber er war nicht ganz sicher. Für die Dauer einiger schwerer Herzschläge blieb er stehen, schloss die Augen und versuchte auch, die schrecklichen Geräusche zu ignorieren, um auf einer anderen, weiter reichenden Ebene in den Wald hineinzulauschen.

Sie waren da. Er konnte ihre finstere Präsenz spüren, wie einen Pesthauch, der die Nacht durchzog, und jetzt fühlte er auch noch etwas. Etwas, das die ganze Zeit über da gewesen war, vom ersten Tag an, als er das Lager der vermeintlichen Sinti betreten hatte, nur, dass er es niemals bemerkt hatte - weil etwas ihn daran hinderte.

Andrej zog sein Schwert aus dem Gürtel und lief los. Trotz seiner scharfen Augen und des immer lauter werdenden Kampflärmes, der ihm den Weg wies, lief er ein gutes Stück weit in die falsche Richtung, ehe er seinen Irrtum erkannte und seinen Kurs korrigierte. Statt unmittelbar unter der Mühle aus dem Wald zu treten, ragte der mit Ruß und verbrannten Trümmern bedeckte Hügel vor ihm auf, sodass er sich mühsam seinen Weg durch die verkohlte Ruine bahnen musste, ehe er sah, was sich auf der anderen Seite abspielte.

Er hatte sich nicht getäuscht. Es war Kampflärm gewesen, den er gehört hatte, und er kam zu spät. Am Waldrand auf der anderen Seite des Weges, fast genau dort, wo Elenas Kinder gestanden hatten, als Abu Dun und er in der Mühle gewesen waren, war etwa ein Dutzend Pferde angebunden. Bei den meisten handelte es sich um derbe Tiere, die eher dazu geeignet schienen, einen Wagen zu ziehen als einen Reiter zu tragen, zumindest drei indes waren unverkennbar Schlachtrösser, und eines trug eine prachtvolle Schabracke, deren Gold- und Silberstickereien selbst in der Nacht noch glänzten.

Die Männer, die auf diesen Pferden geritten waren, lagen erschlagen auf dem Hügel.

Andrej schloss für einen Moment die Augen, konzentrierte sich und stellte fest, dass noch nicht aus allen Körpern das Leben gewichen war, und als er aus der Ruine hervor und ins helle Mondlicht trat, hörte er ein halblautes Wimmern.

Aber das würde nicht mehr lange so bleiben, denn der Mann, der dieses Gemetzel angerichtet hatte - ein ganz in Schwarz gekleideter Hüne - versetzte genau in diesem Moment einem der wenigen Überlebenden den Todesstoß. Dann drehte sich Abu Dun herum und ging langsam zum Weg zurück. Andrej verbarg sich im Schutz der Ruine, als er spürte, wie sich in den Schatten auf der anderen Seite des Weges etwas regte. Aufmerksam beobachtete er aus seinem Versteck heraus, was weiter geschah.

Die Gestalt, der sich Abu Dun nun mit seinem blutigen Säbel näherte, unterschied sich deutlich von den anderen. Es war kein Krieger, sondern ein hoch gewachsener, sehr schlanker Mann, der einen prachtvollen roten Mantel trug und neben dem eine spitze, ebenfalls mit Gold- und Silberstickereien verzierte Mütze im Schlamm lag. Er war verletzt. Sein Gesicht war blutüberströmt, und es hätte Andrejs übersinnlicher Kräfte nicht bedurft, um die blanke Todesangst zu erkennen, die in seinem Blick lag. Als Abu Dun vor ihm stehen blieb und den Säbel hob, riss der Mann entsetzt beide Hände vor das Gesicht und begann zu wimmern.

Doch Abu Dun schlug nicht zu. Er stand einfach reglos da und starrte auf das zitternde Häufchen Elend hinab, bei dem es sich um keinen Geringeren als den Inquisitor handeln musste, von dem Flock gesprochen hatte. Der Nubier schien auf etwas zu warten, und Andrej wusste, worauf.

Aufmerksam sah er sich um. Er konnte spüren, dass sich Elena und ihre Höllenbrut näherten, aber noch waren sie nicht zu sehen, und vermutlich blieben ihm noch einige Minuten.

Vorsichtig und jeden Schatten als Deckung ausnutzend, trat Andrej zum zweiten Mal aus der Ruine und huschte zu einem der Toten. Dem Mann war mit einem sauberen Schnitt die Kehle durchtrennt worden, und er schien nicht einmal die Zeit gefunden zu haben, seine Waffe zu ziehen. Auf seinem Gesicht lag kein Ausdruck von Erschrecken oder Schmerz, sondern nur der maßloser Überraschung. Andrej kannte ihn. Es war einer der beiden Soldaten, die Schulz begleitet hatten.

