»Du!«, schnappte Andrej. Und dann schrie er, noch einmal und mit kreischender, fast überkippender Stimme:
»Du !!!« Nichts anderes mehr zählte. Die Schlacht und die Krieger ringsum wurden bedeutungslos. Es gab nur noch den Drachenritter, den Mörder seiner Familie den er sterben sehen wollte. »Du!« brüllte Andrej noch einmal.
»Du gehörst mir! Stell dich!« Der Kopf des Drachenritters ruckte mit einer schlangengleichen Bewegung herum. Ein türkischer Krieger attackierte ihn. Der Ritter schlug ihn mit ,ernenn dornenbesetzten Handschuh zu Boden, hob ,einen schrecklichen Morgenstern und machte eine spöttische, winkende Bewegung, mit der er die Herausforderung annahm. Andrej stürmte los. Niemand versuchte ihn aufzuhalten. Vielleicht hatten die Männer trotz des tobenden Kampfes bemerkt, was zwischen ihm und dem Drachenritter vorging, aber vielleicht war da auch etwas in seinem Gesicht und seinen Augen, was die Männer erschreckte. Der Drachenritter hob seinen Morgenstern höher und Andrej führte einen zornigen Hieb gegen seinen Arm aus, um ihn zu entwaffnen. Er hatte seinen Gegner unterschätzt. Der Drachenritter ignorierte seinen Angriff und verließ sich zu Recht darauf, das seine Rüstung dem Schwerthieb Stand halten würde. Gleichzeitig schlug er mit seinem stachelbewehrten linken Handschuh zu. Trotzdem mußte Andrejs Schwerthieb den Arm des Drachenritters gelähmt haben, denn er ließ den Morgenstern fallen und taumelte zurück, aber auch sein Hieb traf und die Wirkung war verheerend. Andrej sank in die Knie. Ein grausamer Schmerz, explodierte in seinem Leib, als die zehn Zentimeter langen Dornen in sein Fleisch bissen, und er spürte, wie schlagartig alle Kraft aus seinem Körper wich. Er ließ das Schwert fallen, kippte nach vorne und erbrach würgend Blut und Schleim. Aus den Augenwinkeln salz er, wie der Drachenritter mit einem raschen Schritt sein Gleichgewicht fand und sich nach seiner Waffe bückte. Dann sah er etwas anderes, was ihn selbst den Drachenritter für den Moment vergessen ließ. Auch Frederic hatte sich mit einem Schwert bewaffnet, das er wohl einem toten Krieger abgenommen hatte. Er stürmte heran, tauchte unter einem Speer hindurch, mit dem ein türkischer Krieger nach ihm stocherte und versetzte dem Mann aus der gleichen Bewegung heraus einen tiefen Stich in die Wade. Der Mann brüllte vor Schmerz und Wut, fuhr herum und schlug Frederic den Speer quer über den Rücken. Frederic stürzte mit weit nach vorne gestreckten Ar men zu Boden und ließ das Schwert fallen. Der Türke führte seine Bewegung zu Ende, drehte den Speer herum und stieß ihm die Spitze zwischen die Schulterblätter. Andrej schrie auf, als hätte ihn selbst die tödliche Speerspitze getroffen, sprang in die Höhe und warf sich auf den Krieger. Mit einem einzigen Hielt schleuderte er ihn zu Boden, riss den Speer aus Frederics Rücken und tötete den Mann mit seiner eigenen Waffe. Dann ließ er sich neben Frederic auf die Knie fallen und drehte ihn herum. Frederic war bei Bewusstsein, hatte aber große Schmerzen. Er weinte. Die Wunde in seiner Brust hatte sich noch nicht ganz geschlossen, hörte aber bereits auf zu bluten. Der Stich hatte sein Herr verfehlt. Die Wunde war nicht tödlich. Entspanne dich sagte er.
