»Großer Gott«, flüsterte Andrej. Vlad ergriff ihn am Arm und zerrte ihn so grob mit sich, das er ins Stolpern geriet. Andrejs Entsetzen wuchs mit jedem Moment. Sein Magen revoltierte und er verspürte ein unsägliches Grauen, das nicht nur Übelkeit, sondern ganz konkreten körperlichen Schmerz in ihm auslöste. Die bedauernswerten Opfer dieser Gräueltat waren nicht aufgespießt worden wie Schmetterlinge auf die Nadel eines Sammlers. Die armdicken Pfähle waren zwischen ihren Beinen in ihre Leiber gerammt worden, hatten ihren Weg hinauf durch ihre Körper gesucht und waren in der Halsbeuge wieder hervorgetreten, was ihre Köpfe in eine absurde Schräghaltung zwang. Noch während Andrej glaubte, nunmehr die absolute Grenze dessen erreicht zu haben, was ein Mensch an Grauen überhaupt ertragen konnte, sah er sich abermals getäuscht. Einer der Männer ... lebte noch! Seine Augen waren geöffnet. Pein, nichts anderes als unvorstellbare Pein, stand in sein Gesicht geschrieben.
»Drei Tage«, sagte Vlad leise.
»Sein Rekord liegt bisher bei drei Tagen, die ein Opfer überlebt hat.«
»Tepesch?«, murmelte Andrej. Vlad machte ein sonderbares Geräusch.
»Wusstest du nicht, das man ihn den Pfähler nennt?«
»Nein«, antwortete Andrej. Und hätte er es gewusst, so hätte er sich nichts darunter vorstellen können. Er hatte von Grausamkeiten gehört, die Menschen einander antaten. Er hatte mehr davon gesehen, als er je gewollt hatte, aber so etwas hätte er sich bis zu diesem Moment nicht einmal vorstellen können.
»Warum ... zeigst du mir das?«, würgte er mühsam hervor. Statt gleich zu antworten zog Vlad einen Dolch aus dem Gürtel, streckte den Arm in die Höhe und befreite die gepeinigte Kreatur mit einem schnellen Stoß von ihrer Qual. Er wischte die Klinge im Gras ab und steckte sie zurück, ehe er sich zu Andrej herumdrehte.
»Damit du weißt, mit wem du es zu tun hast«, sagte er.
»Nur falls du geglaubt haben solltest, das dieser Mann auch nur noch einen Funken Menschlichkeit in sich haben könnte.« Andrej machte sich von dem entsetzlichen Anblick los (warum übte das Grauen nur eine solche Faszination auf Menschen aus?), drehte sich weg und atmete ein paar Mal tief ein und aus, bis sich die Übelkeit allmählich zu legen begann.
»Und wozu er fähig ist.«
»Menschen sind prinzipiell zu allem fähig«, murmelte Andrej. Dann schüttelte er den Kopf.
»Nein. Das hätte ich mir nicht vorstellen können.«
»Jetzt kannst du es«, sagte Vlad bitter.
»Ich wollte, das du das siehst, bevor ich dir meine Frage stelle.« Obwohl Andrej eine ziemlich konkrete Vorstellung davon hatte, wie diese Frage lautete, fragte er:
»Welche?«
»Ich habe euer Gespräch heute Morgen belauscht«, sagte Vlad.
»Und ich habe gehört, was die Männer erzählt haben, die beim Kampf gegen die Türken dabei waren.«
»Und?«, fragte Andrej.
»Ich weiß, was du bist«, sagte Vlad..
»Dann weißt du mehr als ich.«
»Es gibt Legenden, die von Männern wie dir berichten«, fuhr Vlad fort.
»Männer, die nachts ihre Gestalt verändern und auf schwarzen Schwingen fliegen. Die unsterblich sind und Blut trinken.«
»Du hast es gerade selbst gesagt, Vlad«, antwortete Andrej.
»Legenden. Märchen, mit denen man Kinder erschreckt.«
»Du bist ein Vampyr«, sagte Vlad.
»Ich weiß es.«
»So nennt man uns?« Andrej wiederholte das Wort ein paar Mal und lauschte auf seinen Klang. Es hörte sich düster an, nach etwas Uraltem, Unheiligem. Es gefiel ihm nicht.
»Selbst wenn ich so ein ... Vampyr wäre«, sagte er, »was sollte ich schon für dich tun?«
»Nicht für mich«, antwortete Vlad.