Sein Dienstherr lag nur ein Dutzend Schritte entfernt auf dem Hügel, und als Andrej neben ihm niederkniete, sah er, dass Schulz noch am Leben war. Er hatte eine üble Schnittwunde in der Schulter, die heftig blutete, aber er war bei Bewusstsein. Als er Andrej erblickte, verzerrte sich sein Gesicht vor Furcht, aber Andrej machte eine warnende Bewegung und sah wieder zu Abu Dun hin. Der Nubier schien noch nichts von seiner Anwesenheit bemerkt zu haben. Er hatte ihm den Rücken zugewandt und das Schwert sinken lassen, stand aber immer noch in eindeutig drohender Haltung über dem wimmernden Kirchenmann.

»Hab keine Angst«, flüsterte Andrej. »Ich bin hier, um Euch zu helfen.«

Schulz' Blick flackerte. Für einen Moment erschien eine wilde, verzweifelte Hoffnung darin, aber Andrej sah auch, dass er es nicht gestattete, an diese Hoffnung zu glauben. »Es ist nicht so, wie es aussieht, glaubt mir«, flüsterte er. »Abu Dun ist nicht er selbst. Er weiß nicht, was er tut.«

»Sie hatten Recht«, stöhnte Schulz. »Ihr seid vom Teufel besessen. Ihr seid Dämonen.«

»Glaubt doch, was Ihr wollt«, antwortete Andrej. »Aber jetzt haltet den Mund, sonst ist es um uns beide geschehen.« Er machte eine fahrige Handbewegung. »Ist sonst noch jemand am Leben?«

»Flock«, flüsterte Schulz. »Ich glaube, er ... er lebt noch.«

»Flock?«, keuchte Andrej. »Ihr Wahnsinniger habt ihn mit hierher gebracht?«

»Er hat darauf bestanden«, presste Schulz zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. Er schien starke Schmerzen zu haben. Trotzdem hob er die Hand und deutete mit zitternden Fingern auf eine verkrümmte Gestalt, die nur wenige Schritte entfernt lag. Andrejs Herz machte einen schmerzhaften Sprung in seiner Brust, als er den jungen Geistlichen erkannte. Flock lag auf der Seite und hatte die Beine an den Leib gezogen. Er wies zumindest auf den ersten Blick keine sichtbaren Verletzungen auf, aber in dem erbarmungswürdigen Zustand, in dem er sich befand, reichte es vermutlich schon, ihn aus dem Sattel zu stoßen, um ihn damit umzubringen. »Seid still!«, zischte Andrej. »Wenn Ihr die Kraft habt, dann kriecht in den Wald, aber macht es um Himmels Willen lautlos!«

Nach einem weiteren Blick in Abu Duns Richtung huschte er geduckt los. Andrej war sich durchaus darüber im Klaren, dass er völlig ohne Deckung war, und kaum mehr als ein Dutzend Schritten von Abu Dun entfernt. Der Nubier musste sich nur herum drehen, um ihn zu sehen, und in dem Blutrausch, in dem er sich ganz offensichtlich befand - und bei dem, wozu er geworden war - war Andrej ihm vermutlich nicht gewachsen, sollte dieser ihn angreifen. Trotzdem schlich er rasch neben Flock und hob den jungen Geistlichen behutsam auf die Arme. Flock stöhnte vor Schmerz. Abu Dun musste ihn gehört haben, aber er regte sich immer noch nicht. Er stand einfach da, starrte den Mann im roten Mantel der Inquisition zu seinen Füßen an, und schien auf irgendetwas zu warten. Vielleicht hatte er Andrej sogar bemerkt und es war ihm schlichtweg egal.

Andrej trug Flock zurück in die Ruine, legte ihn behutsam hinter die Reste einer niedergebrannten Mauer auf den Boden, und wollte gerade Schulz holen, als er eine Überraschung erlebte. Der grauhaarige Mann hatte sich aus eigener Kraft erhoben und taumelte, gebeugt und die rechte Hand auf die immer noch heftig blutende Schulter gepresst, auf ihn zu. Abu Dun, der wie ein schwarzer Dämon hinter ihm aufragte, regte sich noch immer nicht.

Mit Andrejs Hilfe gelang es Schulz, die letzten Schritte zurück zu legen und mit einem erschöpften Keuchen neben Flock auf die Knie zu sinken. »Was bedeutet das, Andreas?«, murmelte er. Sein Blick war noch immer voller Furcht und Misstrauen. Er war weiter denn je davon entfernt, Andrej zu glauben. Vielleicht hatte er einfach resigniert und eingesehen, dass ihm keine andere Wahl blieb.