»Ihr bleibt hier und gebt auf sie Acht. Sollte ich fallen tötet ihr sie.« Er riss sein Pferd herum und sprengte los. Nebel Biehler und Körber angekommen, blieb er noch einmal stehen und wechselte ein paar Worte mit ihnen dann setzten die zwei goldenen Reiter ihre Helme au und sie galoppierten zu dritt weiter.
»War das klug?«, fragte Abu Dun. Er klang nicht ängstlich, aber deutlich besorgt.
»Nein«, gestand Andrej.
»Aber mit ihm zu gehen wäre ebenso dumm. Er reitet in den sicheren Tod.« Er drehte sich halb im Sattel herum, um sich an Vlad zu wenden.
»Werden sie es tun?«
»Euch töten?« Vlad hob die Schultern. Er lenkt sein Pferd näher heran und senkte die Stimme, damit die anderen seine Worte nicht hörten.
»Das kann ich nicht sagen. Dracul ist bei seinen Männern nicht beliebt, aber sie gehorchen seinen Befehlen.«
»Auch wenn er tot ist?«, fragte Abu Dun. Vlad hob zur Antwort nur noch einmal die Schultern. Andrej hingegen war noch nicht endgültig davon überzeugt, das Fürst Tepesch wirklich in den siehe ren Tod ritt, wie Abu Dun anzunehmen schien. Dracul mochte sein, was er wollte: Er war kein Dumm kopf, und er war kein Selbstmörder. Wenn er diese Irrsinnsangriff tatsächlich ausführte, dann hatte er noch einen Trumpf im Ärmel.
»Wenn wir zu fliehen versuchen«, murmelte er, »wirst du uns helfen?« Vlad sah ihn durchdringend an. Er antwortete nicht. Sie waren aus den Sätteln gestiegen. Die Männer, die Dracul zu ihrer Bewachung dagelassen hatte, hatten ein Feuer entzündet, denn mit dem hereinbrechenden Abend wurde es rasch kühler. Andrej hatte zwei- oder dreimal versucht, ein Gespräch mit den Männern in Gang zu bringen, aber sie waren nicht nur einer Antwort, sondern selbst seinen Blicken ausgewichen. Sie gaben sehr gut auf Abu Dun und ihn Acht. Der Pirat und er konnten sich zwar scheinbar frei in dem kleinen Lager bewegen, aber doch keinen Schritt tun, ohne das mindestens drei der Männer diskret in ihrer Nähe waren. Am Anfang war Andrej ein wenig erstaunt über den vermeintlichen Leichtsinn, in Sichtweite des osmanischen Heeres nicht nur ein Lager aufzuschlagen, sondern auch ein so weithin sichtbares Feuer zu entzünden. Aber dann erinnerte er sich an Draculs Worte. Die Türken wussten längst, das sie hier waren. Es schien sie nicht sonderlich zu stören - und warum auch? Sie fühlten sich vollkommen sicher. Fürst Tepesch hielt Wort. Kurz bevor die Sonne unterging kam Bewegung in sein Heer: Die Männer stiegen auf ihre Pferde und gruppierten sich zu drei unregelmäßigen Trupps, die sich ohne weiteres Zögern in Gang setzten. Natürlich konnte das auch den Türken nicht verborgen bleiben, aber Andrej mußte widerwillig zugeben, das Dracul geschickt vorging: Das Heer näherte sich den Türken nicht direkt, sondern schlug einen Weg ein, der es - wenn auch gefährlich nahe - am Heerlager der Türken vorbeiführen würde. Selics Späher mussten annehmen, das sie sich auf den Weg machten, um sich mit der wartenden Verstärkung im Westen zu vereinigen. Natürlich würden sie das nicht zulassen. Es war leichter, zwei schwache als einen starken Gegner anzugreifen, und Selic reagierte so, wie es Andrej an seiner Stelle ebenfalls getan hätte - was genau in Tepeschs Plan zu passen schien: Er ließ einen Teil seiner Reiter aufsitzen und das Lager verlassen, um Tepeschs Tross zu umgehen und ihm in die Flanke zu fallen.
»Dumm ist er nicht«, sagte Abu Dun, der neben Andrej stand und wie er auf die Vorgänge im Tal hinabblickte. Es war ein fast unheimlicher Anblick. Sie sahen kaum mehr als ein großes, schwerfälliges Wogen und Gleiten, das sich in vollkommener Lautlosigkeit zu vollziehen schien. Andrej mußte sich mit immer größerer Mühe in Erinnerung rufen, das es nicht nur Schatten und zufällige Bewegungen waren, sondern Menschen. Menschen, die in wenigen Minuten aufeinander prallen und sich gegenseitig töten würden. Sein Blick suchte Dracul und seine beiden unheimlichen Begleiter. Sie ritten an der Spitze des mittleren Zuges. Zwei goldene Funken, die selbst im rasch verblassenden Licht des Abends deutlich zu erkennen waren. Mühsam riss er sich von dem Anblick los.
