»Weil ich es nicht kann«, gestand Abu Dun unumwunden.
»Araber sind im Augenblick in eurem Land nicht sonderlich beliebt, weißt du? Ich brauche dich. Und du mich.«
»Dann haben wir ein Problem«, sagte Andrej.
»Denn ich gehe ohne Frederic hier nicht weg.«
»Wen liebst du mehr, Deläny?«, fragte Abu Dun.
»Diesen Jungen oder das Mädchen? Weißt du was? Ich glaube, du weißt es selbst nicht. Oder ist es gar keine Liebe? Kann es sein, das du dich nur für etwas bestrafen willst?« Andrej antwortete darauf nicht. Aber für einen Moment hasste er Abu Dun dafür, das er diese Frage gestellt hatte. Vielleicht, weil er tief in sich spürte, das er Recht hatte. Tepesch kam an diesem Tag nicht mehr zu ihnen. Dafür erschienen nach einiger Zeit mehrere Bedienstete, die ihnen Strohsäcke zum Schlafen und eine überraschend reichhaltige Mahlzeit brachten. Alle schienen mit Taubheit geschlagen zu sein, denn sie beantworteten keine ihrer Fragen und reagierten nicht einmal auf ihre Versuche, ein Gespräch zu beginnen. Der Tag ging zu Ende, ohne das sie den Drachenritter oder einen seiner Krieger noch einmal gesehen hatten. Auch am nächsten Morgen blieben sie allein. Sie durften ihr Quartier zwar nicht verlassen, aber da das einzige Fenster unmittelbar über dem Tor lag, blieb ihnen nicht verborgen, das in der Stadt ein reges Kommen und Gehen herrschte. Den ganzen Tag über strebten Menschen in die Stadt, manche einzeln, zu Fuß oder in kleinen Gruppen, andere mit Pferdekarren oder Ochsen, auf die sie ihre hastig zusammengerafften Habseligkeiten gepackt hatten. Dieser Anblick erschreckte Andrej, denn er machte ihm klar, was in der Stadt vorging. Petershausen wappnete sich für den Krieg. Die Menschen kamen nicht, weil Markttag war oder ein Fest bevorstand. Sie hatten ihre Höfe und Dörfer verlassen, weil sie vor einer Gefahr flohen, die noch nicht zu sehen war, aber fast greifbar in der Luft lag. Erst, als sich die Sonne bereits wieder den Bergen im Westen entgegensenkte, bekamen sie Besuch. Es war jedoch nicht Tepesch, sondern Vlad. Er wirkte unausgeschlafen und übernächtigt. Unter seinen Augen lagen dunkle Ringe und seine Hände zitterten leicht. Etwas war geschehen, das spürte Andrej. »Dracul schickt mich«, sagte er, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten.
»Ich soll ihn entschuldigen. Er hätte gerne selbst mit euch gesprochen, aber er wurde aufgehalten.«
»Er mußte ein paar Leute hinrichten, nehme ich an?«, fragte Andrej. »Selic ist im Anmarsch«, sagte Vlad.
»Sein gesamtes Heer.«
»Hierher?«, fragte Andrej zweifelnd.
»Mehr als dreitausend Mann«, bestätigte Vlad.
»Tepesch und die anderen Ritter des Drachenordens waren fast davon überzeugt, das sie Petershausen und Waichs meiden würden, um sich unverzüglich mit dem Hauptheer zu vereinigen, das sich im Westen zum Angriff auf den ungarischen König Matthias Corvinus sammelt, aber seine Kundschafter berichten, das sie auf direktem Wege hierher sind. Petershausen wird fallen. Und Burg Waichs zweifellos auch.«
»Mir bricht das Herz«, sagte Abu Dun. Vlad sah ihn kurz und feindselig an, ohne jedoch auf seine Bemerkung einzugehen. Andrej sagte rasch:
»Was hat er jetzt vor?«.
»Fürst Tepesch erörtert seine Pläne nicht mit mir«, antwortete Vlad. »Aber ihr könnt ihn selbst fragen. Ich bin zusammen mit zwanzig Männern hier, um euch abzuholen. Er will euch sehen.«
»Was für eine Ehre«, spöttelte Abu Dun.
»Ich nehme an, er braucht unsere Schwerter, um im Kampf gegen Selics Truppen zu bestehen.« Vlad warf ihm einen neuerlichen, noch zornigeren Blick zu und Andrej spürte, wie schwer es ihm fiel, die Fassung zu wahren. Er sagte jedoch auch dieses Mal nichts, sondern drehte sich wieder ganz zu Andrej herum und griff unter sein Wams. Andrej stockte der Atem, als er sah, was Vlad darunter hervorzog.
»Er sagte, ich solle dir das geben«, sagte Vlad.
