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Abu Dun hockte auf einem Felsen und hatte das Gesicht in den Händen vergraben, als Andrej zurückkehrte. Er war ein wenig überrascht, den Nubier bereits wieder wach vorzufinden. Er hatte ihm eine tödliche Verwundung beigebracht, und er hatte fest damit gerechnet, dass er viel länger brauchen würde, um sich davon zu erholen. Als er das erste Mal getötet worden war, hatte es Tage gedauert, bis er wieder zu sich gekommen war.

Abu Dun nahm die Hände herunter, als er die Schritte hörte. Seine Rechte senkte sich automatisch auf den Griff des Krummsäbels, den er wieder im Gürtel trug, und hielt inne, als er Andrej erkannte.

»Du bist schon wach«, stellte Andrej überrascht fest. »Du erstaunst mich immer wieder, Sklavenhändler.«

Abu Dun zog eine Grimasse und begann mit der linken Hand die Stelle zu massieren, an der Andrejs Schwert seine Brust durchbohrt hatte. »Du hast mir nie gesagt, dass es so weh tut.«

»Es wird von Mal zu Mal besser«, antwortete Andrej. »Du wirst dich daran gewöhnen.«

»Werde ich das?«, fragte Abu Dun. Sein Blick verdüsterte sich, und Andrej begriff, dass er nicht den körperlichen Schmerz gemeint hatte.

»Das wirst du wohl müssen«, sagte er kühl. »Man bekommt im Leben nichts geschenkt, weißt du? Nicht einmal die Unsterblichkeit.«

»Aber vielleicht ist der Preis zu hoch«, murmelte Abu Dun. »Bei Allah, was habe ich nur getan?«

»Es war nicht deine Schuld«, sagte Andrej. »Du hättest dich nicht wehren können. Nicht einmal ich konnte es.«

Er hatte geglaubt, mit teilnahmsloser Stimme zu sprechen, aber das konnte nicht stimmen, denn Abu Dun musterte ihn nun mit alarmiertem Blick. »Aber du hast doch -« Er sog scharf die Luft ein. Seine Augen weiteten sich, als er die blutige Schwertklinge in Andrejs Hand sah. »Was -?«

Er sprang auf, rannte ein paar Schritte in die Richtung zurück, aus der Andrej gekommen war, und blieb mit einem unterdrückten Keuchen stehen, als er den Waldrand erreichte und das Lager sehen konnte. Selbst aus dieser geringen Entfernung betrachtet, wirkte es friedlich und ruhig. Nirgends regte sich ein Zeichen von Leben. Irgendwo jaulte ein Hund, und zwei oder drei der Pferde schnaubten unruhig, aber das war alles. »Was hast du getan?«, fragte Abu Dun erschüttert.

»Was ich tun musste«, antwortete Andrej. Er ging in die Hocke, raffte eine Handvoll Moos zusammen und begann, die Schwertklinge damit zu säubern. Seine Bewegungen waren gleichmäßig und ruhig, mehr Ritual als lästige Pflicht. Andrej hatte es tausendmal getan in den vergangenen Jahren, und dennoch war er heute so wenig bei der Sache, dass er sich zweimal an dem Rasiermesser scharfen Stahl schnitt. Er merkte es nicht einmal.

Irgendwann trat Abu Dun hinter ihn, aber Andrej fuhr fort, das Damaszenerschwert zu polieren, obwohl die Klinge längst wie Silber schimmerte.

»Aber warum?«, murmelte Abu Dun. »Seit wir zusammen sind, warst du auf der Suche nach ihnen.«

»Vielleicht hab ich mich geirrt«, sagte Andrej.

»Aber sie hätten dir alles sagen können. Die Antworten auf alle Fragen, die du dir je gestellt hast.«

»Vielleicht bin ich ja zu dem Schluss gekommen, dass ich sie gar nicht hören will.«

»Du weißt, dass du ab jetzt ein Ausgestoßener bist?«, fragte Abu Dun. »Was du getan hast, wird sich herumsprechen. Auch unter deinesgleichen.«

»Du irrst dich schon wieder, Sklavenhändler«, sagte Andrej. »Es muss heißen: Unter unseresgleichen.« Er stand auf, schob das Schwert in die Scheide zurück und drehte sich mit einem Ruck zu Abu Dun herum. »Vielleicht hätte ich dir die Zunge abschneiden sollen, statt nur deine Brust zu durchbohren«, sagte er. »Manchmal dauert es lange, bis abgetrennte Körperteile nachwachsen. Und manchmal tun sie es gar nicht.«

Der Nubier setzte zu einer Antwort an, doch in diesem Moment raschelte es hinter ihnen im Unterholz, und Andrej hörte Schritte. Mit einer Schnelligkeit, die nicht einmal er Abu Dun zugetraut hätte, wirbelte der schwarzgesichtige Riese herum und war einen Atemzug später im Gebüsch verschwunden.