»Was?«
»Tepesch«, erklärte Abu Dun und machte eine entsprechende Geste.
»Er ist nicht dumm. Er bringt Selic dazu, seine Kräfte aufzuspalten. Ich an seiner Stelle würde dasselbe tun. Ich verstehe nur nicht ganz, wieso Selic darauf hereinfällt.«
»Er ist dort unten und wir hier oben«, sagte Vlad.
»Er sieht nicht, was wir sehen.« Wieder vergingen etliche Minuten, in denen sie dem Aufmarsch unter sich in gebanntem Schweigen zusahen. Andrej sah nicht, welches Zeichen Dracul seinen Männern gab, aber die drei langen Reihen bisher eher gemächlich dahintrabender Reiter schwenkten plötzlich herum und wurden gleichzeitig schneller. Es war nicht mehr still. Aus dem Tal drang das Dröhnen hunderter eisenbeschlagener Hufe herauf, und Andrej glaubte fast zu spüren, wie die Erde unter ihnen zu vibrieren begann. Das nur allmählich anschwellende, aber Furcht einflößende Kriegsgeschrei aus dutzenden von Kehlen drang an sein Ohr. Obwohl die Türken den feindlichen Heereszug genau beobachtet hatten, schien die Überraschung komplett zu sein. Die drei Abteilungen strebten keilförmig auf einen Punkt dicht innerhalb des türkischen Heerlagers zu, an dem sie sich vereinigen würden. Sie hatten den größten Teil ihres Weges bereits zurückgelegt, bevor ihre Gegner auch nur auf den Gedanken kamen, eine Verteidigung zu organisieren. Einige wenige Pfeile zischten den Angreifern entgegen und ein paar trafen ihr Ziel, aber sie vermochten den Ansturm der Reiterarmee nicht zu verlangsamen, geschweige denn aufzuhalten. Tepeschs Heer krachte wie eine riesige stählerne Faust in das osmanische Lager und zerschmetterte die hastig aufgebaute Verteidigungslinie.
»Es ist trotzdem Wahnsinn«, murmelte Abu Dun.
»Sie werden sie zwischen sich zermalmen.« Er deutete nach Westen. Die türkischen Reiter hatten Halt gemacht, als sie bemerkten, was geschah. Sie würden nur wenige Minuten brauchen, um zurückzukehren und in den Kampf einzugreifen. Tepeschs Reiterei begann allmählich an Ausdauer zu verlieren. Die Spitze des wieder vereinten Heeres, angeführt von Dracul selbst und seinen beiden goldschimmernden Begleitern, hatte fast das Zentrum des türkischen Heerlagers erreicht, aber ihr Tempo sank mit jedem Schritt, den sie sich weiter auf das Herz des Lagers, und damit Sultan Selics Zelt, zu kämpften. Die stählerne Wand, die unaufhaltsam vorwärts stürmte und dabei alles niedermachte, was sich ihr in den Weg stellte, begann auseinander zu fallen. Statt eines einzigen gewaltigen Heranstürmens zerfiel die Schlacht in immer mehr einzelne kleine Kämpfe. Noch wichen die Verteidiger zurück, entsetzt von der Wucht des selbstmörderischen Angriffs, aber sie begannen ihre Fassung zurückzugewinnen. Irgendwann würde ihre schiere Übermacht die Entscheidung herbeiführen. Auch Dracul selbst und seine beiden Begleiter wurden immer heftiger attackiert. Sie hatten Selics Zelt, das unschwer an seiner Größe und den zahlreichen bunten Wimpeln und Schilden zu erkennen war, fast erreicht. Andrej vermutete, das Tepesch um jeden Preis den Sultan selbst in seine Gewalt zu bringen versuchte. Vielleicht hoffte er, die Schlacht auf diese Weise entscheiden zu können, bevor die türkische Verstärkung zu ihnen stoßen würde. Selics Krieger kämpften jedoch mit einer Entschlossenheit und einem Mut, die ihresgleichen suchten. Viele wurden von den schwer gepanzerten Pferden einfach niedergeritten und unter ihren Hufen zermalmt, aber die Überlebenden kämpften nur umso verbissener. Noch wichen sie zurück, aber langsam kam der Rückzug zum Erliegen. Andrej sah von der Höhe ihres improvisierten Feldherrenhügels aus noch etwas, das Tepesch von seiner Position dort unten aus verborgen bleiben mußte: Das türkische Heer hatte begriffen, welche Gefahr seinem Anführer drohte. Aus allen Richtungen strömten Krieger herbei, um ihren Herrn zu beschützen.
»Was hat er vor?«, murmelte Abu Dun.