»Du wüsstest schon, was es bedeutet.« Andrej griff mit zitternden Fingern nach dem Stück Tuch, das ihm Vlad hinhielt. Es bestand aus feinem, dunkelblauem Linnen, das an einer Seite mit einer kunstvollen Goldborte verziert und offensichtlich aus einem größeren Stück herausgerissen worden war. Aus einem Kleid. Er kannte es. Es war das Kleid, das Maria in Constäntä getragen hatte, als ... Er wagte nicht, den Gedanken zu Ende zu denken, sondern schloss die Faust um den Stofffetzen.
»Ich sehe, du weißt es«, sagte Vlad. Andrej sagte nichts, sondern starrte Vlad nur an, sodass dieser fortfuhr:
»Gestern Nacht kamen Gäste auf Burg Waichs.«
»Ich nehme an, sie kamen ungefähr so freiwillig wie wir«, vermutete Abu Dun. Diesmal antwortete Vlad.
»Sie waren nicht in Ketten, wenn du das meinst«, sagte er.
»Aber ich hatte auch nicht das Gefühl, das sie vollkommen freiwillig gekommen sind.«
»Wie sahen sie aus?«, fragte Abu Dun.
»Zwei von ihnen müssen Ritter sein«, antwortete Vlad, »und der Dritte wohl ein Geistlicher. Er ist krank, glaube ich. Er konnte nicht aus eigener Kraft gehen.«
»Domenicus«, grollte Abu Dun. Sein Gesicht verfinsterte sich, aber im nächsten Moment lachte er.
»Scheinbar hat er sich mit dem Falschen eingelassen. Der Fuchs ist dem Wolf in die Falle gegangen.«
»Und das Mädchen?«, fragte Andrej. Vlad hob abermals die Schultern.
»Ich habe sie nur bei ihrer Ankunft gesehen«, sagte er.
»Sie ist nicht verletzt, das ist alles, was ich euch sagen kann.« Er machte eine Kopfbewegung auf das blaue Tuch in Andrejs Hand. »Sie bedeutet dir etwas?«
»Viel«, gestand Andrej, ohne auf Abu Duns mahnenden Blick zu achten.
»Aber ich frage mich, woher er das weiß.«
»Das fragst du dich wirklich?«, sagte Abu Dun.
»Dein junger Freund redet eben gerne.«
»Warum sollte er ...« Andrej sprach nicht weiter. Es war vollkommen sinnlos, das Gespräch fortzusetzen. Und es spielte im Grunde auch gar keine Rolle. Jetzt nicht mehr. Das Stück blauen Tuches in seiner Hand änderte alles. Er steckte es ein und stand mit versteinertem Gesicht auf.
»Gehen wir.«
11
Sie hatten Mühe, die Stadt zu verlassen. Andrej hatte bisher kaum etwas von Petershausen gesehen, aber er glaubte nicht, das die Stadt mehr als drei- oder vierhundert Einwohner hatte. Jetzt mußte es die doppelte Anzahl von Menschen sein, die ihre Mauern füllte, und durch das wuchtige Tor drängten immer noch Flüchtlinge herein. Sie kamen ausnahmslos zu Fuß, denn vor dem Tor stand eine Truppe Bewaffneter, die die Menschen zwang, ihre Wagen stehen zu lassen und nur mit dem weiterzugehen, was sie auf dem Leib trugen. Ihre Wagen und Karren waren ein Stück vor der Stadt zu einem unregelmäßigen Karree zusammengestellt. Andrej bemerkte etwas, das ihn keineswegs überraschte: Vielleicht dreißig oder vierzig von Tepeschs Männern waren offensichtlich dazu abgestellt, das zurückgelassene Hab und Gut der Flüchtlinge zu bewachen, aber nicht wenige taten das Gegenteiclass="underline" Sie plünderten. Es kam ihm grausam vor, das man die Menschen, die bereits fast alles zurückgelassen hatten, was sie besaßen, nun auch noch zwang, diesen letzten kümmerlichen Rest herzugeben, aber er sah auch ein, das es keine andere Möglichkeit gab. Die Stadt platzte schon jetzt aus ihren Nähten. Auf den Wehrgängen und hinter den Zinnen der großen Türme gewahrte er nur wenige Wachen. Wenn Petershausen sich auf eine längere Belagerung vorbereitete, dann geschah dies nicht sehr durchdacht.
»Wie groß ist Draculs Heer?«, wandte er sich an Vlad, während sie sich der kleinen Gruppe bewaffneter Reiter näherten, die in geringer Entfernung auf sie wartete.
»Nicht allzu groß«, antwortete Vlad.
»Vielleicht einhundertfünfzig Mann. Der Rest sind einfache Soldaten, Söldner oder Bauern und Gefangene, die zum Dienst gezwungen worden sind.« Er überlegte einen Moment.
»Alles in allem vielleicht gut fünfhundert Mann. Möglichweise auch siebenhundert, aber nicht mehr.«