Und wie es aussah, keinen Augenblick zu früh, denn die Schritte kamen näher, und noch bevor die Äste des Busches, durch den Abu Dun außer Sicht gekrochen war, zu zittern aufgehört hatten, erschien ein grauhaariger Mann mit schmutziger Kleidung und einem hastig angelegten, blutigen Verband über der linken Schulter vor Andrej.

»Schulz«, murmelte Andrej überrascht. »Was tut Ihr denn hier?« Ohne eine Antwort abzuwarten, lief er an dem Mann vorbei und starrte argwöhnisch in die Richtung, aus der der Grauhaarige gekommen war.

»Keine Sorge«, sagte Schulz. »Ich bin allein.«

»Was tut Ihr hier?«, fragte Andrej noch einmal.

»Vielleicht sollte ich mich bei Euch bedanken, Andreas«, sagte Schulz. »Immerhin habt Ihr mir das Leben gerettet.«

»Bildet Euch nichts darauf ein«, antwortete Andrej. »Das war mehr ein Zufall.«

»Das mag sein«, sagte Schulz. Er sah sich aufmerksam um. Sein Blick blieb einen Moment lang auf Abu Duns schwarzem Hengst haften, ehe er sich wieder an Andrej wandte. »Ihr habt Euren Freund beerdigt, Andreas?«

»Draußen im Wald, ja«, antwortete Andrej. »Das wäre sein Wunsch gewesen. Er hat den Gedanken immer gehasst, auf einem Friedhof zu liegen, inmitten so vieler Toter. Und wenn Ihr glaubt, Ihr wäret mir etwas schuldig, so könnt Ihr Eure Schuld auch gleich zurückzahlen: Versucht nicht, seine letzte Ruhestätte zu finden oder ihn gar auszugraben.«

»Natürlich nicht«, sagte Schulz. »Das ist das Mindeste, was ich für Euch tun kann.« Er schwieg einen Moment. Dann trat er wieder an Andrejs Seite und blickte in die gleiche Richtung wie er zuvor; aber nur für einen Moment, bevor er sich herumdrehte und das Lager aus Zelten und Wohnwagen betrachtete. »Ich war gerade dort«, sagte er. »Ich habe Euch gesehen.«

»So?«, fragte Andrej. »Und was werdet Ihr jetzt tun?«

»Das hängt vielleicht ganz von Euren Antworten ab«, erwiderte Schulz. »Warum habt Ihr es getan?«

Andrej hob die Schultern. »Jemand musste es tun.« Schulz nickte, als wären das genau die Worte, die er erwartet hatte. »Dann werdet Ihr gehen müssen«, sagte er. »Flock und ich haben dem Inquisitor alles erklärt. Ich meine: Wir haben ihm alles erzählt, was er hören wollte.«

»Wie geht es Flock?«

»Er wird wieder gesund, glaube ich«, antwortete Schulz. »Und was diesen eingebildeten Popanz von Inquisitor angeht, so hat er genug gesehen und gehört, um guten Gewissens in sein Kloster zurückkehren und sich noch ein paar Verdienste für seinen Ablass gutschreiben zu lassen. Macht Euch keine Sorgen um ihn. Aber dort drüben liegen eindeutig zu viel Tote, als dass niemand Fragen stellen würde. Besser, Ihr verlasst diese Gegend, Andreas. Schnell.«

Andrej schwieg eine kleine Ewigkeit. Dann trat er einen Schritt zurück, drehte sich ganz zu Schulz herum und sagte: »Danke.«

»Wahrscheinlich werde ich nie ermessen können, was Ihr wirklich für uns getan habt, Andreas«, sagte Schulz ernst. »Und ich glaube, ich bin es, der sich zu bedanken hat. Auch im Namen all der braven Leute hier, die gar nicht wissen, in welcher Gefahr sie geschwebt haben. Aber nun solltet Ihr gehen.« Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da hob er plötzlich die Hand, als wäre ihm noch etwas eingefallen. »Beantwortet mir noch eine Frage, Andreas.«

»Nur zu«, sagte Andrej. »Wenn es nicht zu lange dauert.«

Schulz maß Abu Duns Pferd noch einmal mit einem nachdenklichen Blick. »Dieser Zaubertrick, von dem man mir erzählt hat«, sagte er. »Als es so aussah, als hätte Euer heidnischer Freund Euch mit dem Schwert durchbohrt und so vom Leben zum Tode befördert. Ich habe gehört, Ihr wäret sehr überzeugend gewesen. Überzeugend genug, dass alle, die dabei waren, Stein und Bein geschworen haben, es wäre kein Trick gewesen.«