»Es gibt nichts, was irgendein Mensch auf der Welt noch für mich tun könnte - es sei denn, mir einen gnädigen Tod zu gewähren. Aber ich kann nicht sterben, solange dieses Ungeheuer noch lebt.«
»Ich verstehe«, sagte Andrej.
»Du willst, das ich ihn töte.« Er lachte, sehr leise und sehr bitter. »Du hältst mich selbst für ein Ungeheuer und du willst, das ich ein anderes Ungeheuer für dich töte.«
»Nicht für mich«, widersprach Vlad.
»Für die Menschen hier. Für das Land. Für sie.« Er deutete auf die drei Gepfählten.
»Auch für deinen jungen Freund. Willst du, das er so wird wie er?«
»Was geht mich das Land an?«, fragte Andrej kalt.
»Du hast es selbst gesagt: Die Menschen halten uns für Ungeheuer. Glaubst du, sie würden auch nur einen Finger rühren, um mir zu helfen oder Frederic?«
»Ich verlange es nicht umsonst«, sagte Vlad.
»Nicht? Was könntest du mir schon bieten?«
»Ich weiß, was du bist«, antwortete Vlad.
»Vergiss nicht, was ich bin. Wir sind Roma. Wir haben kein Land, aber wir haben Geschichten. Wir kennen alle die alten Geschichten und Legenden. Ich könnte dir sagen, woher ihr kommt und warum ihr da seid.«
»Warum?«, fragte Andrej. Vlad schüttelte den Kopf.
»Nein. Ich habe zu wenig, um etwas davon verschenken zu können. Du musst dich nicht jetzt entscheiden. Dracul wird dir nichts tun und auch dem jungen nicht. Ihr seid viel zu kostbar für ihn. Denk über meinen Vorschlag nach. Ich könnte dir von Nutzen sein.«
»Das werde ich«, versprach Andrej. Doch er hatte sich längst entschieden. Er würde dieses Ungeheuer vom Antlitz der Erde tilgen, nicht für Vlad, nicht für die drei unglückseligen Opfer vor ihnen, nicht für das Land und seine Menschen, sondern einfach, weil er eine Bestie war, ein Tier, das den Namen Mensch nicht verdiente und kein Recht hatte, zu leben.
»Das werde ich«, sagte er noch einmal.
10
Wie sie es vorausgesehen hatten, stießen sie auf Tepesch und die anderen. Nach Draculs Worten hatte Andrej eine Armee erwartet, aber der Drachenritter hatte keine drei Dutzend Männer bei sich, von denen ein Gutteil, nicht einmal Krieger zu sein schienen. Abu Dun saß auf einem Pferd neben Tepesch. Seine Hände waren nicht nur aneinander-, sondern auch an den Sattelknauf gebunden und zwar so, das er keine Möglichkeit hatte, die Zügel zu fassen. Falls sie in einen Kampf verwickelt wurden, war er so gut wie verloren. »Ihr kommt spät«, begrüßte sie Tepesch.
»So? Ich dachte, wir kämen genau zur verabredeten Zeit«, antwortete Andrej.
»Dann wollen wir hoffen, das sich die Brüder deines Freundes auch an den verabredeten Zeitplan halten«, sagte Tepesch mit einer Kopfbewegung auf Abu Dun.
»Sie sind schon ganz in der Nähe. Es wird Zeit, das wir das Feld räumen.« Andrej drehte sich halb herum und sah zum Dorf zurück. Aus der Entfernung betrachtet wirkte Rettenbach noch kleiner und ärmlicher - und vor allem wehrloser. Der Ort hatte keine Mauern, keine festen Häuser, keine Türme. Die Türken würden keine Mühe haben, ihn einzunehmen und mit seinen Bewohnern nach Belieben zu verfahren. Andrej konnte nur hoffen, das die vermeintlichen Heiden barmherziger waren als der Mann, der angeblich im Namen Christi kämpfte. Tepesch überließ sie einfach ihrem Schicksal - aber das war vielleicht nicht das Schlimmste, was ihnen durch diesen Mann widerfahren konnte.
»Spar dir deinen Atem«, sagte Dracul.
»Ich könnte nichts für sie tun, selbst wenn ich es wollte.«
»Du könntest sie mitnehmen«, sagte Andrej.
»Und mich von diesem Bauernpack aufhalten lassen?« Dracul lachte.
»Sie sind nur Ballast. Vlad - sein Pferd.« Vlad zerschnitt mit seinem Messer Andrejs Handfesseln, entfernte sich und kam kurz darauf mit zwei Pferden zurück. Andrej stieg in den Sattel und streckte die aneinander gelegten Handgelenke aus, aber Dracul schüttelte nur den Kopf.