»Du darfst nicht dagegen ankämpfen! Lass deinen Körper die Arbeit tun!« Er wußte nicht, ob Frederic ihn überhaupt hörte, und ihm blieb auch keine Zeit, sich weiter um ihn zu kümmern Doch auch wenn der Drachenritter die Gelegenheit nicht nutzte, um zu Ende zu bringen, was er angefangen hatte, war der Kampf noch nicht vorüber, und er wurde sofort wieder attackiert. Ein weiterer türkischer Krieger drang auf ihn ein. Andrej war im Moment waffenlos. Er ließ sich zur Seite fallen, hörte ein Schwert über sich hinwegzischen und schlug instinktiv die Arme vors Gesicht, als der Krieger mit seinem Schild nach ihm stieß. Die Abwehrbewegung kam zu spät. Andrej wurde hart getroffen und fiel nach hinten, griff aber auch im gleichen Moment zu und packte mit beiden Händen den Schild. Mit einem kräftigen Ruck brachte er den Mann aus dem Gleichgewicht, schleuderte ihn über sich hinweg und nutzte den Schwung seiner eigenen Bewegung, um mit einer Rolle wieder auf die Füße zu kommen. Noch bevor der Krieger vollends zu Boden gestutzt war, war Andrej über ihm, entriss ihm seine Waffe und stieß ihm die Klinge ins Herz. Ein harter Schlag traf seinen Rücken. Er stolperte nach vorne, fand mit einem raschen Ausfallschritt seilte Balance wieder und wirbelte herum. Ein weiterer Krieger hatte ihn angegriffen. Blut lief über seinen Rücken, aber die Wunde war nicht tief. Andrej griff den Mann sofort und mit kompromissloser Wucht an. Der völlig verblüffte Krieger parierte seinen Hieb zwar wurde aber zurückgetrieben, stolperte über irgendetwas und stürzte mit hilflos rudernden Armen nach hinten. Als er zu Boden fiel, stürzte sich Frederic auf ihn.
Es ging zu schnell, als das Andrej es verhindern konnte. Er hätte ohnehin nichts mehr tun können, um Frederic zurückzuhalten. Der Junge warf sich auf den gestürzten Krieger, presste ihn durch die schiere Wucht seines Angriffs zu Boden und grub die Zähne in seine Kehle. Der Türke brüllte vor Schmerz und bäumte sich auf, aber es war aussichtslos: Frederics Zähne zerfetzten seinen Kehlkopf und seine Halsschlagader in Sekundenschnelle. Aus seinem Schrei wurde ein schreckliches, nasses Gurgeln und seine Arme und Beine begannen unkontrolliert zu zucken. Aber Frederic hörte nicht auf. Sein Gesicht wühlte sich weiter in die Kehle des sterbenden Mannes und seine zu Krallen gewordenen Finger tasteten nach seinen Augen. Er begann das Blut des Mannes zu trinken. Endlich löste Andrej sich aus seiner Erstarrung. Er ließ das erbeutete Schwert fallen, stürzte vor und riss Frederic von seinem Opfer fort. Der Junge wehrte sich wie von Sinnen, schrie und schlug nach ihm. Er bot einen furchtbaren Anblick. Sein Mund war blutverschmiert, die Zähne rot vom Lebenssaft seines Opfers, den er getrunken hatte. In seinen Augen loderte etwas, das schlimmer war als Wahnsinn. Andrej schüttelte ihn, so fest er konnte.
»Frederick« schrie er.
»Hör auf! Um Gottes willen, hör auf!« Frederic hörte nicht auf, sondern wehrte sich nur mit umso größerer Kraft, sodass es Andrej kaum noch möglich war, ihn zu halten. Schließlich sah er keine andere Wahl mehr: Er holte aus und versetzte Frederic einen Fausthieb ins Gesicht, der dem Jungen auf der Stelle das Bewusstsein raubte. Frederic erschlaffte in ,einen Armen. Andrej ließ ihn sanft zu Boden sinken und richtete sich auf. Die Schlacht war nahezu vorbei. Hier und da wurde noch gekämpft, aber die Angreifer hatten gesiegt. Die wenigen türkischen Krieger, die noch am Leben und nicht zu schwer verletzt waren, versuchten sich von ihren Gegner zu lösen und zu fliehen. Der Drachenritter selbst beteiligte sich nicht mehr am Kampf. Er stand in einiger Entfernung da und starrte ihn an. Andrej wurde klar, das er auch die unheimliche Szene mit Frederic beobachtet haben mußte. Er nahm sein Schwert, trat dem unheimlichen Ritter einen Schritt entgegen und machte eine auffordernde Geste. Da war noch etwas zwischen ihnen, was darauf wartete zu Ende gebracht zu werden. Der Drachenritter nickte. Doch er nahm Andrejs Herausforderung damit nicht an. Hatte er wirklich geglaubt, das dieser Mann fair kämpfte? Andrej registrierte ein Geräusch hinter sich, aber er kam nicht einmal mehr dazu, sich umzudrehen. Ein harter Schlag traf seinen Hinterkopf und löschte sein Bewußtsein aus.